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Armin Steigenberger: Messe Leipzig 2014

Veranstaltung / antimon



Ein paar Nachbetrachtungen zur Messe Leipzig 2014


von Armin Steigenberger




Kaum zu glauben, dass die Leipziger Messe schon wieder beinahe 4 Wochen zurückliegt. Deshalb wird es Zeit, mit dem nötigen Abstand noch einmal das Treiben Revue passieren zu lassen.

Wuselig, friedlos, nomadisch, umherirrend, zu Fuß, wandernd, auf den Beinen, umherschweifend, reiselustig, draußen – sind so ganz passende Synonyme für das Wort „unterwegs“: Alternativvorschläge, die für das Wort „unterwegs“ vom Thesaurus eines gängigen Textverarbeitungsprogramms angeboten werden.  



Spannend ist zunächst, wie man als Neuankömmling durch Glastüren, Drehkreuze, Fronten von Infoständen und bunten markanten Werbetafeln in medias res gelenkt wird. Im Inneren nimmt, je mehr sich der Samstag nähert, das Besucheraufkommen immer weiter zu.

Messe Pavillon: Durchgangshalle, Verkehrsfläche, Mittelbau: mittags, wenn sehr wenig los ist.
Freitag, 14. März


Doch schon bevor man „drin“ ist, ist klar: überall wird verstärkt Akustik zu Hilfe genommen. Es bricht sich der Schall gesprochener Worte, die sich teils überlagern mit anderswo gesprochenen Worten und Widerhall erzeugen. Dazu stürmen die vielfältigen optischen Eindrücke der Schriften in unterschiedlichen Größen auf den Betrachter ein: Verlagslabels, Werbesprüche auf großflächigen Plakaten und Präsentationstafeln, auch schon vor Passieren des Drehkreuzes ins Allerheiligste der Messehallen.

Kaum ist man „drin“, beginnt es. Man sucht die „interessanten“ Stände – als Lyrikverbraucher zuallererst Kleinverlage, auch „Independent Verlage“ genannt – das meiste davon ist in Halle 5. Doch sehr schnell wird klar: die Gesamtperformance dessen, wie Literatur hier insgesamt präsentiert wird, ist möglicherweise nicht für jeden gleichermaßen geeignet. Ein generelles Problem aller Messen ist die Gleichzeitigkeit der Dinge und dass sehr schnell eine Wahrnehmungsgrenze erreicht ist.

Aufgrund der Situation, dass man als Autor_in hier immer auf dem Sprung ist wegen der Gleichzeitigkeit, nicht wirklich verweilen mag und auch bei Lesungen das Damoklesschwert der Deadline ständig droht, stelle ich mir bald die Frage: Ob sich hier Poesie sinnvoll empfangen lässt.

Zwischendurch erzählt jemand: das durchschnittliche Gespräch dauere hier 23 Sekunden. Das könnte hinkommen. Betrachtungen über das Empfangen von Poesie tauchen am Rande der Wahrnehmungsschwelle auf. Wenn man wirklich Poesie aufnehmen möchte.

Vertreten sind alle Verlage, die Lyrik herausgeben, zumal auch kleinere unabhängige Verlage wie der poetenladen, Verlagshaus Johannes Frank, luxbooks, kookbooks u.v.a.


Martina Weber signiert nach ihrer Lesung für den Poetenladen.
Freitag, 14. März

Andreas Heidtmann stellt die Kasinostr. 3 vor, eine Anthologie mit Texten aus 15 Jahre Textwerkstatt Darmstadt
Freitag, 14. März

Johannes Frank moderiert
Alexander Graeff und
Carl-Christian Elze.
Freitag, 14. März

Es gibt Lesungen und eigentlich ist ständig irgendwo eine Lesung, an der „Leseinsel Junge Verlage“ beispielsweise in Halle 5 ist immer was los. Hier wird (halb)stündlich nicht nur das Publikum, sondern die Bühnenbesetzung durchgewechselt.

