Bertram Reinecke: Gleitsichtwochen - Signaturen

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Bertram Reinecke: Gleitsichtwochen

Rezensionen
 



Volker Sielaff

"rüber und nüber"


Über Bertram Reineckes Band "Gleitsichtwochen"



Geht man nach Loschwitz, um dort als Lyriker zu residieren ("poet in residence"), sind nicht das kleine Schillerhaus - der Dramatiker schrieb hier seinen "Don Carlos" - oder die Loschwitzer Kirche, ja nicht einmal das Blaue Wunder, jene 1893 fertiggestellte berühmte Dresdner Brücke, der Mittelpunkt, sondern, mag man ihn noch so "beiläufig" (Reinecke) überqueren: der Fluss selbst. Im Gedicht nimmt sich das "beiläufig" dann allerdings gar nicht beiläufig aus, es kommt in acht Zeilen nicht weniger als dreimal vor: "Beiläufig den Fluss überqueren...", beginnt Bertram Reinecke, und im vierten Vers wird die Eröffnungszeile wieder aufgenommen, und schwingt sich ein ins Gehen, ins Über-die-Brücke-Gehen: "Beiläufig den Fluss überqueren / Beiläufig wie der Fluss in seinem Fluss- / der Fuß in seinem Fuß- / und der Nagel in seinem Nagel- / Bett eingebettet liegt". So hübsch eingebettet wirkt die Elbe (tschechisch "Labe") jedoch hier nicht immer; wenn sie im Winter die Schmelzwasser aus den Vorgebirgen des Nachbarlandes mit sich wälzt, kann schon einmal eine für Dresden eher untypische Anarchie sich Bahn brechen und den Dichter, in diesem Fall zunächst einen Anderen als den hier Besprochenen, staunen machen: "Nicht wahr: eine seltene Suppe" (Durs Grünbein in "Grauzone, morgens").

 
 

Der Fluss jedenfalls zentriert alles in dem beschaulichen, gutbürgerlichen Villen(vor)ort Loschwitz, einem der begüterten Stadtteile Dresdens. So, denke ich mir, wird auch der für einige "Gleitsichtwochen" dort residierende Poet, der 1974 geborene und in Mecklenburg aufgewachsene Bertram Reinecke, Gewinner eines Wettlesens um dieses kleine, aber feine Stipendium, die Elbe oft angeschaut haben: auf der Brücke stehend "mit ausgebreiteten Armen" und die Ingenieursleistung "Blaues Wunder" (amtlich Loschwitzer Brücke genannt) begutachtend.

 
 

Eines der längeren Gedichte in dem vom Verein "Literarisches Dresden" herausgegebenen Band heißt denn auch "Wenn Dinge bestimmt sind, Loschwitzer Brücke, Descriptiones" und es hebt an mit den Worten: "Das Wunder ist der fehlende Mittelpfeiler". 2,25 Millionen Goldmark soll der Bau der Dreigelenkbogenbrücke damals gekostet haben. Der Optik nach ist das Blaue Wunder eine Hängebrücke, die aber eben u.a. deshalb, weil sie keinen Strompfeiler in der Mitte brauchte, schon bald als Wunder bezeichnet wurde.  

