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Bülent Kacan: ABC-D der Meinungsfreiheit

Theater

Bülent Kacan

ABC-D der Meinungsfreiheit



Eine Podiumsdiskussion irgendwo im Süden des Landes. Anwesend sind die hellsten Köpfe der Republik: Ein rechtskonservativer Politiker, ein linksextremer Politikwissenschaftler, ein sich im mittleren Alter befindlicher Philosoph sowie der altehrwürdige Polizeichef der nahezu gewaltfreien oberbayrischen Gemeinde Unterammergau, der, man traut seinen Ohren kaum, nach der einen oder anderen gelungenen Aussage ausgiebig jodelt, ganz so, als wolle er die Verbundenheit zu seiner oberbayrischen Heimat melodisch untermalen. Der Moderator ist ein im höchsten Maße unparteiischer Mensch, er wägt ab, wo er kann, und wo er es einmal nicht kann, erscheint er zumindest ausgewogen; tatsächlich ist er dermaßen unscheinbar, dass die anwesenden
Zuschauer den Eindruck bekommen, er sei gar nicht anwesend – und tatsächlich ist er auch gar nicht erschienen, die geladenen Gäste leiten eigenständig das Gespräch. Diskutiert wird, wie es heißt, über die „beste aller Regierungsformen.“ Das Publikum im Zuschauerrund ist gespannt, es setzt sich, soviel ist sicher, aus Dreivierteilwissenden und Halbwissenden zusammen. Keiner ist unter ihnen, der auch nur die leiseste Ahnung davon hätte, wie die beste aller Regierungsformen ausschauen müsste; dass sie in der besten aller Regierungsformen leben, davon sind allerdings sämtliche Zuschauer überzeugt. Es sind neugierige und am aktuellen Zeitgeschehen durchaus interessierte Personen, aufgeschlossene Menschen durch und durch, die zu den geladenen Gästen hinaufschauen, ganz so, als säßen sie vor den Göttern des intellektuellen Olymps. Nachdem die fundamentalen Grundsätze der „besten aller Regierungsformen“ besprochen wurden, kommen die Podiumsteilnehmer auf die Meinungsfreiheit zu sprechen …

A: Entschuldigen Sie, aber darf ich auch anderer Meinung sein?
B: Selbstverständlich, Sie dürfen.
C: Es muss allerdings ausnahmslos die unsrige sein.
A: Aber ...
B: Sie weichen ab ...
A: Aber ... aber ...
B: Sie gehen zu weit!
A: Aber ... aber ... aber ...
B: Schluss jetzt, es reicht! Wir leben schließlich in einer Demokratie, ein jeder
    Bürger hat das Recht, zu sagen, was er denkt - bestreiten Sie dies etwa?
A: Aber ... aber ... aber ... aber ...
C: Er wird aufmüpfig!
B: Jawohl.
A: Aber ... aber ... aber ... aber ... aber ...
C: Er plant einen Aufstand!
B: Jawohl.
A: Aber ... aber ... aber ... aber .. .aber ... aber ...
C: Das was sie hier vorführen ist ein Anschlag auf den Verfassungsstaat! B., worauf
    warten Sie? Stopfen Sie ihm das Maul!
B: Jawohl.

(Das Publikum applaudiert frenetisch, nachdem zwei hünenhafte Gestalten, Sicherheitskräfte des Sicherheitsunternehmens Sicherheit & Schutz, kurz SS genannt, A, nachdem sie ihm eine Art Papierknäuel in den Mund gestopft haben – bei näheren Hinsehen erkennt man, dass es sich um den Artikel 5 des Grundgesetzes handelt - von der Bühne holen und unter Applaus abführen. Man kann, nachdem zwischenzeitlich Ruhe im Zuschauerrund einkehrt, erst ein Gestöhne und anschließend ein Geröchel hinter der Bühne vernehmen, bevor endgültig Stille herrscht. Ein hinter der Bühne befindliches Team, das sich aus einem örtlichen Metzger, dem nicht erschienenen Moderator und einem angesehenen TV-Koch zusammensetzt, verwandelt in null Komma nichts frische Weißwürstchen aus einer frisch angelieferten Fleischmasse – man wagt in dieser Situation gar nicht den Gedanken äußern, ob es sich hierbei um einen menschlichen Körper handelt - und verteilt diese, an das hellauf begeisterte Publikum, das von all dem keinen blassen Schimmer hat. Die übrigen Podiumsteilnehmer machen weiter, als sei nichts geschehen…)

D: Darf ich auch anderer Meinung sein?
B: Selbstverständlich, Sie dürfen.
C: Es muss allerdings ausnahmslos die unsrige sein.
D: Ich bin ganz Ihrer Meinung!
B: Holladihi holladiho …

Ende.


© Bülent Kacan (Aus den Aufzeichnungen Ich oder Auf dem Heimweg von mir zu mir selbst, 2017)


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