Anton Tschechow: Der Kirschgarten, 4 - Signaturen

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Anton Tschechow: Der Kirschgarten, 4

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Anton Tschechow
Der Kirschgarten


Komödie in vier Aufzügen
Übersetzt von August Scholz





Vierter Aufzug.


Einrichtung des ersten Aufzuges. Die Fenstervorhänge und Bilder sind abgenommen, die wenigen noch vorhandenen Möbel sind wie zum Verkauf in eine Ecke geschoben. Man hat das Gefühl der Leere. Neben der Ausgangstür und im Hintergrund der Bühne Reisekoffer, Bündel usw. Die Tür links steht offen, man hört von dort her Anjas und Warjas Stimme. Lopachin steht wartend da. Jascha hält ein Präsentierbrett mit gefüllten Sektgläsern. Im Vorzimmer ist Epichodow dabei, eine Kiste zuzuschnüren. Hinter der Bühne Lärm, die Bauern sind gekommen, um abschied zu nehmen, Gajews Stimme: »Ich danke euch, meine Lieben, ich dank' euch.«

Jascha. Die Bauern sind da zum Abschiednehmen. Ein gutmütiges Volk, aber dumm,

das ist meine Meinung, Jermolaj Alexeïtsch.


Der Lärm verstummt. Durchs Vorzimmer treten Ljubow Andrejewna und Gajew ein; sie weint nicht, ist jedoch bleich, ihr Gesicht bebt, und sie kann nicht sprechen.


Gajew. Du hast ihnen dein Portemonnaie gegeben, Ljuba. Das hättest du nicht tun sollen, auf

keinen Fall!

Ljubow Andrejewna. Warum nicht? Ich konnte nicht anders … Beide ab.
Lopachin hinter ihnen her, geht nach der Tür zu. Darf ich gehorsamst bitten? Ein Gläschen

Champagner zum Abschied? Ich hatte ganz vergessen, aus der Stadt welchen mitzubringen, aber auf dem Bahnhof hab' ich noch eine Flasche aufgetrieben. Bitte sehr! Pause. Nun, Herrschaften, ist's nicht gefällig? Wendet sich ab von der Tür. Hätt' ich das gewußt, dann hätt' ich keinen gekauft. Nun, auch ich mag nicht trinken. Jascha stellt das Präsentierbrett vorsichtig auf einen Stuhl. Trink' du wenigstens, Jascha.

Jascha. Zum Abschied! Auf Ihr Wohl! Trinkt. Der Champagner ist nicht echt, kann ich Ihnen

sagen.

Lopachin. Acht Rubel kostet die Flasche. Pause. Verdammt kalt ist es hier.
Jascha. Es ist heut' nicht geheizt, wir reisen doch alle ab. Lacht.
Lopachin. Warum lachst du?
Jascha. Ich freu' mich.
Lopachin. Wir haben schon Oktober, und die Sonne scheint so mild wie im Sommer.

Es gibt einen schönen Herbst. Sieht auf die Uhr; nach der Tür zu. Herrschaften, Vergessen Sie nicht, es sind nur noch 47 Minuten bis zur Abfahrt. In zwanzig Minuten müssen wir fort von hier. Beeilen Sie sich!

Trofimow, im Paletot, kommt vom Hofe her.
Trofimow. Ich glaube, es ist Zeit zu fahren, die Wagen sind schon bereit. Weiß der Teufel, wo

meine Gummischuhe stecken – sind einfach verschwunden. Nach der Tür zu. Anja, ich kann meine Gummischuhe nicht finden.

Lopachin. Ich muß nach Charkow. Ich fahre mit demselben Zuge wie Sie. In Charkow bleib' ich

den ganzen Winter. Hier hab' ich nur geschwatzt und die Zeit totgeschlagen. Ich halt's ohne Arbeit nicht aus, die Arme baumeln mir dann so am Leibe, als ob sie einem anderen gehörten.

