Birgit Kreipe: Kinderheim-Gedichte - Signaturen

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Birgit Kreipe: Kinderheim-Gedichte

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Birgit Kreipe


Kinderheim-Gedichte

VI

sternschnuppen – novize, jetzt untergetaucht in einem
nachtblauen betonklotz im viertel würfel der wut. es flackert
als feuerten riesenkonsolen hinter den wolken. er spielt:
auf level 1 berserker, war butterblume sein name, riemen
hielten ihn fest. auf level 2 nahm er freiwillig mittel gegen
sich selbst. auf level 3 trat er türen ein, war offen für juni
und pusteblumen. auf level 4: nur weißes betäubendes
gras. dorthin kam er nie. nebenan die verzweifelte herrin
in ihrer zuflucht aus essen: lieblingsdelfine, sterne im maul.

(---)


VII

hallo, wir haben ein kind hier, das zieht den herbst an einer kordel
hinter sich her, ein winziges tiefdruckgebiet. er schnieft immerzu
eine riesenerkältung, wird er nicht los. dort wohnen unsichtbare
und schießen. sind seine freunde, unterhält er sich mit. hier ist er
immer, in seinem nebelquadrat, als liefe der magische fernseher
der ihn verzaubert hat. die schwester haben wir auch, sie hat augen
aus eisen, und findet die schule nicht. ihr vater treibt nachts vorbei
auf einem papierschiff flussabwärts ins obdach, dann runzeln sich
die tapeten, und die fenster gehen auf und schreien. er winkt.
ist der schmutzige engel, silberfischchen im ohr.

(---)


VIII

taucht der rätselfisch auf. dreht sich, hält still, schaut mich an. ein
japanischer pappkarpfen. in seinen augen sieht man den himmel.
er fragt mit verstellter stimme: wie hieß das kind, das nicht träumen
konnte? einmal bekam es beinah ‘nen heiligenschein.
ich will nicht
antworten, frage zurück: wer war das mädchen mit blauschwarzem
haar und gelblicher haut? ihre patronne tanzte betrunken im morgen
land! prinzessin zur zeit des papiermonds, schnitt sie songtexte in ihre
oberschenkel, kippte frostschutzmittel dazu. rief die martinshörner
drei eilige könige in ihren kitteln kamen und nahmen sie mit. sie wär
beinah im himmel! der fisch gluckst, will sich nicht weiter drehen.
raschelt mit seiner pappe.

(---)


IX

jetzt wird es dunkel. kinderkobras, schwarze riemen in ihren kisten
rascheln, richten sich auf. legen dünne schlingen auf wände
teppich, die fensterbank. jeden abend umzingeln sie den schlaf
wie dunkle zinnen. und die feuerwehr für verbrannte kekse
kommt nicht durch, und die nachrichtenhexe schläft, und die mutter
in ihrem traum aus bier – ich wirble mit kung-fu-armen die schlangen
in den fluss wie seile! wer kichert da noch mit den fliegen? die kleine
geisha, die sagt, sie sei die empress schmerz, steht am fenster, zeigt
die bisquitweiße seite dem mond. streckt den arm aus zum gruß
wie ein denkmal. zehn meter weit. sagt: da sollst du verhungern. lacht.

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