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Christian Prigent: Die Seele

Rezensionen



Walter Fabian Schmid:


Sprache essen Seele auf



Dass Christian Prigent endlich wieder in Deutschland präsent ist, verdankt sich der Arbeit der lettrétage, die mit ihrem Literaturprojekt ¿Comment! Lesen ist schreiben ist lesen auch mit Christian Prigent neue Wege der Literaturvermittlung beschritt und ihn dank der Übersetzer und Kuratoren Aurélie Maurin und Christian Filips wieder in die Diskussion brachte. Leider blieb Prigent selbst in seinem Heimatland Frankreich bis heute ein Autorenautor, der als Impulsgeber bis auf andere Autoren kaum Leser hat. Obwohl er sechs Jahre in Berlin lebte, gibt es im deutschsprachigen Raum nur einzelne Übersetzungen in Zeitschriften wie Zwischen den Zeilen, Schreibheft und La mer gelée. 45 Jahre nach seinem Debüt kriegt er nun doch noch eine deutsche Übersetzung in Form einer Einzelpublikation.

Mit Übersetzungen aus dem Französischen schauts ja generell ziemlich mau aus, da klafft hinter Yves Bonnefoy und Philippe Jaccottet ein grosses Nichts. Auch der unlängst verstorbene, und der für die französische Dichtung grosse Erneuerer, Bernard Heidsieck ging dem deutschen Sprach-raum gänzlich durch die Lappen. Wie Julien Blaine könnte man auch Christian Prigent als einen Erben Heidsiecks und der in Frankreich einflussreichen Tradition der poésie sonore bezeichnen. Allerdings ist diese in Frankreich weitergefasst als die im deutschen Sprachraum bezeichnete Lautpoesie (poésie phonétique).

Denn wo die Lautpoesie auf die Konstruktion von Semantik rein aus dem Klanglichen setzt, geht es bei der poésie sonore etwas allgemeiner um die différance von Mündlichem und Schriftlichem. Bei Prigent prägt sich das ganz wörtlich in sonoren Gedichten aus, die versuchen mittels diverser Binnenreimstrukturen Gleichklänge herzustellen. Allerdings wendete sich Prigent zuletzt immer mehr zum Lettristischen hin.

Der hier übersetzte Gedichtband L'âme aus dem Jahr 2000 vereint beides, wobei das Sonore schon mehr zurückgedrängt ist, während es in seinem aktuellen Gedichtband La vie moderne (2012) fast gar keine Rolle mehr spielt. Prigent geht immer mehr Richtung Diskursivität und erforscht die Beziehung zwischen Literatur, Wissenschaft und Philosophie, die Verbindung von ästhetischen Praktiken und politischen Haltungen sowie die Artikulationsmöglichkeiten und Sinnüberschüsse monströser Neukonstruktionen gegenüber der uniformierten Sprache. Er versucht eine Sprache für die komplexe Realität zu finden, die für ihn da beginnt, wo der eindeutige Sinn aufhört. Und das ist für Prigent, der sich intensiv mit Lacan und Bataille beschäftigt hat, auch eine triebhafte „Realität“ des Körpers und der Stimme.

Genau dort sitzt auch l'âme, die Seele. Bei Prigent ist sie ein Medium, das zwischen dem Ich und den Dingen oszilliert. Und so wie zwischen Ich und Ding die Benennung steht, steckt die Seele in der Sprache. Nur will sich diese auf keinen Fall nichtig machen, um reine Seele zu sein, sondern sie ist vielschichtig und will sich nicht auf eine singuläre Realität konzentrieren. Eine reine Seele wäre bei Prigent völliger Quatsch, weil die Sprache immer von wirtschaftlichen, medialen, politischen und soziologischen Schichten befleckt ist, an denen er mit analytischer Schärfe herumschnipselt und mit Vorliebe so viele Schichten wie möglich anschneidet. Das kann ihm gar nicht schnell genug gehen. Die Sprache mit ihren Mehrdeutigkeiten überstolpert sich beinahe selbst und flutscht auf der phonetischen Spur in immer neue semantische Felder bis hin zur Sinnleere aufgrund der Sinnfülle. Die Überbordung macht die Gedichte von Prigent, der sich immer wieder mit Rabelais auseinandergesetzt hat, auch karnevalesk. „Der Schriftsteller hat – wie man auf gut Deutsch sagt – eine schwer verdauliche Sprache. Er selbst verdaut die [leichte] Sprache anderer schlecht und spuckt sie wieder aus. Seine Sprache ist sein Medikament und zugleich seine bakterielle Kolonie“, schrieb er bereits 1979 in der von ihm begründeten Zeitschrift TXT.

