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Bernd Freytag: ich bin das tor

Rezensionen / Verlage


Amadé Esperer

ich, die sprache, bin das tor

Über Bernd Freytags neuen Lyrikband »ich bin das tor«


Um es gleich vorweg zu sagen: Es sind wunderbare, höchst raffiniert gewebte Texte, die in Freytags neuem Gedichtband versammelt sind. Dennoch: Nicht nur der kleine Schrifttyp, in dem die Gedichte gesetzt sind, wirkt auf den ersten Blick für den Leser alles andere als einladend (glücklicherweise habe ich einen guten Optiker, der mir eine scharfe Lesebrille verpasst hat), auch die Texte selbst geben sich bei der ersten Begegnung als spröde Gebilde. Es ist so wie mit einer Fremdsprache, deren Zeichen- und Bedeutungssystem man sich erst einmal aneignen muss (glücklicherweise bin ich ein linguistisch sehr interessierter Mensch),
um auf die semantische Ebene vordringen zu können.

Man merkt den Texten an, dass der Autor aus dem dramatischen Bereich kommt. Bereits in den ersten Gedichten vernimmt man ein mehrstimmiges Sprechen:

                                         ich

Bin das tor. Zwielicht, durch

Mich musst Du hindurch, Du -.

Ich bin ein Anderer …

Einen gewissen Wegweiser durch die Polyphonie der Gedichte bieten die Gedichttitel und, mehr noch, die oft wie kurze Regieanweisungen gestalteten und in Klammern beigefügten Untertitel, wie etwa folgende:

1. Ich bin das tor

(mehrere/s auf- und abtauchend)

und:

einschub bedürftigkeit

(sehr hell, farbig)

oder:

4. ich nicht

(ein breiter, dunkler strich)

oder auch:

14. will nicht aufgeführt werden

(drei unrund zueinander stehende vereinigungen / chöre

in einem drei kleinere einschubfächer)

Oft weisen die Unter/titel schon auf die unterschiedlichen semantischen Felder hin, mit denen die Strophen den Leser dann konfrontieren:

5. fehle mir, folge mir sachte

(vom wind, vom stein, von sprache)

und:

(eine figur halb dahinter)

sowie:

(eine figur noch weiter hinten)

Die Titel sind tatsächlich gute Einstiegshilfen, um sich in den strukturell hochkomplex gestalteten Gedichten zurechtzufinden. Denn die meisten sind nicht einfach zu entschlüsseln, sind sie doch Kombinationen aus übereinander gelegten oder ineinander verschränkten Kollagen, wobei oft zusätzlich noch multiple semantische Bereiche in Concetto-Technik juxtaponiert bzw. ineinander verdrillt erscheinen. So glaubt man immer wieder, eine Art sprachlicher DNA vor sich zu haben, die man erst einmal in ihre einzelnen Stränge aufspleißen muss, damit sich ihre Bedeutung voll entfalten kann. Allerdings hat man bei Freytags Gedichten, zumindest anfangs, oft den Eindruck, die DNA der Texte enthalte abschnittsweise, ähnlich wie dies ja auch bei der menschlichen DNA der Fall ist, Nonsense-Code. Umso kräftiger und farbiger springen dann aber plötzlich, um im Bild zu bleiben, DNA-Abschnitte ins Auge, die durch eine wunderbar eingängige Sprache gekennzeichnet sind. Um dies zu belegen, mögen folgende Sequenzen aus den Gedichten »einschub: auge« und »10. unterwegs« genügen:

einschub: auge…

…sprechen sollt und sollt ich

es wissen warum ich es nicht

sein lassen kann sondern wie

be auftragt mich-; beauftragt

fühlen wir uns wie von außen

herum wie von überall her,…


10. unterwegs

  es quälte mich

nicht gewusst zu haben, dachte ich und

schrieb: versuchsweise nicht gewusst

zu haben: und dann werde ich von mir

verschoben und bin lange ziemlich auf

geregt, unpünktlich und also noch nicht

reibungslos, störung war möglich….

….

flieder farbenes tauchte unter der

oberfläche auf, die leiber waren schatten

auf ihr …

Andere Gedichte präsentieren sich von vorneherein als sehr gut zugänglich, wie etwa glorie der familienmaschine:


in welche maschinen

geht das, in welche

abstrakte glorie, die

wir nicht durchschauen

aber bedienen, bedie

nen müssen…

             … in schwarz-

dickem öl schwimmend …

Bei wieder anderen Gedichten, vielleicht sogar bei den meisten, erschließt sich erst beim wiederholten Lesen der Code, und es ist tatsächlich wieder so ähnlich wie bei der genetischen Entschlüsselung unserer DNA: Je länger geforscht wird, umso mehr entpuppen sich Abschnitte, die anfänglich als Nonsense-Codons galten, als sinnvolles Material. So passiert es einem auch beim beharrlichen Lesen und geduldigen Aufspleißen der komplexen Freytagschen Textverwickelungen und –ineinanderschlingungen, dass sich immer mehr Code als sinnvoll erweist.

