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Christiane Heidrich: Spliss

Rezensionen / Verlage


Timo Brandt

Eine andere Geste in der Bewegung


Vorweg: Ich bespreche den Gedichtband in einzelnen Abschnitten; die Titel dieser Abschnitte sind auch die Titel der jeweiligen Kapitel im Buch, die in dem Abschnitt verhandelt werden.

Obgleich dies für jede Besprechung gilt, will ich es hier besonders betonen: Ich möchte meine Beobachtungen und Einlassungen nicht als endgültige Interpretationen verstanden sehen – es sind Überlegungen und Annäherungen, keine Zuschreibungen. In meinen Ausführungen erschöpft sich der Band bei weitem nicht, oft nicht mal ein Aspekt. Ich bin froh, wenn manches zum genaueren Lesen, oder zum Wiederlesen, Gegenlesen anregt. Ich will und kann den Band nicht komplett erschließen, aber vielleicht öffne ich hier oder da eine Tür.

I – dinge rücken

„das kitzeln handlicher meere ums kinn“

Sechs kurze Gedichte (Zeilen jeweils: 6-5-6-6-5-5), jedes für sich ein strukturiertes Durcheinander; denn hier werden „Dinge gerückt“, hier werden Adjektive und Substantive zueinander gelegt, adverbiale Bestimmungen übernehmen seltsame funktionale Positionen, Verben fahren in unge-wohnte Sub- und Objekte, man betritt Szenerien wie man sonst Lichtungen betritt, und ich bin mir mitunter bei all diesen Kombinationen nicht sicher: stellen sie eine eigen-willige Form der Einrichtung dar, eine provisorische Platzie-rung, gar nur eine vorübergehende Nachbarschaft im Zuge des Herumrückens? Aber Vorsicht, es werden Dinge gerückt, nicht zwangsläufig Worte.

„von hier aus zerfielen schon hände, kehrten schon jäger zurück“

„legte mein lachen zu rohren“

Das erste Gedicht trägt den Titel „die ernsten Nächte“, das letzte heißt „look der tage“ – wie sieht die Welt (und der Tag) nach ernsten Nächten aus? Immer etwas anders, oder? Die Gedichte dazwischen haben einzelne Worte als Titel, welche eins gemeinsam haben: sie wirken fast zu weich für den Mund, zerfließen schon beim Aussprechen, als wäre in ihnen kaum eigene Betonung vorhanden; aber auch etwas Widerspenstiges liegt in ihnen, trotz ihrer Weichheit: „weide“, „hemdchen“, „mal“ und „kummer“. Titel, die kaum Titel sein können und sich gleichsam dagegen wehren Titel zu sein.

„behauptungen so leise auffächern, dass alles von vorn beginnt“

Wenn ein Lachen zu Rohren gelegt werden könnte, wenn Meere handlich wären, wenn wir die Dinge also zurechtrücken könnten (worauf wir vielleicht hoffen, in und nach den ernsten Nächten), wie verrückt wäre das?

Aber wenn von hier aus schon Hände zerfallen, wohin soll man dann noch gelangen, selbst wenn Dinge gerückt werden könnten? Hält die Idee eines handlichen Meeres, das Zusammenbringen solcher Extreme in den Dimensionen, Zerfallserscheinungen auf, macht es sie weicher, kleiner? Nehmen wir Dimensionen viel zu ernst – oder zu wenig ernst?

Im ersten und letzten Gedicht gibt es ein wir, in den vier dazwischen genannt nur ein ich, einmal ein du. Im ersten Gedicht

„gewaltig, wohin wir schielten, wie alles sich nur form bequemte,
leis eskalierte in ein gleichgewicht“

im letzten Gedicht wird am Ende festgestellt:

„fahren wir, schimpfen die kleinen Kurven“.

Wie schmal etwas wird, zu dem man lange nur hin- oder hochschielte, wenn es plötzlich auf dem Weg liegt, nicht mehr zu einem großen Ganzen gehört, sondern sich in einer Begegnung niederschlägt. Unser Ich erweitert sich ständig, wird ständig umdekoriert. Dinge werden gerückt, Erfahrungen listen sich auf.