Trofimow. Sie gehen also gleich wieder an Ihre so überaus nützliche Beschäftigung?
Lopachin. Trink doch ein Gläschen!
Trofimow. Muß sehr danken.
Lopachin. Du fährst jetzt nach Moskau?
Trofimow. Ja, ich fahre mit den andern zur Stadt, und morgen geht's nach Moskau.
Lopachin. So … Die Professoren warten wohl mit ihren Vorlesungen so lange, bis du da bist?
Trofimow. Kümmere dich um deine Angelegenheiten.
Lopachin. Wie lange studierst du eigentlich schon, alter Junge?
Trofimow. Schwatz' kein dummes Zeug. Sucht seine Gummischuhe. Hör' mal – wir werden uns

kaum jemals wiedersehen, da möcht' ich dir zum Abschied einen guten Rat geben: fuchtle nicht immer so mit den Armen herum! Gewöhn' dir das ab! Auch deinen Parzellierungsplan laß lieber fallen, aus deinen Sommergästen können nie richtige Landwirte werden. Ist auch nur so ein Herumfuchteln, dieser Plan … Na, wie dem auch sei, du bist jedenfalls ein lieber Kerl. Was für feine Hände du übrigens hast, richtige Künstlerhände, und auch eine feine, zarte Seele …

Lopachin umarmt ihn. Leb' wohl, mein Lieber. Hab' Dank für alles. Wenn du Geld brauchst –

ich stehe dir zu Diensten …

Trofimow. Wozu? Ich brauche kein Geld.
Lopachin. Du hast doch nichts.
Trofimow. Doch, ich habe ein Buch übersetzt und dafür Honorar bekommen. Hier in der Tasche

hab' ich's. Besorgt. Meine Gummischuhe sind einfach verschwunden.

Warja aus dem Nebenzimmer. Hier sind Ihre Latschen! Wirft ein Paar Gummischuhe auf die

Bühne.

Trofimow. Warum so wütend, Warja? … Das sind nicht meine Schuhe.
Lopachin. Ich hab' im Frühjahr tausend Hektar mit Mohn bestellt und daran glatt vierzigtausend

Rubel verdient. Wie mein Mohn blühte – was war das für ein Bild! Vierzigtausend Rubel … nimm doch, ich borg' dir, soviel du willst. Ich hab's dazu. Bin zwar nur von einfachem Bauernstande ...

Trofimow. Dein Vater war ein Bauer und meiner Apotheker. Das will gar nichts besagen.

Lopachin zieht seine Brieftasche heraus. Laß nur, laß. Und wenn du mir hunderttausend Rubel gibt's, ich nehme sie nicht. Ich bin ein freier Mensch – was Ihr alle miteinander, ob reich oder arm, so hoch schätzt, übt auf mich nicht die geringste Macht aus. Wie eine Flocke im Winde – nicht höher bewerte ich's. Ich brauche euch nicht, kann mich ohne euch behelfen, denn ich bin stark und stolz. Die Menschheit schreitet der höchsten Wahrheit, dem höchsten Glück entgegen, das nur auf Erden möglich ist, und sich schreite in den ersten Reihen.

Lopachin. Wirst du ans Ziel kommen?
Trofimow. Unbedingt Pause. Ich werde ans Ziel kommen, oder ich werde doch andern den Weg

ins Ziele weisen.


Man hört aus der Ferne Axthiebe, die gegen einen Baumstamm geführt werden.

Lopachin. Nun, leb' wohl, mein Junge. Es ist Zeit, daß wir fahren. Wir rümpfen voreinander die

Nase, und das Leben geht seinen eigenen Gang. Wenn ich so in einem fort arbeite, ohne Ermatten, dann wird mir das Denken leichter, und es ist mir, als ob auch ich wüßte, weshalb ich auf der Welt bin. Wieviel Menschen gibt's aber in Rußland, von denen man nicht weiß, warum sie eigentlich da sind! Na, lassen wir sie ... Leonid Andreïtsch soll eine Stelle bei der Bank angenommen haben, mit sechstausend Rubeln jährlich … Wenn er nur Ausdauer genug hat, er ist faul ...

