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Bülent Kacan: Fragmente

Kunst

























Torso von Belvedere,
in den Vatikanischen Museen


Bülent Kacan


Fragmente


Das Fragment stellt die gedachte relative Mitte dar zwischen dem ganz und gar Vollkommenen und dem Nichts, der radikalen Verneinung des Kunstwerks bis hin zur absoluten Nichtigkeit desselben. Das fragmentarische Kunstwerk ist ein Versuch, dem Nichts zu entgehen, zugleich möchte das Fragment aber auch keine Vollkommenheit erreichen, es strebt keinen Abschluss an, es bleibt unabgeschlossen. Sein gedachter Aufenthaltsort ist die relative Mitte, es pendelt beständig zwischen zwei Extremen hin und her und läuft somit fortlaufend Gefahr, vom Nichts, das linksseitig lauert, vereinnahmt zu werden, andererseits geht das Fragment fortwährend das Risiko ein, von der Vollkommenheit, die rechtsseitig auf der Lauer liegt, allmählich angezogen, aufgesogen und schlussendlich aufgelöst zu werden, sollte es einmal über sich hinauswachsen hin zur Vollkommenheit, der absoluten Vollendung.
    Im Idealfall ist das Fragment eine gleichermaßen brüchige wie bruchstückhafte Vermittlungsform zwischen zwei Extremen, stellt es aber einmal idealiter eine Form der Vermittlung dar, so wurde es bereits von der rechtsseitigen Vollkommenheit vereinnahmt und also geradewegs zu Grabe getragen, denn es geht das Fragment augenblicklich zu Grunde, sobald es seiner Form nach eine Vermittlerrolle einnimmt, was im Grunde genommen einen Verlust seiner Autonomie bedeutet. Wehrt es sich allerdings vehement gegen eine rechtsseitige Vereinnahmung, nimmt es also zusehends Abstand von der Vollkommenheit, in der Annahme, hierdurch seine argwöhnisch beäugte und beidseitig belagerte Autonomie innerhalb der relativen Mitte zu wahren – wo es sich ausschließlich selbst gehorcht, schließlich gehört es hier niemandem - so läuft das Fragment Gefahr, dass es null und nichtig wird, es im Nichts endet, es aufhört, zu existieren, noch bevor es halbwegs Gestalt angenommen hat.
    Das Fragment ist dazu verdammt, sich beidseitig abzustoßen, zugleich ist es dazu verurteilt, sich im Extremfall beidseitig anziehen zu lassen. Es ist gezwungenermaßen existent. Es ist einer ständigen Zerreißprobe ausgesetzt; der zwiespältige Zustand ist dem Fragment eigen, das Fragment zwingt sich förmlich dazu, seine Freiheit gegenüber den beidseitig vorhandenen Extremen spielerisch abzusichern. Es ist dies ein Zwang hin zu einer Freiheit als Prozess, die im permanenten Austarieren der Kräfte, im pausenlosen Ausgleich der Verhältnisse gleichermaßen an Beständigkeit verliert und gewinnt. Das Fragment zaudert nicht, es zittert, da ihm die rechtsseitige Unfreiheit sowie die linksseitige Unmöglichkeit unentwegt vor Augen erscheinen.



© Bülent Kacan (Aus den Aufzeichnungen Ich oder Auf dem Heimweg von mir zu mir selbst, 2016)

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