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Christoph Meckel: Von den Luftgeschäften der Poesie

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Christoph Meckel

Von den Luftgeschäften der Poesie


(Dritte Vorlesung - Dritte Nacht, Auszug)


Das Wort und sein Grundwasserklang, sein Widerhall, seine Aura - die Entheimlichung dessen, was nicht heimlich ist, nicht verstanden wird und kein Rätsel darstellt. Gottesnarrentum der Wörter und Silben, Weltreich der Substantive, die jedem gehören, bis auf weiteres scheintot im lexikalischen Grab, in den Schriften der babylonischen Bibliothek. Wörter und Wortschätze, die gehoben werden, wenn Neugier - die Lust auf Sprache - zu fragen beginnt. Der Wortfänger legt sein Magnet ins Universum der Sprachen - sein Magnet ist ein einzelnes Wort, ein einzelner Satz -, und die Wörter kommen, allein und in Rudeln, sie sammeln sich um sein Werkzeug und setzen sich an ihm fest, Wörter jeder Tonart und jeder Herkunft, aller Verwandtschaftsgrade und vieler Zeiten, die tatsächlichen und die erfundenen Wörter, die lauten, die stillen und die unzeitgemäßen, die veralteten, die neuen und ultraneuen, die geächteten, die vermißten und die geliebten - sie sind das Kapital der Luftgeschäfte, die Spielzeuge und das Vermögen des Baladin, der Grundstein und Bausteinbesitz des Homo faber, sie sind der Jeton des Spielers, der Dietrich des Diebes - was noch?

(1989)

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