Schon am frühen Nachmittag tritt vor lauter Stress die erste Sättigung ein, man sieht Bekannte vorbeigehen, hört Fetzen anderer Lesungen zeitgleich. Alles fließt. Viele neue interessante Eindrücke finden statt. Wir diskutieren mehrfach über Reizüberflutung.



Das Betreten des Podiums ist zwar niederschwelliger als anderswo, weil praktisch ständig irgendwo ein Podium ist, aber dafür ist es schwieriger, Aufmerksamkeit zu haben.

Nach der Messe ist vor der Messe. Und eigentlich war es ja klar, dass das eigentliche Fest erst hinterher stattfindet.


Alexander Graeff liest für Verlagshaus Johannes Frank.
Freitag, 14. März


Eine schöne Partyatmosphäre bietet z. B. die Lesung der Verlagsautoren des freiraum Verlags im KUB, mit Uwe Saeger, Silke Peters, Paulina Schulz, Jürgen Landt, Peter Kroh, Odile Endres und Jürgen Buchmann.





Erik Münnich vom freiraum Verlag,
Freitag, 14. März



Zu späterer Stunde trifft man sich in etwas gemütlicherer Atmosphäre in weitaus exklusiverem Rahmen, z.B. in der Lyrikbuchhandlung in Plagwitz mit dem gegenüberliegenden Café Puschkin, wo poetisch gesehen der Bär tanzt. Marco Beckendorf moderiert die Veranstaltung. Hier gibt es stündlich 3 Autoren, dazwischen ist eine längere Pause.


Abends in der Lyrikbuchhandlung in Plagwitz,
Freitag, 14. März



In der Pause und auch sonst steht man vor dem großen Schaufenster, vor dem auch Lautsprecher aufgestellt sind, d.h. man kann außen stehen, rauchen und dennoch die Lesung mitbekommen.

In der Freitagnacht lesen hier Dagmara Kraus, Georg Leß, Adrian Kasnitz, Boris Preckwitz, Peter Neumann, Mathias Jeschke, Udo Kawasser, Verena Stauffer, Farhad Showghi, Friederike Scheffler, Sarah Rehm, Andreas Altmann, Lydia Daher und Kenah Cusanit.

Abends in der Lyrikbuchhandlung in Plagwitz.
Lesung von Friederike Scheffler (kookbooks)
Freitag, 14. März

Publikum in der Lyrikbuchhandlung.
Freitag, 14. März

Aus dem Werbematerial:
„Die Lyrikbuchhandlung ist eine Initiative, die Verlage unterstützt, welche annähernd 50% Lyrik im Verlagsprogramm führen und insbesondere zeitgenössische Autoren publizieren. Ihr verlegerisches Risiko ist hoch, da der Markt sehr klein ist. Ihr Engagement für ihre verlegerische Arbeit möchte die Lyrikbuchhandlung erstmals zur Leipziger Buchmesse 2012 durch eine Präsentation würdigen. Die erzielten Einnahmen gehen zu 100% an die Verlage. Weiterhin finden Lesungen statt. Träger der Initiative ist “hochroth – Gemeinnützige Literaturvermittlung“. Die Einladung der Verlage erfolgte durch hochroth.“

Marco Beckendorf mit
Udo Kawasser,
Freitag, 14. März


Der Abend endet, der neue Tag beginnt wieder auf dem Messegelände. Es gibt an allen Orten Lesungen. Und wirklich jede Lesung zu besuchen, die einen interessieren würde, ist ein Ding der Unmöglichkeit.


In der Halle 5, Stand F406, ist der LiteraturRat NRW zugegen und präsentiert Lesungen mit Marie T. Martin, Gunther Geltinger und Bernd Neuendorf.

Marie T. Martin stellt ihr „Wisperzimmer“, Poetenladen, am NRW-Stand vor. Samstag, 15. März.