Diskrepanzen ergeben sich, und am meisten zeigt sich, wie viel sich verändert hat, im Zuge des Zusammenkommens – wenn da ein wir ist. Für andere ist unsere Veränderung greifbarer, sie vergleichen unsere Erscheinung mit ihrem bisherigen/letzten Bild von uns. Für einen selbst aber ist Veränderung schwer zu greifen, sie geschieht uns, unter weichen Worten schleicht sie sich in uns hinein.


II – Kantarei

Im Japanischen bedeutet „kanta rei“ (meinen Nachforschungen zufolge) „Kommunikation“; vielleicht klingt noch panta rhei an? Kanter bedeutet des Weiteren „leichter Galopp“, also eine gemächliche, aber doch zügige Fortbewegungsmethode hoch zu Pferd.

Wieder sechs Gedichte und die Leser*innen sollten aufpassen und auf die winzig Nummerierung am unteren Rand achten. Die weist nämlich die ersten vier Gedichte der 1 zu, dann folgt ein Intermezzo im fünften Gedicht und erst das sechste ist der 2 zugewiesen.

„Ich gleite in einen Abend, in dem so viel da ist,
dass alles zerlegt werden kann.“
 
Zwischen Verlockung und Vorsicht schweben die Gedichte, und ich meine wirklich: dazwischen! Sie springen nicht vom einen ins andere, nicht hin und her. Es erscheinen die Möglichkeiten, aber ihre Rückseiten, die Chimären, sind auch im Blick. Das zweite s im oberen Zitat sollte nicht überlesen werden. Nicht alles, was da ist, kann zerlegt werden, sondern WEIL so viel da ist, kann alles zerlegt werden. Vom Ich? Oder zerlegt das Viele sich selbst, wird sich gegeneinander aufrechnen, sich reduzieren, Entropie betreiben?

„Die Praxis denken als Fährte, bis sie als einzeln noch Hervorzuhebendes
verschwunden ist“

„Die langsame Theorie“
       
Kann man der Gewissheit auf die Pelle rücken? Sind Gewissheit und Sicherheit zu erreichen oder lediglich zu errichten. Kann man

„weitergehen als Spaß, Rührung
und Dunkelheit? Die Flugobjekte, der Wald in meiner Tiefe,
sie entsprechen einem Kontext. Auch wie ich, Geliebte,
deine Hände schüttle und plötzlich Zeit kriege […]
es trübt mein Auge der einzelne Sinn.“
         
Die 1-Texte generieren eine dichte Fragwürdigkeit, aus der sich nicht zur Gänze eine einzige Fragestellung herauskristallisieren lässt, zu sehr spiegelt sich in der einen Frage die andere, bis ins Unendliche, kleiner werdend, Lücken hinterlassend.

Hat eine/r sich selbst in der Hand? Gibt es eine Form der Kommunikation (oder könnte man sie entwickeln, mit Methoden), die den einzelnen Menschen, das einzelne Ich wiedergibt, ohne dass dabei eine Einteilung, eine Gewichtung mittransportiert wird? Biegt ein/e andere/r nicht alles, was sie/er vernimmt, zurecht, damit es durch die eigenen Filter passt? Sind wir also unsere Filter, mehr noch als alles, was wir je von uns geben könnten? Die Frage der Kommunikation.

Das Intermezzo spricht es aus, im ersten Satz:

„Die Sprache ist klein.“ Und weiter: „Die Behutsamkeiten entsprechen sich nicht.“
 
Was als Intermezzo angesagt wurde, also als Einschub, als Zwischenspiel, tritt auf mit Trompeten-stoß und Paukenschlag.

„Meine Haut ist ein Überzug. oder
Meine Haut ist aus Flaggen.“
   
Und am Ende:

„Alles kann ich
nur anführen. […]
Es ist mir
egal, im Vergleich.“     

Das Ich bewahren und es zugleich ständig preisgeben zu müssen, um zumindest teilnehmen zu können an irgendetwas. Und Gelingen ist nicht inbegriffen, vielmehr eine fragwürdige Möglichkeit. Wie das eigene Ich zur Geltung bringen, und warum verlangt es überhaupt danach? Im sechsten Gedicht heißt es an einer Stelle:

„Weite, leere Städte
drängten in mir beinah pilgerhaft nach einem Sinn.“
    
Sind Erkenntnisse Vehikel für das Ich oder ist das Ich ein Vehikel für Erkenntnisse?


