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Björn Kuhligk: Die Sprache von Gibraltar

Rezensionen



Erec Schumacher

Björn Kuhligk - Schreiben über das, was dich nicht loslässt


Der Zaungast und die Schuldkröte

Melilla an sich ist ein Anachronismus. Eine spanische Exklave an der marokkanischen Küste mit gerade mal 85.000 Einwohnern, hoher Arbeitslosigkeit, geprägt von wirtschaftlicher und touristischer Irrelevanz, eine heruntergekommene Altstadt, triste 70er-Jahre Wohnsilos, am Tropf der spanischen Zentralregierung und aus sich heraus kaum überlebensfähig. Das letzte Franco-Denkmal Spaniens soll sich hier befinden. 40 % der Bevölkerung sind Muslime marokkanischer Herkunft. Es ist bestenfalls reine Symbolik, dass Spanien an diesem kolonialistischen Restbestand festhält. Das Besondere an Melilla ist aber sein hochgerüstetes Grenzregime. Die Stadt ist umgeben von hohen Schutzwällen, bestehend aus drei Zäunen, der erste und dritte sechs Meter hoch. Dazwischen Drahtgeflecht. Nato-Stacheldraht. Überall Wachtürme, Wärme-Kameras, Bewegungsmelder. Melilla ist für Hunderttausende Subsahara-Afrikaner ein Sehnsuchtsort. Regelmäßig kommt es zu Massenanstürmen gegen die Grenzanlagen. Viele sind es nicht, die es rüberschaffen. Es ist ein Katz- und Mausspiel, ein blutiger Parcours mit Push Backs, und Zehntausende, die unter elenden Bedingungen rund um Melilla vegetierend auf ihre Chance warten. Die Bilder von Dutzenden auf den Zaunspitzen festsitzenden Flüchtlingen haben sich in das massenmediale Bildgedächtnis eingebrannt. In der Topologie der Flüchtlingskrise gehört Melilla neben Calais, Lampedusa oder Idomeni zu den symbolträchtigsten Orten.  


Diesen Ort also suchte der Berliner Autor Björn Kuhligk im Oktober 2015 auf, um sich, gesponsert von der Bosch-Stiftung, an dem Thema auf seine Weise abzuarbeiten. In seinen eigenen Worten: Durch einige Zeitungsartikel, die sich mit dieser spanischen Exklave beschäftigen, bin ich darauf aufmerksam geworden und habe gesehen, dass sich dort eigentlich alles auf engstem Raum bündelt, worüber ich schreiben möchte. Herausgekommen ist das Langgedicht Die Sprache von Gibraltar, das den gleichnamigen vierteiligen Band eröffnet.
Tatsächlich handelt es sich um einen Bericht in lyrischer Form. Alles ist konkret verortet, das lyrische Ich deckungsgleich mit dem Autor Björn Kuhligk, keine Fiktionalisierung, kein doppelter Boden, kein Versteckspiel.

Eine Woche Björn Kuhligk in Melilla. Und die Frage ist, was traut er sich zu? Wie weit geht er? Ist das jetzt politische Literatur? Und wenn ja, schert sich Kuhligk überhaupt um die Crux mit politischer, engagierter Literatur? Welche Skrupel und Kalküle treiben ihn? Wie positioniert er sich zum Themenkomplex? Was wird verhandelt, welche Diskurse, welche gesellschafts-politischen, ökonomischen Zusammenhänge, welche hierarchischen Anordnungen, welche Logik des Einzäunens (Achille Mbembe), welches Verständnis von afrikanischer Realität, auf welche Weise wird das in lyrische Sprache übersetzt, welche lyrischen Darstellungsformen werden gefunden?

Kuhligk lässt den Leser jedenfalls von der ersten Zeile an über sein Ansinnen nicht im Unklaren, über sein Innenleben, seine Befindlichkeiten, seinen privilegierten Status. Er rekapituliert eine Woche der Unruhe, die – eine Spur zu penetrant - parzelliert wird in einen Montag der Unruhe, einen Dienstag der Unruhe, etc. Das lyrische Ich, also Kuhligk, fühlt sich bereits während des protokollierten Landeanflugs beunruhigt, ist erkältet, leicht derangiert: Am Tag, an dem die ersten Blütenblätter / der Lilien auf den Wohnzimmertisch fallen / an einem Montag der Unruhe / fliege ich an die Grenze Europas / mit 520 km/h in 4000 Meter Höhe / überquere ich in einem nicht fassbaren Zustand / mit einer Erkältung, die eine Angst ist / den 36. Breitengrad, die Sonne ballert.