„Welche Gedichtbücher des Jahres 2013 sind besonders bemerkenswert?“, war die Frage, die bei der Veranstaltung des Lyrik Kabinetts und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gestellt wurde.

Elf kundige Leser_innen haben ihre Buchempfehlungen zusammengestellt. So präsentieren sich Carl-Christian Elze, Martina Hefter, Erik Lindner, Katharina Narbutovic, Monika Rinck, Jan Wagner. Moderiert von Heinrich Detering und Holger Pils.

Monika Rinck und Martina Hefter vor ihrem Auftritt bei der Lesung des Lyrik Kabinetts, Samstag, 15. März


Holger Pils, Carl-Christian Elze, Jan Wagner,
Heinrich Detering. Samstag, 15. März


Erik Lindner, Katharina Narbutovic.
Samstag, 15. März



Auch der Messesamstag geht bei dem vielfältigen Angebot schnell vorbei. Zu schnell. Abends findet man sich dann bei Veranstaltungen ein, wo auch wieder jede Menge attraktive Lesungen gleichzeitig stattfinden.

Moderiert von Matthias Zeiske und Jan Kuhlbrodt gibt es beim „Teil der Bewegung“ in der HGB drei Blöcke zu je drei Autoren. Der Saal ist voll und es erstaunt doch, wie viele Besucher sich einfinden, um ausschließlich Lyrik zu hören.

Es ist bei den vorwiegend jungen Besuchern kein einziger Platz mehr frei.


Andreas Altmann bei der Lyriknacht ‚Teil der Bewegung‘ in der HGB, Samstag, 15. März

Spaceman Spiff bei der Lyriknacht ‚Teil der Bewegung‘ in der HGB,
Samstag, 15. März

Zwischen den Lyriklesungen rockt Songwriter Spaceman Spiff die Bude, langt unplugged in die Saiten seiner Gitarre und hält die Waage mit eingängigen Texten wie Melodien, die zugleich froh, humorvoll und  melancholisch sind.

Die trockene Luft des schönen Frühlingstages macht Durst, Durst, Durst; man möchte mit allen möglichen Leuten, mit denen man redet, gerne einen Kaffee trinken gehen. Oder auch etwas anderes.


'Teil der Bewegung‘ in der HGB,
Samstag, 15. März


Präsentiert werden Texte von Autor_innen, die wohlbekannt sind, neben solchen die man erst seit kurzem oder noch gar nicht kennt. Allein schon das Minimieren des Lichts auf genau 1 Glühbirne (abgesehen von einigen Hintergrundstrahlern) für den gesamten Raum (nicht eingerechnet der Partybeleuchtung) schafft qua Schummerlicht eine angenehme Rezeption. Alle Lesungen beim "Teil der Bewegung" zum Nachhören hier ...




Elke Erb bei der Lyriknacht ‚Teil der Bewegung‘ in der HGB,
Samstag, 15. März

Farhad Showghi bei der Lyriknacht ‚Teil der Bewegung‘ in der HGB, Samstag, 15. März

Matthias Zeiske präsentiert Timothy Donnelly,
links die Übersetzerin Annette Kühn bei der Lyriknacht ‚Teil der Bewegung‘ in der HGB, Samstag, 15. März



Hier gelingt die Rezeption von Lyrik.

Ein Ort zum Ohrenöffnen. Es lesen Andreas Altmann, Sarah Rehm, Elke Erb, Timothy Donnelly, Friederike Scheffler, Farhad Showghi, Clemens Setz, das Duo Julia Trompeter und Xaver Römer sowie Charlotte Warsen.

Clemens Setz bei der Lyriknacht ‚Teil der Bewegung‘ in der HGB, Samstag, 15. März.
Fotos: Christel und Armin Steigenberger

Das Finale bestreitet Suhrkampautor Clemens Setz mit humorvollen Prosagedichten. Und danach geht die Party erst so richtig los.

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