Ausstellung "WortBild Künstler" - Signaturen

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü

Ausstellung "WortBild Künstler"

Kunst
 



Ruprecht Volz

Die Funktion der
Collage
bei Herta Müller


 
 

Der 1953 in Nitzkydorf (Banat) geborenen Herta Müller gelang 1987 die Übersiedlung in den Westen, wo sie heute in Berlin lebt. Prägende Erfahrungen waren die alltägliche Überwachung durch die Geheimpolizei und die Zensur ihres ersten literarischen Werkes „Niederungen“ durch den Machtapparat des rumänischen Ceausescu–Regimes, die als seelische Verletzungen das zentrale Thema in den folgenden Publikationen bleiben sollten.
Nach der Veröffentlichung des vollständigen Textes der „Niederungen“ folgten die Prosawerke „Reisende auf einem Bein“ (1989), „Herztier“ (1994), „Heute wär ich mir lieber nicht begegnet“ (1997) und im Jahr der Nobelpreisverleihung „Atem-schaukel“ (2009), die das Bild der Verfasserin in der Öffentlichkeit bestimmten.

 
 

So erklärt sich die weitgehende Unbekanntkeit des Collagenwerkes Herta Müllers, das aus ausgeschnittenen Einzelsilben und –wörtern aus Zeitschriften oder Zeitungsseiten und auf Karteikarten aufgeklebten Texten besteht. In ihrem Essayband „Der König verneigt sich und tötet“ (2003) berichtet die Autorin von ihren ersten Versuchen während einer Zugfahrt, als sie mit einer Nagelschere Wörter und Schwarz-Weißbilder aus einer Zeitung ausschneidet und mit einem Klebestift auf einer kleinen Karton-karte aufklebt, so dass ein übernommenes Bild von dem gerade entstandenen Text „DAS STÖRRISCHE WORT ALSO“ oder „DIE TASCHENDIEBIN BIN ICH“ begleitet wurde. Sie sei verblüfft gewesen, da einzelne Wörter eine ganze Geschichte erzählten und etwas Rätselhaftes hergaben, was über die Fläche der Karte hinausging. Sie fährt fort:

 
 

Es entstanden Geschichten aus verschiedenen Farben und Schrifttypen. Die Texte klingen, weil die unterschiedlichen Farben die Wörter tönen und die unterschiedlichen Größen ihnen eine unterschiedliche Stimmung geben. Auf jeder Karte steigt der Text auf eine Bühne, jede Karte inszeniert ihr kleines Theater.“ Zuhause überwucherten die Wörter–Felder erst ein Hackbrett, dann eine ganze Tischplatte und gelangten schließlich in die Schubladen eines „Wörterschränkchens“. Da jedes Wort einzeln angefasst werden muss, entwickelt sich eine spezifischer Form haptischer Sinnlichkeit, die sich in Zuge der Textproduktion entfaltet und zu einem besonderen, persönlichen Verhältnis gegenüber den in den Vorratsbehältern wartenden Wörtern führt.

 
 

Fotos: Katalog zur Ausstellung WortBild Künstler, HatjeCantz, 2013

In dem Sammelband „Der Teufel sitzt im Spiegel. Wie Wahrnehmung sich erfindet“ (1991) werden dichtungstheoretische Essays von Text–Bild–Collagen begleitet, zwei Jahre später werden in einer Schachtel 94 Postkarten unter dem Titel „Der Wächter nimmt seinen Kamm. Vom Weggehen und Ausscheren“ veröffentlicht, in deren Texten sich die Autorin an den rumänischen Albtraum und an zwei tote Freunde erinnert. Dieses Zusammenfließen der Zeitebenen, diese Zusammenballung von längst Gewesenem und bedrängender Präsenz führt zu der paradoxen Erfahrung: „Ich treff meine Vergangenwart in der Gegenheit seit meiner Zukunft.“

