Brigitta Falkner: Strategien der Wirtsfindung - Signaturen

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Brigitta Falkner: Strategien der Wirtsfindung

Rezensionen
 



Jan Kuhlbrodt

Ein Augenpaar, das aus dem Fischmaul späht

Zu Brigitta Falkner: Strategien der Wirtsfindung



Demnächst wird ein neuer Film der Alien-Reihe in die Kinos kommen. Ich werde nicht hingehen, denn es war doch immer ernüchternd, dass keiner der Folgefilme mich so gepackt hat wie der erste. Im ersten der Filme war das Alien, das als Parasit im menschlichen Wirt heranwuchs, und dann irgendwann durch den Thorax brach, noch kaum zu sehen, das Grauen hielt sich verborgen, seine dräuende Anwesenheit aber erhöhte den thrill. Einmal geschlüpft, zischte das Ding pfeilschnell durchs Bild und hinterließ einen grandios zerstörten menschlichen Wirtskörper. Grusel vom Feinsten, aber zum Glück Sciencefiction.


 
 

Nimmt man nun das Buch Strategien der Wirtsfindung von Brigitta Falkner zur Hand, wiederholt sich der Schauer des Films auf eindringliche Weise und sehr unterhaltsam. Nur mit einem Unterschied, dass es eben keine Sciencefiction ist, sondern alles Beschriebene durch wissenschaftliche Beobach-tung und biologische Theorie untermauert.
Die Aliens gibt es, sie leben mitten unter uns, und es sind viele, sehr viele. Unsichtbar vielleicht, aber nur, so lang man von ihrer Anwesenheit nichts weiß und keine Lupe zur Hand nimmt, denn sie sind manchmal sogar unter der Haut, aber auf jeden Fall unter unseren Tapeten, in den Polstermöbeln und im Teppichboden. Wesen, die Blut saugen, sich in die Körper anderer Wesen einpflanzen und ihr eigenes Leben sichern, indem sie Leben aufsaugen. Es tobt ein Kampf:


 
 

… durch Stapel von Papier
das Pedipalpenpaar lenkt,
die langen Greifzangen,
womit das Spinnentier
als schwanzlose Miniaturversion
von einem Skorpion
(ein Riese in den Äuglein
der Läuse) nun Richtung
Beute schwenkt,
...


Brigitta Falkners Buch ist ein Hybrid. Gedichte, Zeichnungen, die das zunächst Unsichtbare auf eine fast traumatische Wahrnehmungsebene bringen, aber zuweilen auch die Schönheit der Strukturen zeigen.
Da ist zum Beispiel ein Parasit, der sich in Ameisen fortpflanzt und deren Körperkugeln den Anschein roter Beeren verleiht.

Prall gefüllt mit Wurmeiern schwillt der schwarze Gaster der Ameise zu einer leuchtend roten Kugel an.


Zitate aus wissenschaftlichen Kontexten, aber auch aus literarischen, werden collagiert. Von Darwin bis Poe. Alle zusammen ergeben sie ein Bild anhaltenden Gemetzels, erzählen Geschichten von Täuschungen, Irritationen. Strategien parasitärer Lebensweisen. Das Leben des Einen geht auf den Anderen über.

Als freischwimmende Larve gelangt das Männchen der Cymothoa Exigua durch die Kiemenspalten in die Mundhöhle des Wirtsfisches. Dort hakt sich die junge Assel mit ihren Klauen am Zungengrund fest, zapft die Arterie an, und saugt alles Blut aus der Zunge, bis diese abstirbt. Indessen gedeiht der Parasit, erreicht eine Länge von drei Zentimetern und mutiert zum Weibchen, das die Funktion der Zunge übernimmt. Die falsche Zunge erkennt der Laie am Augenpaar, das aus dem Fischmaul späht.


Das Buch ist in der Reihe Naturkunden im Verlag Matthes und Seitz erschienen, und wer es sich zu Gemüte geführt hat, wird die Welt mit anderen Augen sehen und vielleicht ein wenig an Selbstsicherheit verlieren.



Brigitta Falkner: Strategien der Wirtsfindung. Berlin (Matthes & Seitz) 2017. 204 Seiten. 38,00 Euro.

 
 
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