"Solche Wunder sind schweigsam / wispern die papierene Rede der Ingenieure", lese ich nun bei Reinecke, der offenbar in den Papieren geblättert hat, einem "...Gebäude aus Zahlen nicht weniger undurchsichtig / als die Brücke selbst", aber auch oft, wie man in Sachsen sagt, "rüber und nüber gegangen" sein dürfte. Womöglich, um an einer Schule an einem Autorengespräch mit Lehrern teilzunehmen, sein Poem mit dem schönen langen Titel "Als ihm eine Schar sich fortbildender Lehrer seine Gedichte für unverständlich erklärt hatte" gibt davon Zeugnis: "Die Frage immer / ´Wer versteht denn das` / Sie etwa nicht? / Ich kenne welche / Ja, die kommen damit ganz problemlos klar / Sind die denn schief gewickelt..." Reineckes muntere Gegenrede ist trochäisch geprägt, was ihr auch formal einen trotzigen Schwung verleiht. Indes - viel Hoffnung hat der Dichter scheinbar nicht, konstatiert er doch einigen von den so fortgebildeten Lehrern verschulten Schülern folgendes: "sie haben Lindgren gelesen / und durchstreifen den Vorort/ vorerst gerade so, wie man es / auch gänzlich ohne Begabung könnte / führen einen Hund mit / füttern Kaninchen / betätigen ihr Handy". Reinecke hat sich dem Gegenstand, den er hier launig bedichtet, bereits in einem seiner Essays genähert, dem Band "Gruppendynamik - Literaturprozesse am Beispiel von Lyrikwerkstätten" (bei J. Frank in Berlin erschienen). Ob die Lehrer das wussten?

Bertram Reinecke, das macht dieses nur 30 Seiten dünne Büchlein deutlich, ist sehenden Auges und mit wachen Sinnen durch Dresden gezogen. Er lässt, wie es von den Stipendiengebern ausdrücklich gewünscht ist, in seinen Gedichten aus Dresden "einen Bezug zur Stadt Dresden oder der sächsischen Kulturlandschaft erkennen" - mehr noch: er spielt mit diesem ihm abverlangten "Bezug", indem er das ihm in die Hand gedrückte Blatt dreht und wendet und gelegentlich auch genüsslich zerrupft. Wenn er die Mitglieder der Dresdner Staatskapelle in einem Gedicht als "Erntehelfer" bezeichnet, hat das mit jenem dem Dichter eigenen  abgründigen Humor zu tun, und man will hoffen, dass die "Herren in Anzügen" genauso darüber lachen können wie der Rezensent es konnte: "Herren in Anzügen / wieso haben die eigentlich Anzüge an? / Ach das gehört sich wohl / so nah bei der Gambe / die Basso Continuo Gruppe..."  Und, ein Stück weiter im Orchesterversmaß, finden wir dann diese großartige Beschreibung des Spiels des weltberühmten Klangkörpers: "Eine Annäherung an das Nichts / sie haben das Jahrzehnte geübt / eine Art buddhistischer Praktik sehr europäischer Prägung / besoldet laut Orchestertarif / Sonst würden sie nämlich an etwas anderes denken / Der eine mag Fußball / der andere schaut gern jungen Mädchen nach / (aber doch, doch, sehr erfolgreich für sein Alter / da kann man nichts sagen) / Könnten sie jetzt sprechen meinte einer vielleicht / "Weißt Du noch unter Schreier?"

"Des Elbstroms Ufer ist mein Pontisches Gestade: / Es muß dort Tonnen von menschlichem Knochenmehl / Im Erdboden geben...", heißt es im Titelgedicht, oder auch, in schöner Alliteration: "Ich weine mit Weitblick". Der Dichter Reinecke: in den Gedichten seiner "Gleitsichtwochen" hat er sich Dresden, eine Kulturstadt in Tallage, originell und immer stilsicher anverwandelt. Mit dem kurzen Gedicht "Alba" endet sodann der schmale Band. "Alba" - so nannte der Dichter Ezra Pound, anspielend auf die provençalischen Taglieder, eines seiner berühmten Gedichte. Und Reinecke? Knapp drei Monate hat er es hier erlebt: das morgendliche Erwachen, die Dunstglocke über der Stadt, aber sicher auch das besondere Licht. In seiner "Alba"-Version geht der letzte Vers so: "Hier wär ein Ort zu bleiben, wenn der Nebel bliebe."


Bertram Reinecke: Gleitsichtwochen. Gedichte. Dresden (Literarisches Dresden e.V. in der edition buchhaus loschwitz) 2015. 32 Seiten. 14,90 Euro.

 
 
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