Bülent Kacan: Der Uhrmacher - Signaturen

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Bülent Kacan: Der Uhrmacher

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Bülent Kacan

Der Uhrmacher



Die Batterie meiner Armbanduhr hatte plötzlich ihren Geist aufgegeben, also begab ich mich, infolge einer beängstigenden Zeitlosigkeit - ich trug seit meinem neunten Lebensjahr eine Uhr an meinem Handgelenk - zu einem Uhrmacher, der, ich konnte mich noch deutlich daran erinnern, denn mein Vater nahm mich einst als kleiner Junge mit, irgendwo in den verzweigten und verwinkelten Gassen der Altstadt seinen Betrieb führte. Nach einiger Zeit fand ich auch endlich die kleine Werkstatt. Unscheinbar hatte sie sich, womöglich um Schutz vor einer übermächtigen Konkurrenz zu finden - die sich wenige Straßenzüge entfernt in einem großen glitzernden Geschäftshaus eingerichtet hatte und die Kundschaft aus nah und fern magisch anzog - zwischen zwei gewaltigen Bürogebäuden versteckt, möglicherweise wurde die Werkstatt aber auch selbst von diesen unbarmherzig erfasst und beinahe erdrückt. Der Uhrmacher, ein kleiner dicklicher Mann mit ergrauten Haaren, röchelte pausenlos und fing auch schon bei der kleinsten Regung zu hecheln und zu husten an.
    Ich berichtete ihm von meinem Missgeschick, erzählte ihm, dass ich, augrund einer Fehlfunktion meiner Armbanduhr, nun schon seit, wie ich vorsichtig schätzte, einem Tag ohne Zeitangabe war und das diese Zeitlosigkeit, sollte sie mehr als einen Tag andauern und nicht umgehend beendet werden, mich unweigerlich in den Wahnsinn treiben würde. Ich teilte ihm also meine Befürchtungen mit und übergab ihm vertrauensvoll meine Armbanduhr. Diese nahm er auch gleich unter die Lupe, strich einige Male am glatten Leder des Armbandes entlang, würdigte seine zarte und zugleich zähe Qualität, klopfte ein, zwei Mal gegen das gläserne Quarzgehäuse und öffnete, nachdem er sich zwischenzeitlich eine Lupe auf das zuckende linke Auge gedrückt hatte, endlich das Gehäuse. Anschließend ersetzte er die leere Batterie durch eine neue, säuberte das mechanische Innenleben der Uhr vorsichtig mit einem Wattestäbchen, blies einmal kräftig in die offen gelegten Eingeweide des Chronometers und schloss das Gehäuse endlich mit einem festen und überaus gekonnten Ruck.
    „An der Batterie liegt es aber nicht!“, keuchte er, sah auf seine eigene Uhr - ein monströses Machwerk, mit, das Geräusch liegt mir noch heute in den Ohren, einem Sekundenzeiger, der während seines Rundgangs um ein unfassbares Zentrum fürchterlich zischte - und machte sich augenblicklich daran, meine Armbanduhr nach seiner Zeit zu stellen. „Überhaupt! Sie sollten Ihre Zeit nicht unnötig damit vergeuden, der Zeit nachzulaufen. Sehen Sie lieber zu, dass Sie Ihre letzten Stunden anständig zu Ende bringen!“, sprach es, starrte aus seinem zuckenden Uhrmachergesicht und gab mir keuchend meine Uhr zurück. Vorsichtig blickte ich auf meine Armbanduhr und sah, obwohl mich das Hecheln und Husten des Uhrmachers auf das Heftigste irritierte und sein überaus wachsamer Blick, der mich durch seine Lupe auf das Innigste zu durchleuchten schien, dass die Ziffern meines Chronometers wie durch Geisterhand berührt, gleichmäßig rückwärts schlugen. Fassungslos versuchte ich Worte für diese absurde Situation zu finden, ich stand also eine geraume Zeit gelähmt vor dem kleinen Uhrmacher, während dieser mit seiner Rechten auf den Tresen schlug, bellend auflachte, hechelnd um seinen Tresen schlich, in dem ich trotz all der technischen Apparaturen schlagartig einen monströsen Sarkophag erkannte, packte mich an der Hand, führte mich humpelnd zum Ausgang, wandte sich röchelnd um und schloss hinter mir ruckartig die Tür. „Finis vitae!“, hörte ich den kleinen Mann noch deutlich durch den Türspalt keuchen, als ich nach wenigen Metern auf offener Straße zusammenbrach.
