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Christian Saalberg: In der dritten Minute der Morgenröte

Rezensionen / Verlage


Michael Braun

Schlesisches Himmelreich

„In der dritten Minute der Morgenröte“: Christian Saalberg – Dichter und Solitär


„Ich habe nicht mehr viel zu sagen“, verkündete der Dichter Christian Saalberg im Jahr 1991, als er bereits ein Dutzend Gedichtbände veröffentlicht hatte, ohne dass der Literaturbetrieb davon Notiz genommen hätte. Es kam zum Glück anders, die skeptische Prognose wurde falsifiziert, die poetische Einbildungskraft des Autors blühte erst richtig auf. Saalberg schrieb weiter und verfeinerte mit jedem weiteren Buch sein zwischen surrealistischer Bildlichkeit, romantischem Vokabular und religiös gefärbter Tonlage changierendes Werk. In den letzten Bänden, insbesondere in „Vom Leben besiegt “ (1997) und in „Offenes Gewässer“ (2005), die wie alle Vorgängerbücher in sehr kleinen Verlagen erschienen, wurde er zum Dichter der Vergänglichkeit, der mit traumverlorenen, eindringlichen Melodien das Wunder des Daseins und auch die Begrenzungen der Existenz besang. Es gehört zur Fama des Dichters, dass er zeitlebens selbst seine Außenseiter-Position als das „Künstlerleben eines Einzelgängers“ kultivierte. „Er stand als Dichter – mit einem schönen Wort von Hermann Lenz – nebendraußen“, schrieb schon früh sein Exeget Jürgen Bročan, der viele Jahre für den Dichter geworben und auch die kundigsten Beiträge für die bislang schmale Saalberg-Rezeption vorgelegt hat. Erst nach dem Tod des Dichters am Himmelfahrtstag des Jahres 2006 setzte eine öffentlich sichtbare Auseinandersetzung mit seinem Werk ein. In der Schweizer Literaturzeitschrift „orte“ wurde ihm 2007 ein Dossier gewidmet, 2011 folgte der schöne Katalog-Band „Inmitten meiner Bibliothek“, ein Begleitband zu einer Ausstellung zum Leben des Dichters in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel.

In den langen Jahren seiner dichterischen Arbeit - ein erster Briefwechsel mit dem damaligen „Akzente“-Herausgeber Hans Bender stammt aus dem Jahr 1959 – blieb Saalberg auf Halbdistanz zum Literaturbetrieb und beobachtete aus der Abgeschiedenheit seiner Schreibklause in Kiel die rasch wechselnden Moden in der deutschen Lyrik. Seiner frühen Affinität zu den Autoren der französischen Moderne blieb er treu, mit seiner Vorliebe für den Surrealismus lag er quer zu den Dogmen der „Neuen Subjektivität“, die in den 1970er Jahren die Abneigung gegenüber der kühnen Metapher etablierte. „Ich mag ihre Gedichte besonders“, schrieb ihm 2001 der Literaturwissenschaftler Alexander von Bormann, „– sie sind so reich in den Formen, schwingend im Ton, atemnah, immer wieder überraschend.“

Die alten Traditionsinstanzen des literarischen Betriebs taten sich indes schwer mit Saalberg. Er erhielt einige kleinere Auszeichnungen, u.a. die Ehrengabe zum Andreas-Gryphius-Preis, aber er blieb zeitlebens ein „Geheimtipp“. Immerhin, nach 1998 kam es ein paar Mal zu Auftritten in den damals noch unverzichtbaren „Akzenten“ und in „Sinn und Form“.
    1926 als Christian-Udo Rusche in Hirschberg im Riesengebirge geboren, erlebte Saalberg als 17jähriger die Schrecken des deutschen Vernichtungskriegs im Osten, mit einem der letzten Schiffe gelang ihm die Flucht über die Ostsee. Im völlig zerstörten Kiel hörte er 1946 Vorlesungen über Baudelaire und die französische Moderne von Rimbaud bis René Char und fühlte sich, wie er auch in einem „kurzen Lebenslauf“ ein paar Monate vor seinem Tod schrieb, seither „der französischen Geisteswelt“ verpflichtet. Saalberg führte ab 1953 seine Doppel-existenz: In seinem bürgerlichen Leben Rechtsanwalt, schützte er sein „zweites Leben“ als Dichter durch ein Pseudonym, das mit dem glücklichsten Ort seiner Kindheit verbunden war: in Saalberg am Kynast im Riesengebirge stand das Sommerhaus seiner Großeltern. Dieses Refugium wurde für die poetische Imagination des Dichters das Zentrum des „schlesischen Himmelreichs“. Bei seinem Tod im Mai 2006 umfasste Christian Saalbergs Werk 23 Bände, die alle nur in kleinen Verlagen und winziger Auflage erschienen sind. Unter der Herausgeberschaft von Mirko Bonné und Viola Rusche, der Tochter des Dichters, hat nun der Schöffling Verlag eine sorgsam komponierte Auswahl von Saalbergs lyrischem Werk vorgelegt. Es ist die Wiederentdeckung einer ganz großen Gestalt der Gegenwartslyrik, unverwechselbar in ihrer Imaginationskraft und ihrem melodiösen Ton: „Die Zikaden haben eine Medaille verdient. /Sie setzen ihr Leben gegen die Dunkelheit aufs Spiel. // Das Nein entfernt sich und das Ja kommt näher. // Im Schlaf hole ich Atemzüge ein, die vor mir / gelebt haben, in einer anderen Zeit.“
    Die Herausgeber machen deutlich, dass die Gipfelpunkte von Saalbergs Werk in seinem Spätwerk zu finden sind, beginnend mit dem Band „Vom Leben besiegt“, als Saalberg schon 70 Jahre alt war, bis hin zu „Offenes Gewässer“. Dieser dritte Teil der Auswahl nimmt den weitaus größten Raum ein in dem schönen Leinenband. In den frühen Gedichten dominiert noch der traditionelle Gestus des Zeichendeuters in der Natur, die prophetische Entzifferung von „Vogelflug und Wolkenflucht“. Hier ist Saalberg noch ganz den Konventionen der symbolistisch denkenden Nachkriegspoesie verpflichtet, die die Naturphänomene als Projektionsraum der Seele nutzt: „Mit klammen Fingern/ Buchstabiere ich/ die Krähenschrift.“ Die späteren „Erleuchtungen“ des „Flügelwesens“ Christian Saalberg (als ein solches porträtiert er sich im Gedicht „Le Château en Espagne“) sind indes „unbezahlbar“. Der späte Saalberg wird getragen vom Schwung der fantastischen Imaginationen seiner surrealistischen Vorbilder Rafael Alberti, Guillaume Apollinaire und Henri Michaux - ein Schwung, der seine Natur- und Existenzgedichte transfor-miert in melodiöse Elegien vom Wesen der Vergänglichkeit: „HERKULES BRAUCHTE ZWEI SÄULEN, / um den Himmel zu stützen. Mir genügt / ein niedergebranntes Streichholz/ und schon wird es Nacht./ Eine Finsternis, die mit beiden/ Beinen fest auf der Erde steht.“


Christian Saalberg: In der dritten Minute der Morgenröte. Ausgewählte Gedichte. Hrsg. von Mirko Bonné und Viola Rusche. Mit einem Nachwort von Jürgen Brôcan. Schöffling & Co, Frankfurt am Main, 386 Seiten, 32 Euro.
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