III – Today I am functional

In diesen vier Gedichten ein etwas einfacherer Ton, einfachere Aussagesätze. Ein zugespitztes Hadern graupelt über dem ersten Gedicht. Abläufe werden beschrieben, Situationen konstatiert.

„Die Fragen, die ich mir heute noch stellen werde, haben alle mit Abwicklung
zu tun und Verbrauch.“  

Zu einer guten Ansicht gelangen, da ist man von Einsichten vielleicht nicht mehr weit weg, oder? Diese vier Gedichte zumindest sind Grenzgänger an diesem Übergang. Und verhandeln Feinheiten der Einordnung, die man bei sich selbst vornimmt, wenn es um das geht, was man sich vorgenommen hat, vornehmen wollte, was man generell wollte, vielleicht auch will, vielleicht aber auch nicht. Vielleicht ja nur, damit man als functional gilt.

„Fertige Identität. Abgeschlossene Landschaft. Nicht weiter zu bearbeitendes Bild.“

Ist die Identität, das Ich + Spesen, das gleiche wie eine Landschaft? Wie ein Kunstwerk? Gegeben oder gemacht?

„ich willige unvorteilhaft in eine Bestandsaufnahme ein. Zu fröhlich die Namen
schwenkend, zu verbissen, nasal. Nehme ich andere Gegenstände
  
im Raum einfach hinzu. Wie Körperecken, Liegengelassenes, deren Nicht-Zu-Mir-Gehören mir keiner nachweisen kann.“

Kontrolliert und immer wieder frisch fixiert, bewegen wir uns, terminlich, sachgerecht und aufgabengetreu durch den Tag. Nicht zu vergessen: die Erwartungen, die uns antreiben oder allzu spitz unsere Wege kreuzen. So viel Verstellung, so viel Einstellung. Von diesen Gedichten fein in Scheiben geschnitten und mit Unrast belegt.


IV – Die Heiligen

Von den Eiligen zu den Heiligen. Gedichte mit vier oder fünf Zeilen. Im ersten Gedicht ist von einem bunten Pferd, einer Steinstruktur und einem Computer die Rede, die sich bewusst verschmolzen haben, jedoch bald wieder voneinander abrücken.

Bewegte Farben, feste Formen und Vernetzung – ein Rezept für Heilige? Der Titel des Gedichts: „Die Heiligen haben sich ins Schiefe zurückgezogen“. Ah, es ist nichts schief oder hinkt, das ist alles eine Rückzugstaktik!

„Hinabsinken in den Garten. Ins Parkett referieren über Müdigkeit.“

Vollzüge ziehen vorbei, durch leicht unwirtliche Landschaften. Vieles schlägt sich in Formen, in Flächen nieder, die sich um das Auftretende wölben, es bannen, es aufnehmen. Verstehen bildet, märchenhaft, ein Rinnsal, beispielsweise.

„Die ruhenden Tiere sind einzig Gelände.“

Eigentlich im Zentrum: eine große Skepsis, ein Zweifel an der Aussagekraft, den Wirklich-keitsdevisen, die im Reden, in Formen der Rede, im Gerede, in Versuchen der Veranschaulichung liegen.
„Zoten. Klischees. Was darin liegt, will vogelhaft werden.“

„Wohin auch immer das Bild, der Kontext umfriedet nichts.“

„Unschwer auf und ab springende Konnotationen.“
        
Die Müdigkeit, die Bezüge der Vergleiche, Hintergründe und -gedanken – wir sind keine Heiligen und können auch unmöglich als solche zueinander reden, selbst wenn wir versuchen uns so zu präsentieren, in einem fort, was letztlich nur schräg ist.

Zusatz: mir fällt hier am Ende von Part 4 auf, dass ich in meiner Interpretation am Ende immer beim Emotionalen lande, selbst wenn ich vom Haptischen, vom Sachlichen ausgehe. Ich will an dieser Stelle nur betonen, dass das eindeutig an mir liegt, nicht an den Texten.