Damit ist neben dem Ort der Recherche, des Schreibanlasses, ein zentrales Thema angesprochen: die eigene Person und wie sie - scheinbar ungefiltert - auf die äußere Realität reagiert, wie sie das Gesehene verarbeitet, mit all den Skrupeln, Schuldgefühlen, Panikattacken, kleinmütigen und bürgerlichen Reflexen im Handgepäck. Und genau das ist die Schwachstelle des Textes, die sich nach wenigen Seiten auf unangenehme Weise zu erkennen gibt. Ich bin bei den Satten, den Siegern / das ist mein Standpunkt. Es wird überdeutlich, dass Kuhligk diesen Standpunkt als Zentralperspektive ansieht, ihn aber nur vordergründig zu hinterfragen bereit ist. Natürlich skizziert er die Haltlosigkeit, das Fragwürdige seiner Position, seine Betroffenheit - das ist eine wesentliche Prämisse dieser Versuchsanordnung -, garniert sie mit fast schon theatralischem Schuldbewußtsein, kolportiert eine körperliche Symptomatik, die sich - selbstquälerisch und masochistisch - über die Woche des Aufenthaltes steigert, vor allem wenn die als Schlafstörung / formierte Schuldkröte kommt, wenn er dann verkündet, er stehe mit pumpendem Herzen / mit zitternden Armen unter der Dusche / Mein Schlafnotstand ... um dann – am Höhepunkt dieser Schmerzarie – telefonischen Trost aus der heimatlichen Ferne zu bekommen. Dazwischen plaziert Kuhligk literarisches Pathos. Goethes Faust wird aufgerufen, der Menschheit ganzer Jammer fasst mich an. Teile des Arrangements verweisen auf die Anfangsszene in Heiner Müllers Hamletmaschine. Folgt man dem Text, kann allerdings schon gefragt werden, was eigentlich genau derartige Aufwallungen auszulösen vermag. Mit welchen Schocks, mit welchen aufwühlenden Erlebnissen und Begegnungen wird Kuhligk in Melilla konfrontiert? Beruhen sie nicht eher auf Phantasmen, auf der eigenen Bedürfnisstruktur und Erwartungshaltung? Kuhligk bleibt im wahrsten Sinne des Wortes Zaungast. Und die Frage ist, in wieweit Schwellen des Zumutbaren tatsächlich überschritten werden. Ist Melilla aus der Kuhligk´schen Perspektive wirklich dieser infernalische Ort? Kuhligk jedenfalls flaniert durch die Stadt, wie es wahrscheinlich jeder Tourist tun würde. Ambivalente Eindrücke - selbstredend, Metaphern und Realitäten der Verwahrlosung und Verelendung – ohne Frage. Aber, so der Einwand, wird er mit dieser ichbezogenen Rahmenhandlung seinem eigenen Vorhaben gerecht, verliert er es im Gegenteil nicht zu sehr aus den Augen? Betreibt er nicht zu sehr Nabelschau, die mit politischer Bedeutsamkeit aufzuladen er sich müht. Kuhligk ist immer auf Sicherheitsabstand bedacht, er beobachtet aus der Ferne, Halbferne. Offenbar scheint das Ausweichen auf die eigene Befindlichkeit Teil seines Kalküls zu sein. Was aber umgekehrt dazu führt, dass ein Perspektivwechsel nicht gelingen will. Er schafft den Absprung nicht. Gerade hier wäre vielleicht die Auflösung des eigenen Standpunktes erforderlich, ihn zu überwinden, um andere Formen der Durchdringung zu finden, wie es Kuhligk im Prolog des Affen und gegen Ende des Gedichtes auch ansatzweise gelingen will, da wo er Perspektiven ineinander verschränkt.  

