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Christoph Wenzel: lidschluss

Rezensionen



Jan Kuhlbrodt

Radioaktive Wölfe



Unter dem Titel lidschluss legt Christoph Wenzel in der Edition Korrespondenzen einen neuen Gedichtband vor, der einige Zyklen und ein langes Gedicht enthält, die allesamt um die Themen Herkunft, Geschichte und Landschaft und deren Zerstörung kreisen. Um es vorweg zu nehmen, ein beeindruckendes, aufwühlendes Buch.

Ich hatte erst Heimat geschrieben, misstraute aber diesem Begriff schon, während ich ihn schrieb, und habe ihn dann zu Herkunft verändert.
Bislang las ich kaum einen Gedichtband, der Blochs Diktum, dass Heimat etwas sei, das weit in die Kindheit weise, aber auch ein Ort, wo noch nie einer war, stärker unterstreicht. In der Herkunft also, in ihrer Vergangenheit, liegt das, was einmal Heimat werden könnte, die Gegenwart aber heißt Zerstörung und Auflösung. Das zeigt Wenzel in eindringlichen Bildern und er sitzt dabei nicht der Gefahr auf, im Blick zurück zu verklären. Das Vergangene ist kein Paradies, wiewohl es paradiesische Momente hat, Momente, die aber von der eigenen Enge begrenzt sind.

maisfeld, acker, stacheldraht,
wiese, flure, gegend, dung:
DIESE GEOGRAPHISCHEN FLECKEN, westfalen
passt auf eine kuhhaut.


Damit ist der Ort der Herkunft im Falle Wenzel konkretisiert. Vieles dreht sich um Westfalen, dessen karge Landschaft karge Jugend nur zuließ. Ein stotternder Motor aber zeigt auch die Schwierigkeiten des Wegkommens. Und wenn es so ist, dass man die Gegend selbst nicht verlassen kann, dass man gedanklich zumindest an der Herkunftsgegend festhängt, ist es zuweilen die Landschaft, die geht – abgegraben, abgebaggert wird.

der boden unter den füßen, heißt ein Zyklus des Bandes, der den verschwundenen Dörfern des rheinischen Braunkohlereviers gewidmet ist. Es weist auf Orte, deren Verschwinden ausgemacht, beräumte Orte, Kulissen einer Vergangenheit, die den Baggern weichen werden. Und in diesen Kulissen spielt schemenhaft ein erinnertes Leben.
Natürlich sind dabei melancholische Momente unvermeidbar. Doch die aufkeimende Melancholie bedeutet eben nicht, dass etwas verklärt wird, was zu verlassen ohnehin anstand, und zuweilen wird ein stotternder Motor von der Industrie übergangen, deren Hunger nach Energie unermesslich ist. Und aus Landschaft wird somit ein Loch. Es bleiben Gedichte und YouTube-Videos als Memento.


die bildergalerie der jecken, schützen, heldenhaften kegel-
brüder, kartoffeln vom erzeuger und amateurfilme auf you-
tube: ein vergessenes gedächtnis, diese letzte jacke
                                                                         an der garderobe


Wenzels Texte speisen sich aber nicht nur aus Anschauung und eigenem Erleben. Er ist alles andere als ein Heimatdichter, der zitternd das alte zurückwünscht, Zuweilen stellen sich seine Gedichte offensiv in eine Tradition, arbeiten mit Materialien, die sie der Droste-Hülshoff entnommen haben, und formal mag ich auch Jürgen Becker ausmachen. Aber Wenzel macht das, wenn er Traditionen aufnimmt, nie in epigonaler Weise, er weiß um die Zeit, die ihnen anhängt.

Ein Zyklus des Bandes fällt gewissermaßen landschaftlich aus der Komposition, und unterstreicht gerade dadurch die Kompaktheit des Ganzen. Dieser Zyklus heißt radioaktive wölfe und basiert auf einem Dokumentarfilm von Klaus Feichtenberger, der fünfundzwanzig Jahre nach der Katastrophe im verstrahlten Gebiet um Tschernobyl filmte. Die Reaktorkatastrophe war in ihren Auswirkungen sicherlich noch dramatischer, als es der Braunkohletagebau Garzweiler ist, aber bildlich bleibt das, was die Kernstrahlung unbenutzbar macht, als verfallende Ruine vorhanden, und die eigentlich strahlenkranke Natur nimmt Zivilisationsreste in Besitz:


vor dem supergau hat man sie hart bejagt,
bevor sie rauschen konnten, reißen, jetzt
streifen riesige rudel durch die schwemm-
gebiete, siedlungen, in der sperrzone
die kritischen massen, radioaktive wölfe.


Christoph Wenzel: lidschluss. Gedichte. Wien (Edition Korrespondenzen) 2015. 80 Seiten. 17,50 Euro.

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