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Charles Baudelaire: Der Maler des modernen Lebens, 13

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Constantin Guys: The Team


Charles Baudelaire

Der Maler des modernen Lebens

Figaro. 26 et 29 novembre, 3 décembre 1863 (F) – fertig 1860/61

Übersetzt von Werner Wanitschek


XIII

DIE  FAHRZEUGE



So verlängern sich, von zahllosen Abzweigungen unterbrochen, diese langen Galerien des high life und des low life. Wir wollen für einige Augenblicke abwandern in eine wenn nicht reine, so doch feinere Welt; wir wollen Düfte einatmen, keine heilsameren vielleicht, aber köstlichere. Ich sagte schon, daß Herrn G.’s Pinsel, wie der von Eugène Lami, wunderbar geeignet ist, den Prunk des Dandysmus und die Eleganz des Stutzertums darzustellen. Das Verhalten des Reichen ist ihm vertraut; er versteht es, mit einem leichten Pinselstrich, mit einer Sicherheit, die nie gefehlt hat, die Sicherheit von Blick, Bewegung und Stellung wiederzugeben, welche bei den privilegierten Wesen das Resultat der Monotonie im Glück ist. In dieser besonderen Folge von Zeichnungen sind dargestellt unter tausend Gesichtspunkten die Begebenheit des Sports, der Rennen, der Jagden, der Spazierritte im Wald, die stolzen Ladies, die zarten Misses, die mit sicherer Hand Turnierpferde von bewundernswerter Reinheit der Konturen lenken, sie selbst kokett, prächtig, launenhaft wie Frauen. Denn Herr G. kennt nicht nur das allgemeine Pferd, sondern er bemüht sich auch auf eine glückliche Art darum, die persönliche Schönheit der Pferde auszudrücken. Mal sind es Rastplätze und sozusagen Lager von zahlreichen Fahrzeugen, von wo, auf die Kissen, die Sitze, die Wagenverdecke hochgezogen, schlanke junge Leute und Frauen, ausstaffiert mit ausgefallenen, durch die Saison autorisierten Kostümen teilnehmen an irgendeiner Feierlichkeit des Pferderennens, das in der Ferne dahinrast; mal galoppiert ein Reiter anmutig neben einer offenen Kalesche, und sein Pferd scheint mit seinen Bogensprüngen auf seine Weise zu grüßen. Das Fahrzeug trägt in einer von Schatten und Licht gestreiften Allee die Schönheiten davon, wie in einen Nachen gebettet, träge, zerstreut den Artigkeiten lauschend, die sich in ihr Ohr ergießen und sich faul dem Fahrtwind ausliefernd.
    Der Pelz oder der Musselin reichen ihnen bis zum Kinn und ergießt sich wie eine Welle über den Wagenschlag. Die Bedienten stehen steif und senkrecht, reglos, und sind sich alle ähnlich; es ist immer das eintönige und flache Bildnis der pünktlichen, disziplinierten Unterwürfigkeit; ihre besondere Eigenschaft ist, keine zu haben. Im Hintergrund grünt der Wald oder färbt sich rot, flimmert oder dunkelt, je nach der Tages- und der Jahreszeit. Seine Abgeschiedenheiten füllen sich mit Herbstnebeln, blauen Schatten, gelben Strahlen, rosa Hervorglänzen, oder winzigen Blitzen, die die Dunkelheit wie Säbelhiebe zerhacken.
    Wenn die zahllosen den Orientkrieg betreffenden Aquarelle uns Herrn G.’s Stärke als Landschaftsmaler nicht gezeigt hätten, würden diese mit Sicherheit genügen. Aber hier handelt es sich nicht mehr um die zerfetzten Gelände auf der Krim noch um die theatralischen Ufer des Bosporus; wir finden diese vertrauten und behaglichen Landschaften vor, die die kreisförmige Zierde einer großen Stadt bilden, und wo das Licht Wirkungen hervorbringt, die ein wahrhaft romantischer Künstler nicht verschmähen kann.
    Ein weiterer Verdienst, den an dieser Stelle anzumerken nicht unnütz ist, ist die bemerkenswerte Kenntnis des Geschirrs und der Karrosserie. Herr G. zeichnet und malt ein Fahrzeug, und alle Fahrzeugarten, mit der gleichen Sorgfalt und der gleichen Leichtigkeit wie ein vollendeter Marinemaler alle Schiffsarten. Seine ganze Karrosserie ist vollkommen echt; jedes Bestandteil ist an seinem Platz, und nichts ist zu tadeln. In welche Lage es auch versetzt werde, mit welcher Geschwindigkeit es auch dahinjage, ein Fahrzeug empfängt, wie ein Schiff, von der Bewegung einen mysteriösen und komplexen Reiz, den mitzustenographieren sehr schwer ist. Das Vergnügen, das das Auge des Künstlers davon empfängt, leitet sich her, wie mir scheint, aus der Folge geometrischer Figuren, die dieser schon so komplizierte Gegenstand, Schiff oder Karrosse, schnell aufeinander folgend im Raum hervorbringt.
    Wir können mit Sicherheit darauf wetten, daß in wenigen Jahren Herrn G.’s Zeichnungen kostbare Archive des zivilisierten Lebens geworden sind. Seine Werke werden von den Liebhabern ebenso gesucht sein wie die von Debucourt, von Moreau, von Saint-Aubin, von Carle Vernet, von Lami, von Devéria, von Gavarni, und von all jenen ausgezeichneten Künstlern, die, obwohl sie nur das Vertraute und Hübsche gemalt haben, deswegem nicht weniger, auf ihre Weise, ernsthafte Geschichtsschreiber sind. Einige von ihnen haben sogar allzusehr dem Hübschen gehuldigt und manchmal in ihren Kompositionen einen dem Gegenstand fremden klassischen style aufgenommen; einige haben aus freien Stücken Ecken abgerundet, die Rauheiten des Lebens eingeebnet, diese grellen Lichtblitze abgeschwächt. Weniger geschickt als sie, behält Herr G. einen ihm ganz eigenen Verdienst: er hat freiwillig eine Tätigkeit ausgeübt, die die anderen Künstler verschmähen und die auszuüben vor allem einem Mann von Welt vorbehalten war. Er hat überall die vergängliche, flüchtige Schönheit des heutigen Lebens aufgesucht, den Wesenszug dessen, was der Leser uns die Moderne zu nennen erlaubte. Oft sonderbar, ungestüm, übermäßig, doch immer poetisch, hat er verstanden, in seinen Zeichnungen den bitteren oder berauschenden Geschmack des Weines des Lebens zu vereinigen.


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