Auch wenn L'âme im Vergleich zur diskursiv-fachsprachlichen Vertraktheit seines aktuellen Bandes und seiner früheren sonoren Akrobatik noch relativ harmlos ist, so ist der Band umso wichtiger, da er den Wendepunkt markiert. Genau dieses zweischneidige Schwert wird zum Problem der vorliegenden Übersetzung. Einen Dichter zu übersetzen, der als unübersetzbar gilt, ist immer eine grosse Herausforderung und ein Wagnis und logischer Weise versuchen sich Aurélie Maurin und Christian Filips eher an einer Nachdichtung. Nur leider wird an zu vielen Stellen zu viel Gewicht auf die poésie sonore und die Herstellung von Gleichklängen geleg. Da wird aus dem Geglucker (« gargouillement ») plötzlich ein „gigagurgelndes blubbern“ oder es wird auf pseudophonetische Übersetzungen ausgewichen, welche die Semantik ganz weit weg verschieben. Aus « fariboles deriboulées » werden „berliner bouletten“, was komisch anmutet für so etwas wie ein „deduzwirbeltes zeugs“.

Um die akribische Wortarbeit Prigents nachzudichten, braucht es vor allem Mut. Mut, sich auf die anamorphose Groteske einzulassen. Nur leider werden weder die Wortamalgame und -Schichtungen nachgedichtet noch die Sinnanreicherungen durch Trennungen und Enjambements. Vielmehr werden lieber Umwege gegangen.

et ca scul
pta méticul
eusement l'ori
fils horri
blement vide


und diesen skull
geschnitzt aus mull
akribisch die söhne
geöffnet schröck
lich leer das ich


Hier verlangt es eigentlich eine Nachdichtung, die versucht dieses ästhetische Vorgehen in ein ähnlich semantisches Feld einzubetten, anstatt das Gedicht auszubuchstabieren und totzuschreiben, und dabei nicht einmal alle Bedeutungen mit einzuschliessen, weil die Peseten (« pta ») oder der mitklingende Lori (l'ori) vernachlässigt wurden. Aber wie würde eine gerechte, riskante Übersetzung ausschauen? Vielleicht so?:

und diese pin
gelige schilling
elplastik der po
röse hallodri pan
isch leer


Vielleicht ganz anders, zumindest aber mit ein bisschen mehr Vertrauen in die Praktik des Originals. Dann könnte man auch so Wortverschmelzungen wie « pullulation » im Deutschen stehen lassen, weil man hier Pollution und Population genauso versteht, oder man müsste « carnaval » nicht als „Fastnachtsfleich“ übersetzen, wobei das zwar sprachlich sehr gelungen ist, aber eben nicht die Poetologie Prigents widerspiegelt, wonach die vielleicht einfachste Lösung im Deutschen „karnival“ wäre, also die Verschmelzung von karnivor und Karneval.

Eine Nachdichtung muss wie jede Übersetzung vor allem in der Zielsprache gut funktionieren. Dass sich unter der polyglotten Maske von Prigent ein grosser Stilist verbirgt, wird durch unnötig umständliches Deutsch aber nicht mehr ersichtlich.


âme chère âme je lui demande
en toi combien de kilos combien
de centimètres de cm³
d'âme – zéro dit l'âme


wieviel seele meine liebe
kilogramm wiegst du wieviele
zentimeter im quadrat hoch drei
bist du gross – null sagt die seele


Mit einer grossen Vorliebe für Genitivierungen treibt man die Übersetzung nicht nur bis in die Unverständlichkeit wie bei „der geist (des originals / geist) & der vernunft / gründe schwanzes Pan“, sondern schiebt Prigent auch in eine expressionistische Richtung, die er selbst gar nicht einschlägt, wie bei „der erde blauer feuerschein“ oder „mittags donnerblitzt grollend die Seele“, wo es im Original nur eine nüchterne Aufzählung ist « midi éclair l'âme tonnerre ». Weils aber grad so schön ist, haut man auch noch den doppelten Genitiv raus: „pelz in der schwebe der klemme / der geschehnisse mittig“ (« la fourrure floue aux entournures / des événements »).

Ärger gehts nur noch, wenn z.B. der « vers plat », der fade Vers, zur „Madenplatte“ wird. Dazu kommts, weil die Made (le ver), die im Vers (le vers) steckt, auf die Oberfläche gehoben wird und « plat » phonetisch zu Platte übersetzt wird. Wenn man aber nicht auf der Oberfläche der Übersetzung, sondern innerhalb der Übersetzung die Sprachreflexion von Prigent anwendet, hilft das dem Erstleser wenig. Das kann man als eine Zweitübersetzung sehr gut machen und daneben stellen, nicht aber in einer ersten Fassung, die zunächst im Zeichen des Dichters stehen sollte, wenn es die einzige Publikation dieses Autors im deutschsprachigen Raum ist. Aber so bleibt Die Seele eine komische Chimäre aus einer angedeuteten Nachdichtung und dem verzweifelten Versuch, ihn zu übersetzen. Prigents Ästhetik allerdings geht verloren.



Christian Prigent: Die Seele. Frz. / dt. Übers. und hrsg. von Christian Filips und Aurélie Maurin. Berlin und Solothurn (roughbooks 031) 2014. 188 Seiten. 15,00 Euro.

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