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Azzurra D'Agostino: Gesang eines verlassenen Ortes

Münchner Anthologie

Tobias Roth

Gesang eines verlassenen Ortes

Zur Lyrik Azzurra D’Agostinos


                                                                                                       
Den umschwebet
                                                       Geschrei der Schwalben, den umgiebt die rührendste Bläue.
                                                       Die Sonne gehet hoch darüber und färbet das Blech,
                                                       im Winde aber oben stille krähet die Fahne.

    Friedrich Hölderlin: In lieblicher Bläue (ebenso im Folgenden)


Azzura D'Agostino


Un casolare e intorno campi
che cambiano colore e non lo sanno.
Non arrivano fin qui tutti i rumori
di quello che era un posto da abitare:
l'aia, il cane, lo zampettare
dei topi, forse una canzone
e il rimescolare della fame
di uomini e bestie.
Dicono sia stata anche felice
questa campagna.
I sassi e l'ardesia posati
nel duro del presente
restano in piedi adesso
in un tempo che non è per loro.
Restano in piedi come i ciliegi
che arrossano la terra
in silenzio. Noi siamo
un po' più giù, di poco,
in una solitudine bianca,
disinfettata, che non s'immaginava.


aus: Azzurra D’Agostino: Canti di un luogo abbandonato. Anonimo Impressori di Bologna 2013.

Azzura D'Agostino


Ein entlegenes Haus inmitten der Felder,
die sich verfärben ohne es zu ahnen.
Bis hierher dringen nicht die Geräusche
des Ortes, der einstmals bewohnt war:
die Tenne, der Hund, die sanften Schritte
der Mäuse, vielleicht ein Lied
und der Hunger zieht seine Kreise
durch Menschen und durch Tiere.
Sie sagen, sie sei auch glücklich gewesen,
diese Landschaft.
Die Felsen und der geschichtete Schiefer
halten sich auf den Beinen
in der Härte der Gegenwart,
in einer Zeit, die sie nichts angeht.
Auf den Beinen wie die Kirschbäume,
die in aller Stille
die Erde röten. Wir sind
etwas weiter unten, ein wenig,
in einer weißen Einsamkeit,
keimfrei, wie es nicht denkbar war.


Übersetzung: Tobias Roth.

Die Dichterin Azzurra D’Agostino scheint dem Apennin, wo sie 1977 geboren wurde und noch heute lebt, nicht nur verbunden, sondern in der vollsten Wortbedeutung verschrieben. Der erste ihrer bislang fünf Gedichtbände, D'in nciun là (2003), hat sie im emiglianischen Dialekt verfasst – was in Italien nicht zwangsläufig jene ins Humoristische klingende Note hat wie in Deutschland. D’Agostino operiert aus dem Gebirge heraus und in enger Verkettung mit diesem. Die Landschaft scheint in ihrem jüngsten Band, Canti di un luogo abbandonato (2013), mehr zu sein als der bloße Gegenstand. Wobei es schwer ist zu sagen, ob die Landschaft selbst der Protagonist des Bandes ist – oder nicht vielmehr jenes intrikate Geflecht aus Beobachtung und Gegenüber, das miteinander und gegeneinander wächst, und das die Bewegung des dynamischen Schnittpunktes wohl nirgends so aussprechen kann wie im Gedicht. Die Natur wächst in die Sprache hinein und die Sprache wächst in die Natur hinein, es rollt sich aus wie junge Farne und die Wucherung ist ununterscheidbar.


Nemlich, weil noch der Natur nach sind die Thore,
haben diese die Ähnlichkeit von Bäumen des Walds.