Das Flüchtlingselend – ja, darum geht es hier – bleibt seltsam diffus. Es findet kaum statt. Es sind allenfalls Kulissenbeschreibungen. Sie werden kontrastiert mit Bildern des Wohlstands, der eigenen Komfortzone. Die Veranschaulichungsversuche verlieren sich immer wieder im rhetorischen Leerlauf: ich sehe, was ich sehe oder die Geschichte meiner Abstammung ist die Geschichte meiner Abstammung. Es bleibt Stückwerk. Vorsichtige, wohldosierte Annäherungen. Ein Tag ist für den Grenzzaun vorgesehen, ein Tag Sightseeing im marokkanischen Umland. Die Flüchtlinge sind fast unsichtbar. Dennoch gelingen Kuhligk Momentaufnahmen – wenn er sich drauf einlässt, das große Ganze seines larmoyanten Ichs und seiner Verstrickungen wegschiebt –, einfache Bilder, Alltagsbeobachtungen, pointiert, leicht surreal. Der gerahmte König an der Wand des Cafés / eine Gruppe alter Berber sieht / mit konzentrierten Gesichtern / die Zerlegung eines Wals im Fernsehen. Und wenn er dann doch plötzlich mit alltäglicher Gewalt konfrontiert wird, ist Kuhligk hellwach und seine Sprache von prägnanter Lakonie: ich sehe, wie Schlagstöcke den Grenzverkehr regeln / ich sehe, wie eine Faust ein Gesicht trifft / ich verändere die Uhrzeit. Oder: das Gesicht des Jungen, der die Kontrolle / durchbrach, Richtung Spanien rannte / dem die Beine weggetreten wurden. Meistenteils bleibt Kuhligk aber Flaneur, Tourist oder um es in seinen eigenen Worten auszudrücken: VISA-König. Es ist ihm zugute zu halten, dass er daraus auch keinen Hehl macht. Aber warum muss ein Autor bei einem solchen brisanten Thema die Hälfte des Textes im Leerlauf-Modus über die eigene Haltung reflektieren? Zu selten gelingen ihm Shortcuts wie: als Müllhaufen verkleidete Agaven ... falsche Turnschuhe, falsche Trikots von Weltmeistern ... tragen Männer auf den Rücken / leere Plastikflaschen, sternförmig gebündelt / als schulterten sie Kristalle. Genau hier liegt eindeutig Kuhligks Stärke. Mit einfachen Worten und im Flow des Szenischen symptomatische Alltagsszenen einzufangen, sie zu öffnen, sich der Macht der Bilder anzuvertrauen. Eine Moschee, daneben der Leuchtturm / ein Kricket-Feld, in der Ferne, die Linie / zwischen Allah und Rifgebirge. Ein Mehr solcher Passagen hätte dem Langgedicht gut getan. So vermitteln sie lediglich eine Ahnung, was daraus hätte werden können, was im toten Winkel ausgeblendet wurde.

Die Sprache von Gibraltar ist dann doch zu sehr eine halbherzige Sprache der Selbstreferentialität, eines Vier-Sterne-Aufenthaltes mit kontinentalem Frühstück. Kalauert bisweilen an der Grenze zum Peinlichen: Auf der Mauer, auf der Lauer ... was ist der Mensch, halb Bier / halb Mängelexemplar. Schwadroniert über die Apfelbrüste einer Stewardess. Referenziert im Vers die Ertrunkenen machen das arg plump auf das Flüchtlingsbündnis Wir machen das. Schaumschlägerisch und abgedroschen wirkt es, wenn Statements serviert werden wie: ich esse eure Naturlyrik-Suppe nicht ... esse nicht / eure Postmoderne, wenn Kuhligk mit absurdem Pathos ausruft: Papa, was hast du gemacht, als die Leute / von den Zäunen geschossen wurden / ich habe etwas für meinen Körper getan. Und das Fazit, pure Banalität: ich werde keine Souvenirs mitbringen. Wow.