Anja in der Tür. Mama läßt bitten, man möchte mit dem Baumfällen warten, bis sie fort ist.
Trofimow. Ja, wirklich … so viel Takt muß man doch besitzen … Ab durch das Vorzimmer.
Lopachin. Gleich, gleich … daran denkt das Volk nicht. Hinter ihm ab.
Anja. Hat man Firs ins Krankenhaus gebracht?
Jascha. Ich hab's heute morgen gesagt. Ich denk' doch, er ist hingebracht worden.
Anja zu Epichodow, der durchs Zimmer geht. Ssemjon Panteleïtsch, erkundigen Sie sich doch,

bitte, ob Firs ins Krankenhaus gekommen ist.

Jascha beleidigt. Ich hab's doch Jegor gesagt! Wozu erst lange erkundigen?
Epichodow. Der alte Firs taugt nicht mehr zur Reparatur, das ist meine feste Überzeugung. Der

sollte getrost das Zeitliche segnen … ich würde ihn darum nur beneiden. Stellt einen Koffer auf einen Hutkarton, den er eindrückt. Da haben wir's … ich wußte es ja! Ab.

Jascha spöttisch. Der Unglücksrabe!
Warja hinter der Tür. Ist Firs ins Krankenhaus gekommen?
Anja. Ja.
Warja. Warum hat man den Brief an den Arzt nicht mitgenommen?
Anja. Der muß nachgeschickt werden … Ab.
Warja aus dem anstoßenden Zimmer. Wo ist Jascha? Sagt ihm, seine Mutter sei da und wolle sich

von ihm verabschieden.

Jascha mit wegwerfender Handbewegung. Die konnte auch bleiben, wo sie war.
Dunjascha die sich während der ganzen Zeit am Gepäck zu schaffen gemacht hat, tritt nun, da

dieser allein ist, an diesen heran. Wenn Sie noch wenigstens mal nach mir hergesehen hätten, Jascha. Sie reisen ab, lassen mich sitzen … Wirft sich ihm weinend an den Hals.

Jascha. Was hilft das Weinen? Trinkt Champagner. In sechs Tagen bin ich wieder in Paris.

Morgen setzen wir uns in den Kurierzug und sausen los, hast du nicht gesehen! Man soll's kaum für möglich halten. Vive la France! Hier fühl' ich mich nicht wohl, 's ist nichts für mich hier, alles zu ungebildet. Trinkt Champagner. Was soll denn das Heulen? Führen Sie sich anständig auf, dann brauchen Sie nicht zu weinen.

Dunjascha putzt sich, sieht in den Spiegel. Schreiben Sie mir doch aus Paris. Ich habe Sie ja so

geliebt, Jascha, so geliebt! Ich bin ein so zartes Geschöpf, Jascha!

Jascha. Man kommt. Macht sich leise singend an dem Gepäck zu schaffen.

Ljubow Andrejewna, Gajew, Anja und Scharlotta Iwanowna kommen herein.

Gajew. Wir müssen fahren. 's ist nur noch ganz wenig Zeit. Sieht Jascha an. Wer riecht denn hier

so nach Heringen?

Ljubow Andrejewna. In zehn Minuten müssen wir weg … Läßt ihren Blick durch das Zimmer

schweifen. Leb' wohl, du mein liebes altes Haus! Nun kommt der Winter, und wenn's wieder Frühjahr wird, bist du nicht mehr … abtragen werden sie dich! Was haben diese Wände nicht alles gesehen! Küßt ihre Tochter zärtlich. Mein einziges, süßes Mädchen! Du strahlst so, deine Augen blitzen wie zwei Diamanten. Bist du zufrieden? Ja?