Canti di un luogo abbandonato, Gesänge eines verlassenen Ortes. Da geht es, auf der Oberfläche der (Titel-)Worte, natürlich um Landflucht, auch in einem breiten Sinn; da geht es aber auch, in dem, was die (Titel-)Worte freisetzen, um eine Rückgewinnung. Diese doppelte Dynamik zeigt bereits die Publikationsform des Bandes, die sowohl die traditionellste wie die neuartigste Publikationsmöglichkeit der Lyrik miteinander verbindet: Bleisatz versus pdf. D’Agostino ist mit dem Manuskript nicht zu einem Verleger gegangen, sondern zu einer Druckerei. Auf eigene Kosten ließ sie in der Werkstatt der Anonimo Impressori in Bologna eine Auflage drucken, mit höchster Sorgfalt, mit erlesenen Methoden und Materialien. So entsteht das Buch als Kunstgegenstand eigenen Rechts. Zugleich ist das komplette Manuskript kostenlos im Internet herunterzuladen, in allerhöchster Nüchternheit, Timesnewromanzwölfpunkt. So tut die Schrift als bloßes Transportmedium einer stark vom Sprachklang her verstandenen Lyrik das ihre. Die Canti di un luogo abbandonato bilden den zweiten Teil einer (noch in Arbeit befindlichen) Trilogie, die von dem Band Versi delll'abitare (2012) eröffnet wurde. Verse über das Wohnen: Auch hier zeigt sich D’Agostinos Beschäftigung mit den basalen Einheiten des Daseins, des Zusammenhangs des menschlichen Lebens mit seiner Umgebung. Und zugleich zeigen sich hier auch deutlich die Spuren der deutschen Philosophie und Dichtung, deren wörtlich unmittelbarste sicherlich zu Heideggers Bauen Denken Wohnen (1951) führt, deren untergründig wirksamste aber ebenso in einen Vers aus Hölderlins In lieblicher Bläue führt:


Voll Verdienst, doch dichterisch,
wohnet der Mensch auf dieser Erde.


Die Beschäftigung mit dem verlassenen Ort ist vor allem eine Beschäftigung mit der Zeit, die sich in ihm ausdrückt. Die Wüstung trägt ihren zeitlichen Index in jeder Ranke Efeu, die das einst von Menschen bewohnte überzieht. die Geräusche / des Ortes, der einstmals bewohnt war klingen nach, obwohl sie nicht überallhin dringen können. Denn der verlassene Ort ist nicht einfach ein leerer Ort: was unbewohnt ist, muss zuvor bewohnt gewesen sein. D’Agostinos Band, und ebenso jedes einzelne Gedicht in ihm, führen nun eine Bewegung aus, die die Entleerung des Verlassens und des Verlassenen kompensiert: die Verse der Gedichte werden immer länger, sie rücken immer näher zueinander, sie füllen die Seiten immer mehr. Die Mimesis dieses typographischen Kniffs ist dabei eine doppelte: So wie die Natur den verlassenen Ort wieder überwuchert, so wird er auch mehr und mehr mit Bedeutung und Gesang überwuchert. Die Redewendung geht, dass die Natur etwas „zurückerobert“, und diese aggressive Metapher, die auf den Zerfall eines Baubestandes abhebt, korrespondiert sicherlich realistisch mit der Beobachtung Luhmanns, dass alle Landwirtschaft mit der Vernichtung dessen, das von alleine wächst, beginnt – aber von solcher Aggressivität ist in den Gedichten D’Agostinos nichts zu spüren. Ebensowenig von einem krampfhaften Aufladen mit Bedeutung. Es geht in diesem Band nicht so sehr um die Absenz, als vielmehr um die Präsenz, presenza, – und man erlaube mir den heuristischen Kalauer: Präsenz: das, was da ist bevor nichts mehr da ist, bevor der Raum von einem Ohne (senza) eingenommen, erobert, unkenntlich gemacht worden ist. Das ist bedeutend fragiler als Ruinenromantik; das geht in der Richtung von Patina und Wabi-Sabi, aber doch anderswohin. Bukolisch, nicht idyllisch.


Giebt auf Erden ein Maaß?
Es giebt keines. Nemlich
es hemmen der Donnergang nie die Welten des Schöpfers.
Auch eine Blume ist schön, weil sie blühet unter der Sonne.


