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Christine Lavant: Die Fremde aß des Gegengottes Haar

Münchner Anthologie

Christine Lavant

Die Fremde aß des Gegengottes Haar


Die Fremde aß des Gegengottes Haar,
sie wollte wachsen wie die Birkenruten,
der Sonne hold sein und den Mond beguten,
auch eine Hütte haben für das Jahr
der Heiligung und Gold am Heimzahltag.
Mir war sie fremd wie eine Abendspinne,
obwohl sie ständig mir am Herzen lag
und nacheinander alle meine Sinne
zu Waisen machte, um sie zu verkaufen.
Mit meinem Schatten ging sie Wetten-Laufen,
wenn ich erschöpft auf meinen Fersen hockte.
Oft, wenn vor Elend schon das Blut mir stockte,
sang sie als Lerche hoch auf meinem Scheitel,
wo ihr der Gegengott entgegenkam.
Ich ward so scheu, sie aber wandelt zahm
durch meinen Himmel und nennt alles eitel
und fühlt sich heilig unter meinem Dache,
trägt dort des Gegengottes Samen aus.
Mir stellt sie Fallen wie für eine Maus
und ich muß trachten, daß ich ständig wache,
sonst stiehlt sie mir auch noch den letzten Schlag
von meinem Herzen für den Heimzahltag.


(Christine Lavant: Gedichte. Hrsg. von Thomas Bernhard. Suhrkamp Verlag 1988. © Otto Müller Verlag, Salzburg 1978)


Karin Fellner

Kopfschlachten, flackernd


Welch ein Trost: Dass Christine Lavant (1915-1973) das gesellschaftlich Ausgegrenzte, Geglättete, Tabuisierte – Schmerz, Krankheit, Erniedrigung – poetisch austrug. Das gern auf Distanz gehaltene Ungemach tritt uns bei ihr als zutiefst Eigenes entgegen, so kraftvoll-verzagend rennt diese Sprache an gegen die „guten Geister“, die das Ich missbrauchen.¹

Qual und Aufbegehren in Reimform? Das wirkt heute möglicherweise „fremd wie eine Abendspinne“. Dabei liegt in Lavants Rhythmen und Reimen eine Spannkraft, die sich aus ähnlichen Paradoxien nährt, wie ihre bildintensiven Gesten: ihr Aufbegehren gegen Gott zum Beispiel, das noch im wildesten Trotz – oder wie hier im Wort „Gegengott“ – auf Gott ausgerichtet bleibt. Ähnlich entpuppen sich Endreime wie „Birkenruten“ und „beguten“ bei näherem Hinsehen als gänzlich Ungereimtes, schwanken zwischen Schönheit und Schlägen, zwischen Gutheißen und Begutachten. So viel Unvertrautes in dieser scheinbar vertrauten Form: „to stay in the familiar. / Often the most unfamiliar of all.”
²

Gleichzeitig vertraut und unheimlich wirkt auch die „Fremde“, Gefährtin des „Gegengotts“. Ist sie eine Feindin des „Ichs“? Eine Verkörperung seiner heimlichen Wünsche? Beides? In den Versen 2–5 fordert sie für sich Wachstum, Bewegungsfreiheit, einen Wohnort, eine gültige Währung. Nachvollziehbare Wünsche, menschliche Grundrechte sogar. Doch indem sie schon in Vers 1 „des Gegengottes Haar“ verzehrt – eine animistische Geste –, flimmert diese Figur von Beginn an zwischen Drude und Ideal. Positive Attribute wie „hold“ und „heilig“ gehen, – ein Zerr- und Spannungsfeld aufmachend – mit bedrohlichen Aktionen wie „stellt Fallen“ und „stiehlt“ einher. Auch die mehrfach genannte Neufügung „Gegengott“ bleibt letztlich semantisch nicht fixierbar: Mehr als einen konkreten göttlichen Antipoden (Satan, Pan etc.) scheint sie einen Platzhalter darzustellen, verteidigt wie andere flirrende Lavant-Bilder einen Raum des Möglichen, eine noch nicht in Form und Gestalt gepresste Welt des Potenziellen.

Die „Fremde“ wächst und gedeiht auf Kosten des „Ichs“. Als Schwester Leichtfuß geht sie „mit meinem Schatten […] Wetten laufen“, als Schwester Unbeschwert singt sie „als Lerche hoch“ und bewegt sich keck auf dem „Scheitel“ des Ichs, während dieses mit verkauften „Sinnen“ dahockt (Erblindung und Ertaubung sind Leitmotive Lavants). Immer kleiner, scheuer und einsamer wird das Ich, während die Fremde mit dem Gegengott flirtet, von ihm (an-)erkannt und schwanger wird.

Wie in vielen Gedichten Lavants klingt auch hier das Motiv der Ich-Vernichtung an. Das Ich muss um „den letzte Schlag von meinem Herzen“ bangen. Allerdings inszeniert Lavant nicht wie sonst oft eine Ich-Zerfleischung durch das Ich selbst – paradoxe Geste der Selbst-ermächtigung durch Selbstauslöschung: „Ich will mein Herz jetzt mit den Hunden jagen / und es zerreißen lassen, / um dem Tod / ein widerliches Handwerk zu ersparen“ (aus: „Denn das ist die Hölle“). In „Die Fremde aß des Gegengottes Haar“ wird das stückweise Ausmerzen des Ichs von der „Fremden“ vollzogen. Das Ich ist wie eine Batterie für sie, es speist ihre Eskapaden – ein reziprokes Dorian-Gray-Verhältnis quasi. So bleiben die beiden Figuren wie über unsichtbare Kabel miteinander verbunden.

Dem bekannten Rimbaud’schen Ausspruch „je suis un autre“ folgend kann man die „Fremde“ als das Andere im Ich lesen. Oder man versteht sie als poetische Sprache selbst, als unwägbare „Fremdlingin“, „Erstaunende“,
³ in und mit der sich andere Denk-Dimensionen auftun: „Über so hauchdünnen Schlaf / können nur Vögel gehen […] Oh, meiner Seele ist schwer! […] Sie allein muß unten verharren / und ist doch Mutter der hastigen Vögel“. Auch in diesem Gedicht Lavants geht es um eine Oben-Unten-Trennung (-Verbindung) zwischen Ich und dem von ihm Hervorgebrachten – hier den Gedankenvögeln. Wie die „Fremde“ sind die „Vögel“ leichter, beweglicher, wie die „Fremde“ sind sie aber auch vom Ich abhängig, aus dem sie erstehen und dem sie mit ihrem aufgespannten Möglichkeitsraum eine Befreiung anbieten und zugleich die Ich-Schwere bewusst machen.

Dass Christine Lavant uns ihre in Rhythmen gepressten Kopfschlachten, ihre von widerspruchsvollen Verbin-dungen flackernde Lyrik übertraut hat, empfinde ich als himmelschreiend tröstlich.

(Oktober 2014)


¹ Zitat aus dem Nachwort des Herausgebers Thomas Bernhard: „es ist das elementare Zeugnis eines von allen guten Geistern mißbrauchten Menschen als große Dichtung“.
² Aus dem Gedicht „Light outside the Door“ der Irin Ann Egan.
³ vgl. Friedrich Hölderlin  „Brod und Wein“.









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Karin Fellner

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