Anja. Ja, Mama, sehr! Ein neues Leben beginnt.
Gajew heiter. In der Tat, jetzt ist alles im Lot! Solange der Kirschgarten nicht verkauft war,

waren wir alle so aufgeregt, so unglücklich, und als die Frage entschieden und kein Zurück mehr möglich war, haben sich alle beruhigt und sind wieder munter geworden. Ich bin jetzt Bankbeamter, Finanzmann … den Gelben in die Mitte! Auch du, Ljuba, siehst entschieden viel vergnügter aus.

Ljubow Andrejewna. Ja, meine Nerven sind ruhiger, das stimmt. Man reicht ihr Hut und Mantel.

Ich schlafe auch besser. Bringen sie meine Sachen nach dem Wagen, Jascha. Es ist Zeit. Zu Anja. Wir sehen uns bald wieder, mein liebes Kind. Ich fahre nach Paris ...will dort von dem Gelde leben, das die Tante aus Jaroslawl zum Ankauf des Gutes geschickt hat. Die gute Tante – hoch soll sie leben! Lange wird's freilich nicht reichen ...

Anja. Du kommst recht bald zurück – nicht wahr, Mama? Ich werde mich vorbereiten, werde

mein Gymnasialexamen machen und dann fleißig arbeiten und dich unterstützen. Wir werden zusammen allerhand schöne Bücher lesen – nicht wahr? Küßt ihrer Mutter die Hände. An den langen Herbstabenden werden wir so viel, so viel lesen, eine neue Wunderwelt wird sich vor unsern Augen auftun … Sinnend. Du kommst doch, Mama?

Ljubow Andrejewna. Gewiß, mein Goldkind, ich komme. Umarmt die Tochter.
Lopachin tritt ein. Scharlotta singt leise ein Lied.
Gajew. Glückliche Scharlotta, sie kann noch singen!
Scharlotta nimmt ein Bündel in den Arm, das wie ein Kind im Tragkissen aussieht. »Schlaf,

Kindchen, Schlaf, ...« Man hört das Weinen des Kindes: Uah! uah! Nur hübsch still, mein liebes, süßes Kindchen! Uah! uah! Nein, wie du mir leid tust! Wirft das Bündel an seinen Platz zurück. Zu Lopachin. Also, nicht wahr, Sie besorgen mir eine Stelle? Ich kann nicht so in der Welt herumwimmeln.

Lopachin. Gewiß, liebe Scharlotta, seien Sie unbesorgt.
Gajew. Alles verläßt uns, auch Warja geht fort … Wir sind plötzlich überflüssig geworden.
Scharlotta. Was soll ich bei Ihnen in der Stadt? Ich muß mir doch was suchen. Singt leise.
Pischtschik kommt herein.
Lopachin. Seht doch! Der fehlte jetzt noch!
Pischtschik außer Atem. Laßt mich erst Atem schöpfen … Ganz kaput bin ich … ein Glas

Wasser …

Gajew. Du willst wohl einen Pump anlegen? Dafür bin ich nicht zu haben, alter Freund. Ab.
Pischtschik. Ganz im Gegenteil – da! Zieht ein Päckchen Banknoten aus der Tasche. Zu

Lopachin. Auch du bist hier? Freut mich sehr, dich zu sehen. … da, nimm … Gibt Lopachin Geld. Vierhundert Rubel … da, nimm … achthundertvierzig als Restschuld …

Lopachin zuckt verdutzt die Achseln. Wie im Traume … woher hast du's denn auf einmal?
Pischtschik. Eine ganz tolle Geschichte … Kommen da ein paar Engländer zu mir, fangen an zu

buddeln und finden irgend 'ne weiße Tonsorte … Zu Ljubow Andrejewna. Da, hier haben Sie auch vierhundert, meine Allerschönste … Gibt ihr Geld. Der Rest folgt später … Gott, ist mir heiß … Gebt mir doch einen Schluck Wasser!

Lopachin. Was für Engländer waren denn das?
Pischtschik. Das erzähl' ich Ihnen nächstens … kamen einfach, pachteten ein Stück Land auf

vierundzwanzig Jahre und zahlten … Jetzt hab' ich keine Zeit … ich muß noch zu Snojkow, zu Kardamonow .. allen bin ich Geld schuldig … Trinkt. Am Donnerstag sprech' ich wieder vor ...

