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Christopher Ecker: ›schach‹ dem vollmond

Rezensionen / Verlage


Konstantin Ames

„ich bin der der der lyrik den rhythmus nimmt“
Christopher Eckers „›schach‹ dem vollmond“ baut dem Aberwitz ein Museum


Heinz Erhardt hat es getan, aber auch bedeutende Romanciers wie Gert Peter Eigner und Peter Handke. Der Gedichtband gehört in jede bessere Schriftsteller-Bibliografie, so wie der Roman zum soignierten Promi. Die Ulknudel Erhardt ließ sich dafür von der Pampelmuse küssen, Handke erteilte in seiner „Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“ der Aufstellung des FC Nürnberg poetische Lizenzen. Im vergangenen Jahr legte der zu früh gestorbene Romanautor Gert Peter Eigner mit dem romandicken Gedichtbuch „Mammut“ zugleich sein literarisches Vermächtnis vor.
    Nun hat auch der Kieler Autor Christopher Ecker einen umfangreichen Gedichtband vorgelegt. Stand „die montage der dienstage“ (2012) noch ganz im Zeichen des Kalauers, behauptet das neue Buch unter dem Titel „›schach‹ dem vollmond“, eine Balance aus Ernst und Komik zu halten. Die Vermutung liegt nah, dass der aus Saarbrücken gebürtige Romanautor, jüngst zum Träger des saarländischen Kunstpreises ausgerufen, die Täler der realistischen Prosa für ein paar geheimnisumwölkte lyrische Gipfelsiege eingetauscht hätte. Weit gefehlt! Der geschulte Germanist und Deutschlehrer, der Ecker auch ist, hat es gar nicht nötig, ein Geheimnis um seine Einflussgrößen zu verbreiten. Auf zwei Buchseiten stehen sich gegenüber: der reimende Volks-Entertainer Erhardt und der mittlerweile aus dem kulturellen Gedicht verschwundene Expressionist Albert Ehrenstein, der seinerzeit im Ruf stand, die „bittersten Gedichte deutscher Sprache“ (Kurt Pinthus) verfasst zu haben. Der Versuch, einen populären Ton zu treffen, gleichzeitig aber auch die Kenner zufriedenzustellen, also Entheiligung, Beschwörung und Weihe unter einem Dach zu versammeln, das kann eigentlich nur scheitern.

Dieser Gefahr ist sich Ecker stets bewusst, und er sucht diesem Auseinanderstieben der Verssprache mit allerlei poetologischen Gedichten zu begegnen, die sich auch direkt an die Leserschaft wenden. Dieses grüblerische Selbst-kommentieren wird leider schnell zur Masche. Will ein Dichter erklären, warum er sich der für Gegenwartslyrik probaten Kleinschrift bedient („kleinschreib ist großdenk“), oder weshalb er ein Problem mit den Rezeptionsgewohnheiten von Pennälern und mit dem „rezensentenwesen“ hat, dann wäre ein begleitender Aufsatz das besser auszuleuchtende Forum dafür gewesen. Auch den lebensweltlichen Klischees von Lyrik („ich habe keine arbeit/ ich schreibe oft gedichte“) und erst recht von Allyrik („es gibt lyriker die ihren/ alltag in gedichte packen“) hätte wirksamer mit einer Streitschrift begegnet werden können. Was auch dem derzeit hausbackenen Diskurs um Lyrik einen Vitaminschub verpasst hätte.