    Wieso man mir meine Armbanduhr weggenommen hat, kann ich nicht sagen, offenbar befürchtet die hiesige Anstaltsleitung, ich könnte den Ereignissen der letzten Wochen auf den Grund gehen und das Geschehene rückgängig machen. Auch hat man aus Sicherheitsgründen, wie es heißt, die große Wanduhr aus meinem Zimmer entfernt. „Zu Ihrem eigenen Schutz!“, wie mir das Personal einhellig versicherte. Ich allerdings bin fest davon überzeugt, dass man mich hier zu Unrecht festhält. Jeglicher Versuch, den Irrtum der anwesenden Ärzte - unfreundliche Personen, die mir unter keinen Umständen verraten wollen, wie spät es ist, kurz vor Zwölf, sagen sie immerzu, während sie mit ihrem rechten Zeigefinger eine imaginäre Uhr in der Luft nachzeichnen - der Anstaltsleitung vor Augen zu führen, ja das Verbrechen, das sich im Festhalten meiner Person in diesen meterdicken Gemäuern äußerst, rücksichtslos aufzuklären, scheitert an der Ignoranz der Anstaltsführung, man erlaubt mir nicht vorzusprechen. Werde ich aber einmal einem Sachverständigen vorgeführt, so finde ich nicht die richtigen Worte, mein Mund ist dann wie gelähmt, auch meine Zunge liegt, ganz so, als hätte man sie festgenäht, unbeweglich auf dem Grund meines Rachens, jeder noch so kleine Sprachversuch entpuppt sich am Ende zu einem fehlgeschlagenen, unheimlich schmerzhaften Fluchtversuch. Nicht sprechen zu können, während es förmlich aus dir herausschreit, ist eine Qual, die nicht zu Wort kommt. Am Ende verwandelt sich das Ungesagte in dir in ein Ungeheuer, das sich nach und nach in deine Eingeweide frisst, sich hier einnistet und eins mit dir wird, ein sprachloses Ungetüm, das du nicht mehr loswirst, selbst wenn du das Maul sperrangelweit geöffnet hast, diesen mit Reißzähnen bewehrten Eingang in eine schmerzvolle Körperhöhle, die gleichermaßen eiskalt wie glühendheiß ist. Die Medikamente, die man mir seit Wochen verabreicht, wirken rücksichtslos, auch wenn sie meine Gedanken nicht gänzlich unterwandert haben. Noch gehorcht und gehört mein Geist mir ganz allein, auch wenn er zusehends aneckt. Es kracht und klopft immerzu in meinem Kopf. Hallo, ist da wer? Ich bin bestens im Bilde, hören Sie, ich weiß genau, was hier vor sich geht! Das Personal, das dort draußen auf dem Flur auf und abgeht, klopft im Vorübergehen absichtlich gegen meine Zimmertür, es schlägt allerdings auch gegen die Wände und gegen die Decke - da, erneut und jetzt schon wieder. Hallo, ist da wer? Geben Sie mir endlich meine Uhr zurück! Offenbar möchte man es vermeiden, dass ich frei und ungehindert spreche. Irgendwer will mich ein für alle Mal mundtot halten. Es sind andere Zeiten angebrochen, bei Gott, ich ahne es, alles was jemals war und gewesen ist, wird wieder sein und sich erneut ereignen. Die Zeit läuft rückwärts, ich fühle es, auch wenn die Menschen davon überzeugt sind, fortschrittliche Zeitgenossen zu sein, die Menschheit sitzt auf einem großen gigantischen Ziffernblatt, sie meint voranzuschreiten und rast doch unaufhörlich auf ihr eigenes Ende zu.



© Bülent Kacan


 


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