Die Sprache der Canti di un luogo abbandonato ist schlicht, direkt, geerdet, umso erstaunlicher, überwältigender erscheint die Weite des lebensweltlichen und literarischen Hallraumes, den sie öffnet. Ausdrücklich und unterschwellig entstehen hier namenlose Götter einer tastenden Naturreligion, die sich vielleicht nur für Sekunden zusammensetzen und dann wieder auflösen, in den Blick geraten auch ganze untergegangene Städte, Pompeji, Hiroshima. Über allem aber liegt eine Handbreit Vegetation (Alma leggiadra in sottil velo involta). So auch im ersten Gedicht des Bandes, das in seiner proömialen Funktion die Themen des Bandes zusammenzieht und dessen Incipit in meinem Übersetzungsversuch Ein entlegenes Haus inmitten der Felder lautet. Die Bewusstlosigkeit der Natur, das Echo eines Liedes, vielleicht, und die Stille, die den Kirschbäumen zugesprochen wird und ihr Gegenteil impliziert, ruft genau jene Konstellation ins Gedächtnis, mit der die singenden Schäfer der Bukolik seit Vergil versucht haben, den Wäldern das Singen beizubringen. Ob vergeblich, bleibt in der Schwebe. Denn plötzlich wird die Landschaft selbst zum Subjekt des Glücks, als sei sie bis zu diesem Grad mit ihren Bewohnern und Betrachtern verschmolzen. Sind die Bewohner fort, sind die Orte verlassen, bleiben nur die Betrachter übrig, die (wie die Autoren der Eklogen) wissen, dass sie von einem keimfreien white cube aus operieren, der nicht mehr die Farben wechselt und errötet, der aber noch nicht den Kontakt unmöglich macht – wenn nur die Reflexion dieser Distanz geleistet wird. Einen Zentimeter im sfumato der Welt verschoben, etwas weiter unten, ein wenig. Und, um noch einen letzten bukolischen Zug zu nennen: da ist der skeptische Blick auf ein Klima, eine Großwetterlage, die als Härte der Gegenwart erscheint und unvermittelt als geistiges Klima gefasst wird: als sei es bestrebt, den antiseptischen cube letztgültig abzudichten, zu verplomben. Jene Form und jene Farbe, die in der wildwuchernden Natur nicht vorkommt, die als Gefährdung auftritt. Wiederum berühren sich Landschaft und Gedicht in einem Punkt. Fragilität und Selbstbehauptung.


Möcht’ ich ein Komet seyn?
Ich glaube. Denn sie haben Schnelligkeit der Vögel; sie blühen an Feuer,
und sind wie Kinder an Reinheit.


Was verschwunden ist, ist nicht der einzelne Mensch, sondern sein ganzes Bezugsfeld: eine Gruppe und Einheit, Familie, die landwirtschaftliche Einheit des Einödhofes, die Bedürfnisgemeinschaft der Menschen und der Tiere. Die Leute: la gente: ein eigentümlicher Kollektivsingular des Italienischen. Die Arbeit des Verlassens, die Bewegung des Zuwucherns, das Rätsel ist, wie könnte es anders sein, tremendum et fascinans, erschreckend und betörend. Die versunkenen Behausungen geben die zarteste Fassung eines Vanitasgedankens in der weichen Auflösung in den Wäldern, zurücksinkend wie in einen ungern abgebrochenen Schlaf. L'inverno è una di quelle stagioni che insegnano, heißt es in einem Gedicht des Zyklus, der Winter ist eine jener Jahreszeiten, die eine Lehre erteilen. Das tun auch die Gedichte Azzurra D’Agostinos, indem sie eine Zeit thematisieren, in die der menschliche Blick erst das Vorwärts und Rückwärts einführt, die aber dem Menschen erst im Rückblick kenntlich wird. So wie das Verlassene, Vereinsamte erst kenntlich wird, weil es einstmals bewohnt war.


Doch das ist auch ein Leiden, wenn mit Sommerflecken ist bedeckt ein            
                                   Mensch,
mit manchen Flecken ganz überdeckt zu seyn! Das thut die schöne Sonne:
nemlich die ziehet alles auf.

Azzurra D'Agostino und Tobias Roth

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