Manchmal arbeitet der Autor auch mit raffiniert eingestreuten Partikeln, die sich bilingual, sowohl deutsch als auch englisch, lesen lassen und im jeweiligen Kontext so einen tieferen Sinn erzeugen. Solche Partikel finden sich beispielsweise in der ersten und zweiten Strophe des Gedichts »5. fehle mir, folge mir sachte«:

es ist gleichgültig in welcher

warmen hülle, welchem war

men leib ich aus verschie

denen richtungen kommend

eins werde.

                   ich sage früher

und weit davon war ich irgend

was, was etwas von mir

sachte folgen konnte …

Dieses Gedicht handelt, wie erst in der letzten, hier nicht aufgeführten, Strophe zweifelsfrei ersichtlich wird, vom Krieg. Liest man mit diesem Wissen noch einmal die ersten beiden Strophen, aus denen obiger Textausschnitt stammt, dann entfalten die Wörter »war« und »war men« plötzlich einen Flip-Flop-Effekt und lassen sich, englisch gelesen, als »Krieg« und »Kriegsmann« bzw. »Krieger« lesen. Diese und ähnliche Stellen, an denen die Wörter zwischen zwei Bedeutungen hin und herspringen und dabei eine neue Gesamtbedeutung realisieren, sind wirklich genial (spätestens ab hier begann ich den Gedichtband zu lieben): Krieger, die in warmen Hüllen stecken, Kämpfer in warmem Leib. In uns allen potentiell also der wärmende Liebhaber und gleichzeitig der kalte, kaltmachende Krieger.

Selbst mit den anfangs als manieriert und als poetisch wenig motiviert erscheinenden, aber nichts desto weniger in Abundanz vorkommenden, Zeilensprüngen geht es einem so, dass sich ihre Botschaft erst allmählich erschließt. Erst, wenn man die beiden Zyklen mit wachem Verstand ganz zu Ende gelesen hat, wird einem klar, dass die morphologischen Enjambements auf die Sprünge verweisen wollen, die sich durch all die Gedichte, all diese Sprachgefäße ziehen. Und auch, dass die Sprache selbst ein springendes Unterfangen ist, das die losen Enden der real existierenden Welt, in der wir leben, allzu oft überspringt und uns dabei vorgaukelt, alles hänge mit allem irgendwie sinnvoll zusammen. Andererseits ist es gerade unsere Sprache, das Deutsche, das die Fähigkeit im Übermaß besitzt, auf sich selbst zurückspringen und dabei Metasprache (von Metasprache von Metasprache etc. etc.) werden zu können. Diese Eigenschaft der rekursiven Selbstreflexivität, wie sie unserem westlichen Denken aufgrund der sprachlichen und kulturellen Gegebenheiten in hohem Maße eignet, kommt in den vorliegenden Gedichten in der schönsten Weise, nämlich poetisch ziseliert, zum Ausdruck. So etwa in »8. vom danach«, um nur eines zu nennen:

                                    … geredet sei erst die eine

stufe, es folgt die andere stufe, die nicht mehr redet

sondern denkt und dann kommt die dritte stufe, die

denkt vom denken….

Hat man sich erst einmal auf die Sprache der Gedichte eingelassen, was vor allem Neugierde und Zeit erfordert, dann wird man belohnt durch nicht abreißende ästhetische Aha-Erlebnisse und die Erkenntnis, dass hier die deutsche Sprache von einem Sprachmagier aus den üblen Sümpfen von Be-, Ver- und Zernutztheit herausgeholt und als höchst flexibles Medium vorgeführt wird, in dem sich Wirklichkeit bzw. Wahrheit in mehr als zwei Dimensionen entfaltet.

Freytag gelingt es in seinen Gedichten, jenseits von simplen dichotomischen Antagonismen in einer Redeweise, die sich nicht in der Ebene der zweiwertigen aristotelischen Logik gefangen halten lässt, das multivalente logische Potential der Sprache für seine Lyrik nutzbar zu machen. Die so entstandenen Gedichte sind eine Schule der Verfertigung von komplexen Gedanken. Sie denken mit adäquater Sprache über komplexe Phänomene nach, meditieren über private und gesellschaftliche, über philosophische, theologische und linguistische Sachverhalte, wie »Ich und Selbst«, »Ich und Masse«, »Ich und Denken«, »Arbeit« und »Familie«, ebenso wie über die ewigen Menschheitsthemen »Liebe«, »Tod«, »Vergänglichkeit«.

Diese Sprache, die sich in den Gedichten so außerordentlich vielschichtig und nuanciert zeigt, ist wertvoll und gar nicht hoch genug zu schätzen in Zeiten zunehmenden Neusprechs, der allenthalben Denkverbote aufoktroyiert, Begriffe verwischt und Wahrheiten verkürzend verfälscht oder in ihr Gegenteil verkehrt und so zu einer fortwährenden Schrumpfung des Denkraums, zumal des öffentlichen, führt. Die Vielfalt und Verschlungenheit unseres Lebens lässt sich eben nicht durch werbespruchartige Worthülsen und stabgereimte Satzschablonen, und seien sie noch so plakativ, abbilden. Sehr wohl aber, wie Freytag zeigt, durch genaues und facettenreiches Sprechen. Freytags ehrliche Gedichte machen nachdenklich und Mut,
selber weiter zu denken. Sie sind im besten Sinne aufklärerisch.

Wenn es in dem Gedicht so endend heißt:

                                                               Ich habe

eine sehnsucht etwas lohnendes gesagt zu haben

so kann ich nur versichern: Ja, der Verfasser des Gedichtbandes »ich bin das tor« hat in der Tat Lohnendes gesagt. Wenn man sich erst einmal auf seine raffinierte Sprachwelt eingelassen hat, wird man den Band nicht so rasch wieder aus der Hand legen.


Bernd Freytag: ich bin das tor. Nettetal (Elif Verlag) 2019. 74 Seiten. 14,00 Euro.
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