V – Re-modeling Leyton

Ein Stadtteil im Nordosten Londons (es gibt allerdings auch eine Firma mit Namen Leyton). Re-Modeling, allerdings ohne Bindestrich, kann die Sanierung eines Gebäudes bezeichnen, aber auch zelluläre Prozesse oder sogar das Einsetzen eines künstlichen Knochen/Gelenks. Die Vorsilbe Re kommt eher bei den letzten beiden Möglichkeiten zur Geltung, wo etwas wiederhergestellt wird (re ist die lateinische Vorsilbe für „wieder-“ oder „zurück-“), da eine Sanierung ja streng genommen meist auch ein „improvement“ ist.

Das lyrische Ich des ersten Gedichts hat eher Zartes im Sinn – keine großen schnellen Umwälzungen, mehr ein Erträumen.

„Ich will kein Werk unternehmen. Ich will mit harmlosen, korallenen
Ansätzen was Erkennbares schweben lassen, mich den Bildern anschließen, als
halb geladene Figur am Rand der Ebene zirkulieren. Was hieße sich am eigenen
Ort zu haben?“     

Hieße das, dort zu sein, wo man ist und nicht mehr in Teilen woanders? Oder hieße es, dass etwas von einem da ist, wo man ist, das nicht mitkommen kann und nicht woanders ist, obwohl es zu einem gehört?

Im zweiten Text am Anfang: das Schimmern. Das gebrochene, das gefangene Licht auf den Oberflächen. Dann die Haare, die Haare als Übergang, in denen der Körper gebrochen wird wie Licht von einer Oberfläche.

„»Den
Körper zu brechen? « »Den dir die Bilder anbieten, der sich mittels der Bilder in
Realität übersetzt« […]
»sich im
ständigen Abgleich mit den Bildern zu formen […]
die entsprechende Materialität zu erzeugen« “         

Haare als das erkennbarste Feld des Versuchs, die Materialität, die Form des Körpers den Bildern anzugleichen, die wir haben, die bestehen und vor denen wir stehen, wenn wir vor unseren Körpern stehen, die wir damit und danach formen. Der Spliss im Titel und im Gedicht: die brüchigen Enden, an denen der Körper ausfranst, Glanz verliert, an denen sich die Aufspaltung in Bild und body nicht verhindern lässt.


VI – Performance

„Sich um Objekte zu legen. Verschiedene Knickverhalten, die ich losschicke,
exakt zu werden, differenzierter, das heißt, mit der Zeit, auch schattiger, weich.“

Zehn Gedichte. Die ersten vier Gedichte sind unten mit einer 1 versehen, das fünfte mit einer 2, die restlichen mit einer 3.

Anweisungen oder Erläuterungen? Die Bewegung ist manchmal ich-gebunden, manchmal unbestimmter. Ein Ringen findet da statt, aber eigentlich scheint eine höhere Choreographie abgerufen zu werden. Aber wie hoch ist sie: menschengemacht? Oder ein noch wahrhaftigerer Versuch?

Die Einteilungen in 1, 2 und 3 erschließen sich mir hier nicht. Die ersten vier Gedichte mehr abhandelnd, die letzten fünf mehr reflektierend, das fünfte der Bruch, der Übergang von der Handbewegung zur Geste?

Geht es bei der Geste darum, sich in der Geste zu finden oder die Geste in sich?

„Mein zusammengefasstes Fleisch, das hier spricht.“

„Trennung von Bewegung in Gliedmaßen, von Gliedmaßen in Bewegung.“

Performance, das ist Weise und Weisung. Die Anweisungen kommen zurück und wollen etwas wiederhaben. Mit was hat man sie losgeschickt – oder: was behielt man zurück? Eine Geste ist eine Geste ist eine Geste – warum erscheint das richtig? Vielleicht weil sich Kreise schließen, damit sie Kreise sind, Gesten getan werden, damit sie Gesten sind

Die Gedichte durchleuchten die Performance des Körpers, dessen Bewegungen zum Abbild werden, zum Bild. Der Körper kann mit der Geste mehr sein als der Körper – oder fällt doch alles auf ihn zurück, fährt ihm doch alles wieder in die Glieder, bildet er sich nur selbst ab?

