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Charles Plymell: Apokalypsenrose

Rezensionen



Jan Kuhlbrodt


Dräuende Apokalypsen

zu Charles Plymell



Es gibt sicher die Vorstellung, ein Rezensent sei in literarischen Belangen umfassend gebildet und informiert, er kenne Namen, Zeiten und Werke, und nichts haut ihn mehr von den Socken. Wenn dem so ist, bin ich im Grunde kein Rezensent. Und vor allem auf letzteres, das von den Socken gehauen Werden, will ich um keinen Preis verzichten. Letztlich ist es ja der Grund des Lesens überhaupt und kommt auch nicht so oft vor. Umso seltener, je mehr man liest. Komischerweise sind es die kleineren Verlage, denen es gelingt, hin und wieder entsprechende Texte in mein Leseleben zu schmuggeln, und Peter Engstler gelingt es in diesem Jahr schon zum zweiten Mal. Das erste Ereignis war Ann Cottens JIKIKETSUGAKI, von dem mir, ich gebe es zu, der Mund noch immer etwas offensteht. Jetzt aber handelt es sich um ein schmales Bändchen mit Gedichten von Charles Plymell. Das Original ist 1967 erschienen, das Buch also in etwa so alt wie ich und heißt: Apokalypsenrose.


Zerschlag die Gedankenfalle in den Wundmalen der Zeit
Ruf den aus dem rasenden Tempo spießiger Weihnacht
enteilenden Höhepunkt zurück. Du scheinst nämlich viel
mehr zu wissen, als das Gespräch hergibt. Lass uns also
die Market Street herunter gehen, wo sich deine Silhouette wandelt
in der Unruhe deiner feurigen Jugend



Als ich mit Siebzehn in den Sommerferien durch die mir zugängliche Welt trampte, also durch einige Staaten Osteuropas, hatte ich jederzeit Kerouacs On the Road griffbereit in meiner Jackentasche, um in den Reisepausen, da ich auf mitnahmebereite Autofahrer wartete, darin zu lesen. Ich kam dennoch nicht weit in diesem Buch. Zumindest nicht in den Sommern.
Plymells Gedichte wären die bessere Reiselektüre gewesen. Und auch sie verhandeln einen Roadtrip. Auch sie changieren zwischen der Beschreibung abgewrackter Typen am Rand der Bordsteine und romantischer Reflexion:


Warst du dann grausam,
wenn du dein Leben damit verbracht hattest,
Venus zum Mars zu tragen,
Licht im Kopf?
Indes Betty eine Weinbuddel an die Mauer schleudert
unter einer Brücke aus gestrigem Gold.


Plymell, der 1935 in Kansas geboren wurde, bereiste in den Fünfzigern, nachdem er die Militärakademie besucht hatte, die Route 66, bevor er mit Ginsberg und Cassady zusammentraf und Anfang der Sechziger auch eine Zeitlang zusammenwohnte. Diese Einflüsse machen sicher eine Art intellektuellen Humus aus, daraus hervor wuchs dieses dichte lyrische Debüt. Hinreißend und voller Emphase. Ins Deutsche übertragen von Egon Günther. Der Band enthält neben der Übertragung auch die Originalversion.

Dass diese Emphase kein Privileg der Jugend ist, beweist das von Gregor Pott übersetzte lange Gedicht Planet Chernobyl, das in gleicher Ausstattung ebenfalls im Verlag Peter Engstler erschienen ist. Unter dem Eindruck der Reaktorkatastrophe von Fukushima wird hier der zerstörerische Charakter menschlicher Zivilisation vorgestellt. Der Fokus erweitert sich von einer Landstraße auf eine planetare Gesamtsicht, und wenn vorher noch Glasflaschen zerspringen, verrotten jetzt ganze Meere.

Dabei wird ein klassisch kathartischer Effekt erzeugt, oder wie Hölderlin sang: Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch.


in der ethnischen Seneszenz eines jeden Atemzugs und
           das Bewusstsein der
Apokalypse rückt schrittweise näher, pass auf, wo du
           hintrittst.



Charles Plymell: Apokalypsenrose - San Francisco, 1963. Dt./amerik. Übersetzt von Egon Günther. Ostheim/Rhön (Verlag Peter Engstler) 2017. 20 Seiten. 7,00 Euro.

Charles Plymell: Planet Chernobyl. Dt./amerik. Übersetzt von Gregor Pott. Ostheim/Rhön (Verlag Peter Engstler) 2015. 20 Seiten. 7,00 Euro.

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