Ljubow Andrejewna. Wir ziehen heute um, nach der Stadt … und ich fahre morgen ins

Ausland ...

Pischtschik bestürzt. Was? Warum nach der Stadt? 's ist ja wahr … die Möbel … die Reisekoffer

… Nun, 's ist mal nicht zu ändern. Unter Tränen. 's ist mal so … Aber diese Engländer, was? Die Kerle haben einen Grips … 's ist mal nicht zu ändern … Lassen Sie sich's gut gehen … Gott wird Ihnen weiterhelfen … 's ist mal nicht zu ändern ... Alles in der Welt hat ein Ende … Küßt Ljubow Andrejewna die Hand. Wenn Sie mal was läuten hören, daß ich abgekratzt bin, dann denken sie zurück an mich altes Pferd und sprechen Sie im stillen: »Ach ja, der Ssimeonow-Pischtschik – na, Gott hab' ihn selig!« Ein wunderbares Wetter … ja … Entfernt sich in heftiger Gemütsbewegung, doch kehrt er sogleich wieder zurück; in der Tür. Daschenjka läßt sich Ihnen übrigens bestens empfehlen! Ab.

Ljubow Andrejewna. Jetzt könnten wir eigentlich fahren. Nur zwei Sorgen drücken mich noch;

erstens der kranke Firs … Sieht auf die Uhr. Noch fünf Minuten …

Anja. Firs ist gut aufgehoben, Mama. Jascha hat ihn heute morgen ins Krankenhaus gebracht.
Ljubow Andrejewna. So … dann bliebe nur noch Warja, die macht mir wirklich Kummer. Sie ist

gewöhnt, früh aufzustehen und zu arbeiten, und jetzt, so ohne Beschäftigung, wird sie sich vorkommen wie ein Fisch auf dem Sand. Das arme Mädel weint in einem fort, ganz mager und blaß ist sie geworden … Pause. Sie müssen das doch auch sehen, Jermolaj Alexeïtsch; ich dachte, Sie beide einmal als Paar zu sehen … es sah immer so aus, als hätten Sie Heiratsabsichten. Flüstert Anja und Scharlotta etwas zu, die hierauf verschwinden. Sie hat sie gern, sie gefällt Ihnen – ich weiß nicht, weshalb Sie so beide einander aus dem Weg gehen. Ich verstehe das einfach nicht!

Lopachin. Auch ich versteh's nicht, offen gestanden. Das ist alles so komisch … Wenn's noch

nicht zu spät ist – ich bin sofort bereit. Machen wir's mit einemmal ab, basta. Wenn Sie mir nicht beistehen, bring' ich's nie fertig, ihr einen Antrag zu machen.

Ljubow Andrejewna. Ausgezeichnet! Die Sache dauert eine Minute, nicht länger. Ich rufe sie

sofort …

Lopachin. Auch Champagner ist da. Sieht nach den Gläsern. Alles leer – 's ist schon jemand

drüber gewesen …

Jascha hustet.
Lopachin. Irgendein Leckermaul …
Ljubow Andrejewna lebhaft. Famos! Wir gehen hinaus … Jascha allez! Ich werde sie rufen ...

Zur Tür hinaus. Warja, laß alles liegen, komm her! Rasch! Ab mit Jascha.

Lopachin sieht nach der Uhr. Ja … Pause.

Hinter der Tür verhaltenes Lachen und Flüstern. Warja tritt endlich ein.

Warja tut, als ob sie etwas zwischen dem Reisegepäck suchte. Das ist doch sonderbar … ich

kann's nicht finden ...

Lopachin. Was suchen sie denn?
Warja. Ich hab's selbst hergelegt – und weiß nur nicht, wohin. Pause.
Lopachin. Was fangen sie nun an, Warwara Michailowna?
Warja. Ich? Zu Ragulins hab' ich mich vermietet, als Wirtschafterin ...
Lopachin. Nach Jaschnjewo? Das liegt an siebzig Werst von hier ab. Pause. Na, und in diesem

Hause ist alles zu Ende …

Warja sieht immer noch nach den Sachen. Wo mag's nur stecken? … Vielleicht hab ich's auch in

den Koffer gelegt … Ja, in diesem Hause ist alles zu Ende … das Leben hier ist aus …

Lopachin. Und ich fahre nach Charkow, mit dem Zuge jetzt … Geschäfte … Hier auf dem Hofe

lass' ich Epichodow, ich hab' ihn engagiert …

Warja. So.
Lopachin. Im vorigen Jahre fiel um diese Zeit bereits Schnee, erinnern Sie sich? Und diesmal

haben wir einen sonnigen Herbst. Nur etwas frisch ist's. Der Grad Kälte waren heute
früh …

Warja. Ich hab' nicht nachgesehen. Pause. Unser Thermometer ist übrigens entzwei. Pause.
Eine Stimme von der Tür her, aus dem Hofe. Jermolaj Alexeïtsch!
Lopachin als ob er auf diesen Ruf längst gewartet hätte. Ja … gleich … Rasch ab.

Warja setzt sich auf den Fußboden, legt den Kopf auf ein Wäschebündel und schluchzt still in sich hinein. Die Tür geht auf, und Ljubow Andrejewna tritt leise ein.


Ljubow Andrejewna. Nun? Pause. Wir müssen fort.
Warja weint nicht mehr, hat ihre Augen getrocknet. Ja, es ist Zeit, Mamachen. Ich fahre heute

gleich zu Ragulins, daß ich nur den Zug nicht verpasse …

Ljubow Andrejewna zur Tür hinaus. Anja! Zieh dich an!

Anja tritt ein, dann Gajew und Scharlotta Iwanowna. Gajew trägt einen warmen Paletot mit Kapuze. Diener und Kutscher. Epichodow macht sich an dem Gepäck zu schaffen.


Ljubow Andrejewna. Nun geht's in die weite Welt!
Anja freudig. In die weite Welt!
Gajew. Meine Freunde, meine lieben, teuren Freunde! In dem Augenblick, da wir dieses Haus für

immer verlassen, möcht' ich ein paar Worte zum Abschied sagen. Ich kann nicht umhin, die Gefühle zum Ausdruck zu bringen, die heute mein ganzes Wesen erfüllen …

Anja bittend. Onkel!
Warja. Nicht doch, Onkelchen!
Gajew düster. Dublee auf den Gelben, in die Mitte … Ich schweige schon …
Trofimow tritt ein, dann Lopachin.
Trofimow. Nun, Herrschaften, 's ist höchste Zeit!
Lopachin. Epichodow, meinen Paletot!
Ljubow Andrejewna. Ich will noch einen Augenblick sitzen bleiben. Diese Wände, diese

Decke … mir ist, als hätte ich sie nie vorher gesehen, ich schaue sie jetzt mit so heißer Begierde an, mit so zärtlicher Liebe ...

Gajew. Ich erinnere mich noch, als ich sechs Jahre alt war, am Dreifaltigkeitsfest – da saß ich

dort auf dem Fenster und schaute meinem Vater nach, wie er zur Kirche ging ...

Ljubow Andrejewna. Sind die Sachen auch alle richtig verladen?
Lopachin. Ich denke, ja. Zu Epichodow, während er den Paletot anzieht. Sorg' nur dafür,

Epichodow, daß alles hübsch in Ordnung ist.

Epichodow mit heiserer Stimme. Sie können ganz unbesorgt sein, Jermolaj Alexeïtsch.
Lopachin. Wovon bist du so heiser?
Epichodow. Ich hab' eben Wasser getrunken, da hab' ich mich verschluckt.
Jascha verächtlich. So ein Esel!
Ljubow Andrejewna. Hier bleibt nun, wenn wir weg sind, nicht eine lebendige Seele …
Lopachin. Ja, bis zum Frühjahr …
Warja zieht aus einem Bündel einen Schirm hervor – es sieht aus, als wolle sie zum Schlage

ausholen; Lopachin stellt sich erschrocken. Nicht doch, was ist Ihnen denn? Ich hatte nichts Arges im Sinn.

Trofimow. Herrschaften, rasch einsteigen! Wir verpassen sonst den Zug.
Warja. Hier sind Ihre Gummischuhe, Petja – da, neben dem Koffer. Unter Tränen. Was für

schmutzige alte Latschen!

Trofimow zieht die Gummischuhe an. Gehen wir, Herrschaften!
Gajew in heftiger Rührung, hält mit Mühe die Tränen zurück. Der Zug … die Station … Den

Roten in die Mitte, den Weißen mit einem Dublee in die Ecke …

Ljubow Andrejewna. Gehen wir!
Lopachin. Sind alle da? Ist niemand mehr im Haus? Verschließt die Seitentür links. Hier sind die

Sachen, es muß abgeschlossen werden. Gehen wir!

Anja. Leb' wohl, liebes Haus! Leb' wohl, altes Leben!
Trofimow. Willkommen, neues Leben!

Ab mit Anja. Warja läßt ihren Blick durch das Zimmer schweifen und geht langsam ab. Hinter ihr her Jascha und Scharlotta mit ihrem Hündchen.


Lopachin. Also bis zum Frühjahr, Herrschaften, auf Wiedersehen! …

Ljubow Andrejewna und Gajew sind allein geblieben. Sie scheinen auf diesen Augenblick nur gewartet zu haben, fallen einander um den Hals und schluchzen leise, verhalten, um draußen nicht gehört zu werden.

Gajew verzweifelt. Schwester! Liebe Schwester!
Ljubow Andrejewna. O du mein lieber, schöner, herziger Garten! … Mein Leben, meine Jugend,

mein Glück, lebt wohl … Lebt wohl!

Anjas Stimme heiter, lockend. Mama! …
Trofimows Stimme heiter, gut gelaunt. A–uh!
Ljubow Andrejewna. Noch ein letzter Blick auf die Wände, die Fenster … Wie unsere selige

Mutter dieses Zimmer liebte!

Gajew. Schwester, meine liebe Schwester!
Anjas Stimme. Mama! ...
Trofimows Stimme. A–uh! ...
Ljubow Andrejewna. Wir kommen!

Beide ab. Die Bühne ist leer. Man hört, wie alle Türen abgeschlossen werden, und wie die Wagen dann abfahren. Es wird still, nur das dumpfe, einförmige traurig aufschlagende Hallen der Axt auf die Baumstämme läßt sich in dem Schweigen vernehmen. Plötzlich hört man Schritte. In der Tür rechts erscheint Firs. Er trägt, wie immer, Jacket und weiße Weste; seine Füße stecken in Pantoffeln, er ist krank.


Firs geht nach der Ausgangstür und hebt die Klinke an. Zugeschlossen! Sie sind weggefahren …

Setzt sich auf den Diwan. Mich haben sie vergessen … Tut nichts, ich bleib' hier sitzen … Leonid Andreïtsch ist sicher wieder im Paletot gefahren, statt den Pelz zu nehmen. Stößt einen sorgenvollen Seufzer aus. Diese jungen Leute … wenn ich nicht zum Rechten sehe! Murmelt etwas Unverständliches vor sich hin. Das Leben ist nun hin … als ob man gar nicht gelebt hätte! Legt sich hin. Will mich ein Weilchen hinlegen … Es steckt keine Kraft mehr in dir, Alter, nichts mehr los, rein gar nichts … Ach, du … alter Schlappmichel … Liegt unbeweglich da.


Man hört einen fernen, wie vom Himmel kommenden Laut, ersterbend, traurig, an den Ton einer gesprungenen Laute erinnernd. Dann folgt eine tiefe Stille, die nur das aufschlagen der Axt tief im Garten unterbricht.


Vorhang.


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