Fast essayistisch arbeiten sich die Texte ab, spulen vor und zurück, Beobachten und Skizzieren, versuchen von der Konstruktion weg und auf das Wesentliche dahinter zu kommen. Das Wesen der Gestaltung ist das Ablaufhafte.


VII – Water Lilies

Die fünf Gedichte schwimmen auf Stimmungen, schwereren. Spiegeln sich teilweise in ihnen, teilweise recken sie sich, schauen auf, hinüber, hoch.

„Die Werke sollen auseinanderdriften. Ich will auftauchen aus allem, das ich
konsumiert habe.“  

Wünsche nach Freiräumen, die mit Leere drohen, mit Ruhe locken. Verspielt hier und da, aber im Angesicht nicht aufzubringender Euphorie, die nur aus der Erinnerung hervorsingt, sodass man mitsummen kann. Ausgelassenheit greift dennoch um sich, wacklige. Privates Vokabular kullert hervor, mitten in die Verhandlungen hinein.

„Sie riefen auf
hohen Felsen: Diese Diskursfähigkeit von etwas, diese Diskursfähigkeit von
etwas!“    

Kartelle stehen direkt neben Liebe, allein in einem Satz. Weil wir auch neben dem, was ineinandergreift, sammeln und suchen. Schwierig zu sagen, dass da etwas weit in die Tiefe reicht und klar an der Oberfläche steht und einbezogen ist, zur gleichen Zeit.


VIII – Gespenster

„Mein Ich organisiere ich in Stufen, die ich kaum noch betreten kann.“  

Wie so oft in diesem Band: Versuche von Ich-Anatomien. Das Ich zwischen Narrativ und Haptik, zwischen Referenz und Substanz. Als Netz erscheint es, überall geknüpft, alle Maschen sind jedoch unterschiedlich groß. Selbst was das Ich nicht ist, existiert in der Welt, in der das Ich Welt ist.

„Was mir entrutscht, muss auf eine
innerhalb des Vorgangs erst noch zu ermittelnde Weise wieder aufgehoben und
miteinbezogen werden.“    

Das Ich der Posen, das Ich der Perspektiven. Und sich dabei nicht verlieren in dem, was sich streifen lässt, auch über oder ab.

„Keine Stimmung erzeugen. Keine von Fremdheit,
Verwaltung.“  

Verwalter sein, Strippenzieher, Sehnenzwicker, nicht Gespenst, das in der Seele sitzt. Die Vergewisserungen ändern nichts an den Automatismen. Oder doch? Ist bei der Kontrolle wichtig, was kontrolliert wird oder wie?

„Starrt die Idee, nur eines zu tun, mit hungrigem Blick auf
meinen Tag. Was ist mein Tag? Ein ausgestreckter Arm, der immer ausgestreckt
ist.“
   

IX – Nachsatz

Ich bin ein großer Bewunderer von Christiane Heidrichs Lyrik. Wie sie Räumlichkeit erschafft, dem Gelände ihrer Gedichte unverwechselbare Züge gibt und wie sie mit ihren Formulierungen komplexe Prozesse blitzartig durchquert und/oder auf den Punkt bringt, sie gegen ihren Kern treibt, das alles wird wohl nie aufhören, mich zu verblüffen.

Trotzdem ist es mir, auch nachdem ich die Gedichte nun oft gelesen habe, nicht gelungen, sie (für mich) zu kartographieren, und so finde ich mich auch jetzt noch selten in ihnen zurecht. Jede Lektüre erscheint mir wie eine neue Expedition, die ganz von vorn anfangen muss, selbst wenn sie sich auf die Spuren vorheriger Expeditionen begibt; die alten Pfade sind längst zugewachsen.

Voll der Bewunderung für das labyrinthische und doch oft genug an der Oberfläche klar zutage tretende Geschick dieser Gedichte, wünsche ich ihnen Leser*innen, die sich diesen Gebilden nähern wie Skulpturen, deren Gesten nichts Versunkenes, sondern etwas Jähes haben – die einen fragen: bist du schon, trotz aller Bewegung, so weit gekommen?


Christiane Heidrich: Spliss. Gedichte. Berlin (kookbooks) 2018. 80 Seiten. 19,90 Euro.
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