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Birgit Kreipe: die evolution der kohlweißlinge

Gedichte der Woche

Birgit Kreipe

die evolution der kohlweißlinge


1

die kohlweißlinge liegen am boden, innen
erster vorschein von denken, ahnung
vom doppelcharakter der hitze, ihren
spiegelungen. breitflächiges flattern

verwandelt in spuren, frühe gedanken.
traumsturm, die wundermaschine des flugs
stottert, verliert an kraft, sie stürzen ab
bröckelig-feucht, von mondflüssigkeit oder tränen

kohlweißlinge, putzstücke aus einer wand, die
verwehungen bilden, haufen zusammengekehrten
lichts (oder papiers, durchsichtig) –

           augen, schüsselchen, hochentwickelte zellen
           überfordert mit einer noch ungespezifischen
           form (flattern auf breiter fläche, oder

flügel eines unvorsichtigen engels
dessen posaune rostet in der erde des craniums
der aufsteht um mitternacht, wehe,
mit seinem wurmstichtigen fledermausgesicht)


2

flüchtige bewegung – oder laub?
oder nur spiel von schatten und licht –
(kohlköpfe, grüne monde
hinter jedem eine winzige nacht)

dieser sah aus wie ein antikes gewand!
oder, er flog wie ein frühes modell von wright –
knarzte beinah – du versuchst, sie einzufangen
ihr wirbeln, in langer belichtung

das feld, früher flugschule, ist jetzt todeszone
die falter stranden. sind übersteuert, oder kämpfen
scheint es, mit der flüchtigkeit ihres eigenen bilds

           schuppen rieseln, sinnlose bruchstücke
           eines weißen alphabets, oder halde
           von alpträumen

keine derwische mehr, die um kohlköpfe tanzen
kein fliegendes kirchenfenster, nur skizzen
leicht in die luft geworfen – die astern der wiese
wölben sich vor wie kuhaugen


3

der eine kohlweißling, der es schafft über
das feld, wird meister der blumen, höre ich
idol, gottesfalter und großer clown
filtert mit seinen flügeln das licht

taumelt (wie in der aufführung eines uralten stücks)
hält die absprachen ein zwischen licht und staub
und zu allen astern gleichermaßen
distanz. die flügel fest wie hostien, kaum wahrnehmbar

und vollkommen, stirbt er nach drei tagen
weise und weiß, weiß und weise
auf einer transformierten wiese

           in die der verlust eingeschrieben ist
           als ständige bläuung, sekunden
           körperloser, unsichtbarer bewegung

deren vorschein er ebenso in sich trägt wie ich –
auf wiedersehen, großer kohlweißling.
Birgit Kreipe, geb. in Hildesheim, studierte Psychologie und Germanistik und lebt als Psychotherapeutin und Autorin in Berlin. Gedichte erschienen in vielen Zeitschriften und Anthologien, zuletzt in „alles hier, Majestät, ist deins: Lyrik im Anthropozän“, hrsg. Anja Beyer und Daniela Seel, kookbooks, Berlin 2016, sowie im „Jahrbuch der Lyrik“ 2017, hrsg. von Christoph Buchwald und Nico Bleutge. Birgit Kreipe hat Gedichte aus dem Englischen übersetzt, zuletzt für „Grand tour. Junge europäische Lyrik“, hrsg. von Jan Wagner und Federico Italiano. Ihre Gedichte wurden mit dem Münchner Lyrikpreis 2013 und dem Irseer Pegasus 2014 ausgezeichnet. 2016 erhielt sie ein Arbeitsstipendium des Berliner Senats.

Als Einzeltitel sind erschienen:
wenn ich wind sage, seid ihr weg, fixpoetry, 2010
schönheitsfarm, Verlagshaus Berlin, Berlin 2012
SOMA. Gedichte, kookbooks, Berlin, 2016
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