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Antwort Stefan Hölscher auf Jan Kuhlbrodt: Der Markt

Diskurs / Poetik > Zur Kritik
Stefan Hölscher
Antwort auf Jan Kuhlbrodt: Der Markt

Wer handelt, der handelt

Schön, dass man manchmal nur ein bestimmtes rotes Knöpfchen drücken muss, und schon geht die Post ab. „Markt“ ist hier offenbar ein solches Knöpfchen, was mich nicht wirklich überrascht. Der Markt ist die Inkarnation allen Übels, denn er ist ja das Instrument der Gleichmacherei, wie Jan Kuhlbrodt uns erklärt, und Horst Samson findet hinter diesem Satz auf seinem Computer gar nicht so viel Platz, wie er gerne Ausrufungszeichen setzen würde, damit wir es alle noch mal kapieren, auch die poetischen Vollpfosten, so wie ich, die wagen, diese Wort hier überhaupt ins Spiel zu bringen.

Aber bitte noch mal ganz kurz wieder runterkommen und vielleicht auf zwei schlichte Punkte schauen: 1. Was sind Märkte?, 2. Was war eigentlich der Hauptpunkt in dem Beitrag, in dem dieses schreckliche Wort auftaucht?

Märkte sind etwas Schlichtes. Sie sind Foren für Austausch. Mehr nicht. Ein Markt muss kein Markt für Massenproduktion sein und daher auch nicht für Gleichmacherei. Viele Märkte sind das zweifellos geworden, aber Markt an sich heißt Austausch von dem, was angeboten und dem, was nachgefragt wird. Nicht nur Kunst bewegt sich auf Märkten, sondern letzten Endes alles, wirklich alles (!) was wir tun, wie sehr klar der Systemtherapeut Fritz Simon in seinem 1998 erschienenen Buch „Radikale Marktwirtschaft. Grundlagen des systemischen Managements“ zum Ausdruck bringt. Ich darf mal kurz zitieren:

„Zehn grundlegende Thesen des radikal-marktwirtschaftlichen Modells:

1.   Wer handelt, der handelt.
2.   Der Markt für Verhalten ist ein Tauschmarkt.
3.   Jeder einzelne bewertet das von ihm oder anderen produzierte Verhalten (=Ware) nach seinem individuellen Wertesystem.
4.   Jeder Mensch verhält sich immer und überall ökonomisch rational.
5.   Jeder führt Konten über Geben und Nehmen aller Interaktionspartner (sein eigenes und das       des anderen) in seiner privaten, nicht konvertiblen Währung.
6.   Konkrete Interaktionsmuster entstehen gemäß der individuellen Wertesysteme der Beteiligten und ihrer Methode der Kontenführung.
7.   Auch „Persönlichkeit“, „Charakter“ und „persönliche Identität“ lassen sich als Funktion der     Unterschiede individueller Kontoführungspraktiken erklären.
8.   Menschen können auch mit sich selbst Handel treiben.
9.   Ware ist nur, was wahrgenommen wird.
10. Es gibt keine objektiven Bewertungsmaßstäbe für den Wert von Verhalten.“

(Fritz B. Simon, Radikale Marktwirtschaft, Carl-Auer-Systeme Verlag, 1998)

Wir bewegen uns immer und überall auf Märkten – oder wir sind tot.

Kurz noch mal gerade rücken möchte ich aber auch das, worum es mir in meinem Beitrag „Schöne neue Lyrikwelt“ eigentlich ging. Das war nämlich nicht der Aufruf zur Gleichmacherei. Die Wahrscheinlichkeit, dass das hier irgendjemand wollen würde, liegt doch bei Lichte betrachtet bei ungefähr 0,0%. Und ich will es natürlich auch nicht. Gedichte, und Kunst überhaupt, sind in höchstem Maße individuell. Was sonst? Da stimme ich Jan Kuhlbrodt zu 100% zu. Individueller Ausdruck bedeutet aber noch lange nicht, dass man/frau sich nun nur noch mit seinesgleichen unterhält. Und auch nur noch auf seinesgleichen schaut und sich im Gespräch miteinander möglichst gut vom Rest der Welt abschottet. Das finde ich ein Bisschen arm und habe mir erlaubt, es „In-Group-Verhalten“ zu nennen. Ich fände es schön, mehr Luft reinzulassen, mehr Bewegung, mehr Austausch (so wie hier jetzt gerade ein ganz klein Bisschen!) – auch mit denen, die keine Lyrikexpert*innen sind, aber wohl möglich begeisterte Leser*innen und weltoffene Menschen. Es geht einfach um Dialog. Und der beginnt mit der Frage, wem man sich zuwendet – außer sich selbst.
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