Es ist nichts passiert

Das folgende Kapitel Das Auge, das sieht hat zunächst eine Fallhöhe zu überwinden. Sie basiert auf einem seltsam anmutenden Themenbruch. Allerdings ist der Opener Es ist nichts passiert ein sehr starker Übergang, und wenn man so will, ein schlauer, hintergründiger Kommentar auf die Sprache von Gibraltar: Dieser donnernd-blaue Himmel / dieser sanfte, geschliffene Himmel / irgendetwas sagen, um zu sprechen / aus diesem sanften, geschliffenen Himmel / einen donnernd-blauen machen / es ist nichts passiert, ... Eine trügerische Selbstvergewisserung, mit der in den weiteren Gedichten kokettiert wird. Es sind Idyllen ohne Ortsangaben, Scheinidyllen. Sie tragen Titel wie Im Norden / 1 – 3, Dorfkrug, Regen. Business as usual könnte der Leser meinen, und erinnert sich leicht verwundert an Kuhligks Naturlyrik-Suppen-Idiosynkrasie: ich wollte die Natur beschreiben / warum sollte ich das tun. Er tut es hier natürlich ausgiebig, und auch das ist eine gelungene Pointe, vielleicht die beste im Band. Die zwölf Gedichte sind gespickt mit beiläufig eingestreuten Widerhaken und Störmanövern: auf der Straße führt die Bremsspur / durch die Katze. Als Deutscher in Deutschland, wie es Kuhligk halbironisch in dem Gedicht Standpunkt formuliert. Und es klingt auch halb erleichtert, sich wieder auf sicherem Terrain zu bewegen, Terrain, das er bereits mit seinem Schreibpartner Tom Schulz in den Neuen Wanderungen durch die Mark Brandenburg beackert hat. Hier verfügt er über die Souveränität, nach Belieben die Zeit still stehen zu lassen, Biografisches einzuflechten, an Fahrt aufzunehmen, den Text zu öffnen, den Horizont, bis er schließlich in Rom landet. Wo beginnt die Stadt und / wo beginne ich klingt programmatisch und könnte genausogut aus einer situationistischen Theorie des Umherschweifens stammen. Der Leuchtturmwärter spricht. Auch das letzte Gedicht ist mit Bedeutung aufgeladen.

Resterampe, Edenkoben applaudiert

Komm nach vorne, da sind mehr Bässe setzt das letzte Ausrufezeichen des Bandes. Als weißer, heterosexueller, dunkle Hemden schätzender Mann mittleren Alters sage ich frei heraus – und heraus kommt eine recht furiose, halb bissige, halb ironische Zwischenbilanz, durchaus nicht frei von Selbstbezichtigungen. Ich habe ein Alter erreicht, in dem ich mich für Mauersegler interessiere ... ich trank die infantilen Biere der Bundesjugendspiele. Und so nebenbei gelingt ihm eine nette Persiflage aufs Edenkobener Stipendiatenwesen: in Edenkoben applaudierten die Blätter des Blauglockenbaums / abends hörte ich ein Streichkonzert und dachte / dass der Komponist das Cello verachtet und / dass es kein richtiges Leben in der Musik gibt.
Das Highlight aber findet sich in der Schlußstrophe: ich ging ans Fenster, die Schwalben / waren zurück, Gebäudebrüter wie ich ...
Es folgen Liebesgedichte, Gedichte über das Älterwerden, über Neujahrsfeste, die Wucht in den Zellen, die eigene avancierte Bürgerlichkeit, in die sich einzurichten man im Laufe der Jahre gelernt hat, ich habe Falten gesammelt / ich habe Bergfest gefeiert.

Das letzte Kapitel Das Gedicht geht durch einen Körper und grüßt nicht mal, das sich vornehmlich der Anapher als Stilmittel bedient und teilweise die Machart von Peter Handkes Weissagung adaptiert, wirkt fast schon wie Füllmaterial. Es sind nur begrenzt zwingend erscheinende Aufzählungen über das Biertrinken, das Wurstsalatessen, über das Wetter und Schreiben, über das Gedichte-Schreiben im Besonderen, und was es so mit einem anstellt. Das Gedicht holt sich, was es braucht. / Das Gedicht braucht Jahre, zwei Minuten. / Das Gedicht wird manchmal richtig scheiße. / Das Gedicht wird manchmal gelöscht. Man fühlt sich an Kathrin Passigs Zufallsshirtmaschine erinnert. Da heißt es unter anderem: Ein Gedicht ist wie eine Hüpfburg nach zwölf Bier / Ein Gedicht ist wie eine Taschenlampe zum Einschalten.



Björn Kuhligk: Die Sprache von Gibraltar. Gedichte. Berlin (Hanser Berlin) 2016. 88 Seiten. 16,00 Euro.

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