Rhetorische und theatrale Ausschmückungen und politische Verlautbarungen zu aktuellen und komplexen Diskursen, etwa zur Geschlechtergerechtigkeit, all das lässt sich in einem Roman vermitteln. Sprachslapstick ist nachgerade keine willkommene Lockerung der Verssprache, sondern bloß Kleinkunst: „herr äh sind diese bücher glutenfrei?/ herr äh sind bücher glutenfrei// sind das überhaupt bücher herr äh?/oder sind sie eine frau äh herr äh?“
    Das Zielen auf Dutzendmenschsprech gerät dann nicht zu einer punktgenauen Satire, sondern zu einer unverbindlichen Tirade. Vor allem die Deklaration, dass es sich bei der Gedichtrede um ein ironisches Dauerfeuer handeln könnte („(jetzt wird es leider etwas/ umständlich) IRONIE“), ist linkisch defensiv und kommt dem Banalisieren eines Witzes durch Kaputterklären sehr nahe. Gut die Hälfte der Texte fällt vom Niveau merklich ab und ist überzählig, allen voran die Legion der Lehr- und Lehrergedichte, beziehungsweise auch solche, die künstliche Lebenserhaltungs-maßnamen an der Kitschfigur des poète maudit vornehmen: „nicht jedes gedicht/ endet mit einer pointe// es gibt auch gedichte/ die mir nichts dir nichts/ im weiß der seite versanden// (weil sie keinen wein kennen)“.
    Anderes ist dem Gestus der Neuen Subjektivität um RD Brinkmann und den eingangs erwähnten Konkretismen Peter Handkes verpflichtet, dessen lyrisch-effektvoller Montage „die drei lesungen des gesetzes“, samt beiseite gesprochener Nebentexte, in Eckers „worüber wir nie mehr sprechen sollten“ ein Reenactment zuteil wird: „die kenntnis des soseins/ fernt das kennen des seins// (applaus)// das transzendierte sosein// (applaus)// ist kein kennen des zukünftig/ seienden// (leichte unruhe)// sondern ein projektives// (alarm) […]

Doch es wäre zu harsch, über misslungenen die rundum überzeugenden Passagen, wie auch die Stärken des Autors, zu vergessen. Christopher Ecker besitzt zwei Eigenschaften, die für einen Dichter unabdingbar sind. Zum einen ist da sein Mut zur Produktion von Unliebsamkeiten und Antiidyllen („die backöfen im saarland“, „wenn welde uffenanner pralle“). Zweitens versteht er es zweifellos, die versprochene Balance zwischen Ernst und Komik zu halten. Das kommt am eindrucksvollsten in „kenner me doh“ zum Ausdruck, einem schrill-nihilistischen Zyklus von Dialektgedichten. Deren Wirkungsweise ist durchaus vergleichbar mit popkulturellen Formaten wie „Disenchantment“ oder „Family Guy“. In „kenner me doh“, Ecker erhielt dafür übrigens 2012 einen Literaturpreis seiner Heimatstadt, wird brutalste Gewalt dysfunktionaler Familien bis hin zu Kindesmord und Kannibalismus kaltschnäuzig stilisiert. Das bedächtige Saarbrücker Platt („mundartlyrik ist sehr langsam“) und der morbide Inhalt arbeiten dabei grandios gegeneinander: „von so em glähne biebsche/ werschde neddemohl sadd/ die sinn eher fer de guddschmagg/ haschde hunger schnabbder e grohßer/ awwer jedzde is joh kenner mehr doh/ isch glaab ich brohd mer mohl mei bähn“

Diese Schriftmündlichkeit feiernde Poesie hat ihr Vorbild in Christian Morgensterns „Golch und Flubis“, im „Vergeß“ und im „Gruselett“. Christopher Ecker glaubt, diese  poetisch-performative Poesie gegen „alltagsgedichte“ schützen zu müssen. Er schreibt sich die Rolle des dialektischen Weißclowns zu; tatsächlich handelt er aber oft wie ein missvergnügter Direktor in einem Archiv für postmodernen Aberwitz. Ein Weißclown wüsste ein Buch tanzend zu entstauben, auch die „bei ebay superbillig/ geschossene[] erstausgabe von morgensterns/ der gingganz (verlag von bruno cassirer,/ berlin 1919, das buch riecht nach zeit)“. Die Rückkehr in die Moderne wäre von dort aus jederzeit möglich. Wir dürfen von Christopher Eckers nächstem Gedichtband rotzfreche Unsinnspoesie erwarten, die ohne das beflissen ausgespannte Ironie-Sprungtuch  auskommt, das leicht zu knapp ausfallen kann, so wie im Zweizeiler des Titelgedichts: „der ›typograph‹ schreibt dem/ ›kryptographen‹: ›ist das alles!?!‹“ Auch das Nachstellen längst geschlagener Schlachten um die Deutungshoheit zwischen Experiment und Tradition („ich bin der der der lyrik den rhythmus nimmt/ der der gegen das bedeuten die keule schwingt“) kann der Dichter Ecker dann getrost Schriftstellerdarstellern überlassen.


Christopher Ecker: ›schach‹ dem vollmond – Gedichte. Halle (Mitteldeutscher Verlag) 2018. 197 S., 12,00 €.
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