In einem Gespräch mit Beverly Driver Eddy am 14. April 1998 beschreibt Herta Müller die besonderen Möglichkeiten der Collage: „In den Zeitspannen, wo ich nichts schreibe, nicht an einem Manuskript sitze, sind Collagen für mich eine Beschäftigung, mit Wörtern zu arbeiten, eine Möglichkeit zu testen, mit Wörtern, die von wo anders hergekommen sind. Was lässt sich mit dem Wort machen, außerhalb des Textes, aus dem das Wort herauskommt? Wo führt das Wort mich hin? Genauso wie beim Schreiben sonst, habe ich ein Wort, und von dem ausgehend entstehen alle anderen Sätze, die das Wort umgeben und unberechenbar sind.

 
 

Im Jahr 2000 folgt die lyrische Sammlung „Im Haarknoten wohnt eine Dame“ aus 100 Collagen, dann „Die blassen Herren mit den Mokkatassen“ (105 Collagen), „Vater telefoniert mit den Fliegen“ (2012, Collagen) und die 30 Collagen „Mir läuft das Land davon“ (2012/13), die in dem Katalogband zur Ausstellung „WortBild Künstler. Von Goethe bis Ringelnatz. Und Herta Müller“ in Ingelheim und Lübeck publiziert sind. Darin fasst Ernest Wichner seine Beobachtungen zusammen: „Wir können Herta Müller beim heiteren und humorvollen Spiel mit den ihres ursprünglichen Kontextes beraubten Wörtern zusehen, uns erfreuen an der verqueren  Logik der Reime und Bildideen. Einer lesenden und betrachtenden Komplizenschaft jedoch können auch wir uns nicht entziehen, wenn die gleichen Wörter, festgeklebt, ihrerseits die Autorin auf das festnageln, was sie ist und sie zu bedrängen nachlässt.“ (Katalog, S. 299)

Vielleicht lässt sich aber das Collagenwerk auch mit dem Prosawerk Herta Müllers, in dem die Erinnerung eine zentrale Rolle spielt, in Verbindung bringen. Gegen Ende der „Atemschaukel“ (S.282 f) wird einen Szene an der Grenze erzählt:„Als der rumänische Polizist uns die Passagierscheine für die Heimfahrt aushändigte, hielt ich den Abschied vom Lager in der Hand und schluchzte. Bis nach Hause, mit zweimal umsteigen in Baia Mara und Klausenburg, waren es höchstens zehn Stunden. Unsere Sängerin Loni Mich schmiegte sich an den Advokaten Paul Gast, richtete ihre Augen auf mich und meinte zu flüstern. Doch ich verstand jedes Wort, sie sagte:
Schau, wie der heult, dem läuft was über.
Diesen Satz habe ich mir oft überlegt. Dann habe ich ihn auf eine leere Seite geschrieben. Am nächsten Tag durchgestrichen. Am übernächsten wieder daruntergeschrieben. Wieder durchgestrichen, wieder hingeschrie-ben. Als das Blatt voll war, habe ich es herausgerissen. Das war Erinnerung.


Wie hier durch die Zerstörung eines sinntragenden Satzes Erinnerung konstituiert wird, geschieht im Vorfeld einer Collagenproduktion durch das Zerschneiden eines real existierenden Textes eine Reduktion auf die kleinstmögliche Einheit. Die Typografie verweist  auf einen zeitlich zurückliegenden, verlorenen Zusammenhang, der durch den bewussten Akt einer schöpferischen Neuproduktion eines Textes, in dem „Vergangenwart“ und „Gegenheit“ zusammengefügt werden, eine poetische Transformation erfährt.


 
 


Die Ausstellung „WortBild Künstler“ findet vom 28. 4. bis 7. 7. 2013 im Alten Rathaus Ingelheim und vom 27. 7. bis 20. 10. 2013 im Museum Behnhaus Drägerhaus Lübeck statt.

 
 
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü