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Charles Baudelaire: Der Maler des modernen Lebens, 5

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Charles Baudelaire

Der Maler des modernen Lebens

Figaro. 26 et 29 novembre, 3 décembre 1863 (F) – fertig 1860/61

Übersetzt von Werner Wanitschek


V

DIE  GEDÄCHTNISKUNST




Dieses Wort Barbarei, das mir vielleicht allzuoft unter die Feder geriet, könnte einige dazu verleiten zu meinen, es handele sich hier um einige mangelhaft ausgeführte Zeichnungen, die allein die Vorstellungskraft des Betrachters in vollkommene Sachen zu verwandeln versteht. Das hieße mich falsch verstehen. Ich meine eine unvermeidliche, verknüpfende, kindliche Barbarei, die oft sichtbar bleibt in einer vollkommenen Kunst (mexikanischen, ägyptischen oder ninivischen), und die von dem Bedürfnis herrührt, die Dinge umfassend zu sehen, sie vor allem in ihrer Gesamtwirkung zu betrachten. Es ist nicht unnütz hier zu bemerken, daß viele Leute alle die Maler der Barbarei bezichtigt haben, deren Blick verknüpfend und abkürzend ist, zum Beispiel Herrn Corot, der zuallererst bestrebt ist, die Hauptlinien einer Landschaft zu ziehen, ihr Knochengerüst und ihre Gesichtszüge. Somit, indem er seine eigenen Eindrücke übersetzt, bezeichnet Herr G. mit instinktsicherer Tatkraft die dramatischen Höhe- oder Leuchtpunkte eines Gegenstandes, oder dessen Hauptmerkmale, manchmal sogar mit einer für das menschliche Gedächtnis nützlichen Übertreibung; und die Einbildungskraft des Betrachters, die ihrerseits diese so despotische Gedächtniskunst erleidet, sieht deutlich den Eindruck, den die Dinge auf Herrn G.’s Geist hervorgerufen haben. Der Betrachter ist hier der Übersetzer einer stets klaren und berauschenden Übersetzung.
    Es gibt eine Bedingung, die die Lebenskraft dieser sagenhaften Übersetzung des äußeren Lebens sehr erhöht. Ich meine Herrn G.’s Zeichenmethode. Er zeichnet nach dem Gedächtnis, und nicht nach Modell, außer in dem Fall (wie zum Beispiel der Krimkrieg), wo dringende Notwendigkeit besteht, unmittelbare, hastige Notizen zu machen und die Hauptlinien eines Motivs festzuhalten. In der Tat, alle guten und wahren Zeichner zeichnen nach dem in ihren Gehirnen festgehaltenen Bild, und nicht nach der Natur. Wenn man uns die wunderbaren Skizzen Raphaels, Watteaus und vieler anderer entgegenhält, dann sagen wir, daß das tatsächlich sehr sorgfältige Notizen sind, aber reine Notizen. Wenn ein echter Künstler zur endgültigen Ausführung seines Werkes gekommen ist, wäre ihm das Modell eher ein Hindernis als eine Hilfe. Es kommt sogar vor, daß Menschen wie Daumier und Herr G., die seit langem gewohnt sind, ihr Gedächtnis zu üben und mit Bildern anzufüllen, vor dem Modell und der Vielfalt an Einzelheiten, die es enthält, ihre Hauptfähigkeit beeinträchtigt und gleichsam gelähmt finden.
    Es entsteht dann ein Zweikampf zwischen dem Willen, alles zu sehen, nichts zu vergessen, und der Fähigkeit des Gedächtnisses, das gewohnt ist, in sich die Hauptfärbung und die Umrisse, die Arabeske der Kontur aufzunehmen. Ein Künstler, der die vollkommene Empfindung für die Form hat, doch gewohnt ist, vor allem Gedächtnis und Einbildungskraft zu gebrauchen, findet sich dann gleichsam überfallen von einem Auflauf von Einzelheiten, die alle Gerechtigkeit fordern mit der Wut einer auf absolute Gleichheit versessenen Menge. Jede Gerechtigkeit sieht sich notwendigerweise verletzt; jede Harmonie zerstört, geopfert; so manche Alltäglichkeit wird übergroß; so manche Geringfügigkeit zum Usurpator. Je mehr sich der Künstler unparteiisch der Einzelheit zuwendet, um so größer wird die Anarchie. Er mag kurz- oder weitsichtig sein, jede Hierarchie und jede Unterordnung verschwinden. Das ist eine Erscheinung, die oft in den Werken eines unserer beliebtesten Maler auftritt, dessen Mängel übrigens so sehr den Mängeln der Menge entsprechen, daß sie seiner Beliebtheit außerordentlich günstig waren. Die gleiche Übereinstimmung läßt sich erraten in der Ausübung der Kunst des Schauspielers, der so geheimnisvollen, unergründlichen Kunst, die heute in die Verwirrung des allgemeinen Verfalls geraten ist. Herr Frédérick Lemaître erschafft eine Rolle mit der Weite und Breite des Genies. So sehr sein Spiel mit strahlenden Einzelheiten bestirnt sein mag, es bleibt immer zusammenfassend und klassisch-schön. Herr Buffé erschafft die seinen mit einer Kurzsichtigen- und Bürokratengenauigkeit. Alles zerplatzt in ihm, doch nichts läßt sich sehen, nichts will vom Gedächtnis behalten werden.
    In Herrn G.’s Ausführung zeigt sich somit zweierlei: zum einen eine wiedererweckende, beschwörende Erinnerungsanspannung, eine Erinnerung, die zu allem sagt: »Erhebe dich, Lazarus!«; zum anderen ein Feuer, ein Bleistift-, Pinselrausch, der fast einer Raserei ähnelt. Es ist die Furcht, nicht schnell genug zu sein, das Phantasiegebilde entfliehen zu lassen, ehe die Verknüpfung daraus gewonnen und ergriffen ist; es ist diese schreckliche Angst, von der alle großen Künstler beherrscht sind und sie so sehnlichst wünschen läßt, sich alle Ausdrucksmittel anzueignen, damit niemals die Befehle des Geistes durch die zögernde Hand entstellt würden; damit schließlich die Ausführung, die ideale Ausführung ebenso unbewußt, ebenso fließend werde, wie es die Verdauung ist für das Gehirn des sich wohlbefindenden Menschen, der gespeist hat. Herr G. beginnt mit leichten Bleistiftstrichen, die fast nur den Platz bezeichnen, den die Gegenstände im Raum einnehmen sollen. Dann werden die Hauptflächen zart mit Tusche angedeutet, die Gesamtpartien zunächst schwach, leicht gefärbt, doch später wieder aufgenommen und nach und nach mit kräftigeren Farben bedeckt. Ganz zuletzt wird endgültig der Umriß um die Gegenstände mit Tinte gezogen. Außer man hat sie gesehen, würde man die überraschenden Wirkungen nicht vermuten, die er mit dieser so einfachen und fast elementaren Methode erzielen kann. Sie hat diesen unvergleichlichen Vorteil, daß an jedem beliebigen Punkt ihres Fortschreitens jede Zeichnung ausreichend beendet aussieht; Sie können das einen Entwurf nennen, wenn Sie wollen, aber der Entwurf ist vollkommen. Alle Werte darin sind in vollkommener Harmonie, und wenn er sie weiter ausführen will, rücken sie immer nebeneinander vor zur gewünschten Vervollkommnung. Er bereitet so zwanzig Zeichnungen auf einmal vor mit einem Ungestüm und einer Freude, die belustigend sind, sogar für ihn; die Skizzen stapeln sich zu Dutzenden, zu Hunderten, zu Tausenden übereinander. Von Zeit zu Zeit sieht er sie durch, blättert in ihnen, betrachtet sie, und dann wählt er einige davon aus, deren Wirksamkeit er mehr oder weniger steigert, deren dunkle Partien er kräftiger aufträgt und deren helle er zunehmend leuchtend macht.
    Eine außerordentliche Bedeutung mißt er dem Hintergrund bei, der, kräftig oder zart, stets von einer den Gestalten entsprechenden Beschaffenheit ist. Die Skala der Farbtöne und die Grundharmonie werden streng befolgt, mit einer Genialität, die eher auf Instinkt als auf Studium beruht. Denn Herr G. besitzt von Natur aus diese geheimnisvolle Begabung des Koloristen, eine wahrhafte Gabe, die das Studium vermehren kann, doch das dieses durch sich selbst zu schaffen, glaube ich, unvermögend ist. Um alles mit einem Wort zu sagen, unser außerordentlicher Künstler drückt zugleich die Handlung und die feierliche oder komische Haltung der Wesen und ihre leuchtende Explosion im Raum aus.


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