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Charles Bernstein: Karl Elektric - Gedichte und Überrsetzen Bd. 1.2

Rezensionen



Jan Kuhlbrodt


Gedichte um und nach



Schweinigeln
Fern nach Fernando

Dichter sind Ferkel
Wer ferkelt so schön
Sie fälschen die Spieße sogar
Um die sie sich dröhn.



So lautet die deutsche Version eines Gedichtes, das auf Englisch derart anhebt:


Autopsychographia
after Fernando Pessoa

Poets are fakers
Whohes faking is so real
They even fake the pain
They truly feel


Seit gut einer Woche lese ich täglich für mehrere Stunden im zweiten Teilband Charles Bernstein, der von der Gruppe Versatorim herausgegeben wurde. Der Untertitel lautet GEDICHTE UND ÜBERSETZEN.


Die Abweichung von der gebräuchlichen Sprachregelung, also Gedichte und deren Übersetzungen, hat ihren Grund, denn es geht nicht nur darum, einem in diesem Fall amerikanischen Original ein deutschsprachiges Pendant zur Seite zu stellen, sondern das Buch, wie schon der erste Teilband, beschreibt einen Prozess, ein frühlingshaftes Austreiben der Sprache. In diesem Zusammenhang wird auch der Begriff des Originals in Frage gestellt. Die Übersetzungen und deren Präsentation erscheinen im Buch, das übrigens auf Seite 376 abrupt die Leserichtung wechselt, zuweilen als vorangehend. Und sie spielen den Umgang mit Sprache durch. Nutzen den Gleich-klang verschiedener Worte, der zuweilen eine inhaltliche Gegenposition bietet, oder spielen mit vorlyrischem Material, wie z.B. amtlichen Schriften.


Der Text, der die Zäsur in der Leserichtung markiert, heißt übrigens Die Maßnahme und sei hier komplett zitiert:

Die Intimität eines großen Schmerzes inthronisiert
sich auf meinen Grenzen und befiehlt mir
Dichtstellung. Sieh dich vor damit
sich die hoffnungslosen Zauber unbewußter
Dilemmas nicht an dir festkrallen am
nebligsten Boulevard des Bedauerns.



Natürlich kommt man bei solcher Betrachtung schnell auf den von Deleuze und Guatttari in den philosophischen und kunsttheoretischen Diskurs eingeführten Begriff des Rhizoms, den sie der Biologie entlehnen:

"Ein Rhizom ist als unterirdischer Strang grundsätzlich verschieden von großen und kleinen Wurzeln. Zwiebel- und Knollengewächse sind Rhizome. Pflanzen mit großen und kleinen Wurzeln können in ganz anderer Hinsicht rhizomorph sein und man könnte sich fragen ob das Spezifische der Botanik nicht gerade das Rhizomorphe ist. Sogar Tiere sind es wenn sie eine Meute bilden wie etwa Ratten. Auch der Bau der Tiere ist in all seinen Funktionen rhizomorph. als Wohnung Vorratslager Bewegungsraum Versteck und Ausgangspunkt. Das Rhizom selber kann die unterschiedlichsten Formen annehmen von der verästelten Ausbreitung in alle Richtungen an der Oberfläche bis zur Verdichtung in Zwiebeln und Knollen. Wenn Ratten übereinander hinweghuschen."

(Gilles Deleuze und Félix Guattari: Tausend Plateaus)


Wenn ein Gedicht übersetzt wird, entsteht ein Gedicht. Da, wie Benjamin schreibt, die Übersetzung das Original nicht antastet, haben wir im Ergebnis zwei Gedichte, die unabhängig voneinander fortexistieren. Ihr Verhältnis zueinander mag schwierig sein, aber das Wunder liegt in der Verdoppelung.
Zwei Gedichte, und jedes für sich erlangt eine eigene Autonomie. Die Welt verdoppelt sich, verzweigt sich. Dichtung als Rhizom, als unterirdisches Geflecht, das hier und da Fruchtkörper austreibt, die überirdisch leuchten, vorhanden sind, geerntet werden können. Das vielleicht beschreibt, was wir Dichtung zu nennen gewohnt sind.
Und natürlich macht das Bernstein-Projekt nicht an der Grenze zweier Nationalsprachen halt. Es finden sich z.B. georgische oder arabische Texte, die ich mir natürlich in Ermangelung aufgrund der Sprach- und Schriftgrenze nur als Illustration vorstelle. Dennoch verweisen sie auf einen Ausgang meiner begrenzten Sprachwelt, genauso wie die im Band abgedruckten Photographien und die Zeichnung auf dem Einband.
Grenzen sind immer provisorisch. Das vermittelt letztlich auch der politische Anspruch des Buches, wenn Amtsschimmeldeutsch zum Material für die deutsche Variante eines Gedichtes wird, das  Asyl heißt und damit die bürokratische Form und die dahinter stehende Geisteshaltung ad absurdum führt.

Das Buch zelebriert ein Spiel mit Sprachen und Formen, etwa Wienerisch und Haiku, und zelebriert damit eine

Respektable Wirrtualität

Was Ich sagt' ist was Ich meint'
& was Ich sah ist was Ich sagt
aber weder dies noch das
Ist was Ich denk' Ich dacht'


Die Gedichte verzichten konsequenter Weise auf Autorennamen. Sie finden sich als Kürzel am Rand und können in einer Legende nachgeschlagen werden.
Erschienen ist das Buch übrigens in einem maltesisch – norwegischen Verlag: der Quintano heißt. und kann bezogen werden über: www.versatorium.at bei einer Mindestspende von 25,00 Euro.


Charles Bernstein = Karl Elektric: Gedichte und Übersetzen Bd. 1.2, übersetzt von Versatorium. Wien (Versatorium – Verein für Gedichte und Übersetzen) 2017. 470 Seiten. Bestellungen über transl@versatorium.at oder postalisch (Geusaugasse 39/2, 1030 Wien). 25,00 Euro.

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