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Anna Breitenbach: Haus und Hof, Sachen, Leute

Rezensionen



Timo Brandt


Spielen wir Alltag ab



In meiner Rezension zu Jan-Eike Hornauers „Das Objekt ist beschädigt“ nahm ich zu Anfang einen kleinen Umweg und erörterte für mich den Begriff des „Gebrauchsgedichtes“. Ein zugegebenermaßen eher loser Gattungsbegriff, der aber einige promiente Verfechter hatte, u.a. Erich Kästner, Bertolt Brecht oder auch Erich Fried.

Auch Anna Breitenbach bezeichnet im Untertitel ihres Bandes „Haus und Hof, Sachen, Leute“ die darin enthaltenen Werke als „brauchbare Gedichte“. Als Untertitel klingt das schon sehr nach Agenda (was bei den bisherigen Vertreter*innen dieses Genres allerdings ein häufig auftretendes Phänomen war): wenn man seine Gedichte brauchbar nennt, dann grenzt man sie ja von anderen ab, die man nicht für „gebrauchbar“ hält oder weist zumindest aus, dass sie explizit so geschrieben wurden, um dieser Eigenschaft nicht zu entbehren.

Schlägt man das Buch auf, heißt es noch vor dem ersten offiziellen Gedicht:

„Weißt du das nicht,
dass ein Gedicht so was
wie eine Taschenlampe
ist?“


Auch hier ist wiederum die Agenda zu spüren: Die Lesenden sollen eingeschworen werden auf eine bestimmte Art, die Gedichte zu lesen, sollen bedenken und beachten, was sich die Autorin überlegt hat zu ihren Gedichten, zu Gedichten allgemein.

Eigentlich sollten aber Gedichte, so denke ich, für sich selbst sprechen. Was nicht heißt, dass sie nicht so etwas wie eine Weltanschauung transportieren, eine Meinung vertreten, einen Blickwinkel forcieren oder keine Position einnehmen.


Kein Gedicht ist wirklich demokratisch, wertfrei, objektiv. Aber vor den Augen der Lesenden kann es sich derart darbieten, solange sie nicht vorher mit Leseanleitungen, Hintergründen zur Entstehungsgeschichte, zum Autor, zur darin liegenden Absicht und sonstigen Anmerkungen zugeschüttet wurden. Poetik ist das eine, Gedichte sind das andere, und sie unmittelbar zu verbinden macht meiner Erfahrung nach wenig Sinn. Vom amerikanischen Literaturkritiker Harold Bloom stammt die Einsicht: „Keine Art ein Gedicht zu schreiben rechtfertigt das einzelne Gedicht – das einzelne Gedicht kann allerhöchstens eine Art es zu schreiben rechtfertigen.“

Natürlich ist es utopisch, zu glauben, man könne einem Gedicht völlig unvoreingenommen begegnen (auch wenn ich ein paar der intensivsten Erfahrungen mit Gedichten auf einen Zustand zurückführen würde, der dieser Utopie sehr nah kommt). Aber ich denke schon, dass die Freiheit, ein Gedicht von allen Seiten zu betrachten, sich hinein und hinaus und hindurch zu bewegen, einen wesentlichen Aspekt der Erfahrung ausmacht, die man einzig in der Literatur und speziell in der Poesie machen kann. Aber schauen wir uns einmal genauer an, wie es bei Breitenbach weitergeht.

„Bäume schlafen
im Stehen! wenn
sie nicht umfallen
vor Müdigkeit –
wie ich.“


Der Wortwitz ist etwas, das bei Breitenbach definitiv nicht zu kurz kommt. Ob man ihm zugetan ist, ob man ihn für erhellend hält, überlasse ich der Leserschaft. Ich muss zugeben, dass ich an diesen Stellen oft gestolpert bin. Bäume fallen doch nicht um vor Müdigkeit; sie werden gefällt von Menschenhand, umgeweht vielleicht. Es hat etwas Poetisches bei umgewehten Bäumen von müden Bäumen zu reden, aber diese Idee wird übermalt mit dem Rückbezug auf das Ich, der mir wiederum nicht ganz sinnig erscheint.

Das lyrische Ich sieht also die Bäume, ist müde, wünscht sich im Stehen schlafen zu können wie die Bäume, aber weiß, dass es dann umfallen würde, was die Bäume ja nicht tun … Einerseits fängt das Gedicht die Müdigkeit ein, die in ihm vorherrscht, andererseits wirkt es auch so, als wäre die Idee der Ausformung davongaloppiert.

„Selbst die
s t e i n e
machen sich
langsam
vom Acker …“


Der häufigste Schauplatz: der Alltag. Der Alltag eines lyrischen Ichs, einer Protagonistin, die in den Zeilen immer wieder auftaucht und verschwindet. Allgemeines Diktum und empfindungsreiches Nachsinnen wechseln sich ab; persönliche Momente stehen zwischen Ansagen und Aussagen, die vom Spielerischen bis hin zur Tristesse reichen, davon abgesehen aber etwas Ungeschminktes, Runtergeschraubtes haben.

„Wenn das Kratzen seines Toastes,
das energische und dabei doch
sparsame Einarbeiten der Butter
in die poröse Oberfläche des
schutzlos getoasteten und jetzt
vollends gelieferten Toastes“


heißt es zum Beispiel am Anfang eines Gedichts, in dem das lyrische Ich zu sich selbst meint, dass es wohl an der Zeit sei, „den Schlafplatz zu wechseln“, also den Partner zu verlassen. Diese Miniatur, bei der man das Kratzen des Toastmessers fast schon hören kann, den Ekel des Ichs durch die Formulierungen durchschmeckt, hat tatsächlich etwas sehr Handliches, Lebensnahes, Gebräuchliches.

Aber es sei die Frage erlaubt: Was macht das mit mir, abgesehen davon, dass ich mich des Gefühls der Abneigung entsinne, das auch mich in manchen Momenten überfällt. Geht es um die Bestätigung der Empfindungen? „Du bist nicht allein mit solchen Emotionen“, soll das die Aussage sein?

Man könnte jetzt sagen: das Gedicht bewirkt etwas, das reicht doch. Aber ich befürchte, es bewirkt wohl am ehesten ein Kopfnicken und das ist mir ehrlich gesagt zu wenig, das reicht mir nicht tief genug. Wohl auch, weil kein Dilemma destilliert und stattdessen die Situation im selben Moment schon wieder aufgelöst wird. Der starke Anfang des Gedichts: man könnte ihn in die Länge ziehen und den ganzen Ekel und die ganze Schwere des Moments in der Schwebe lassen und es wäre ein gutes Gedicht, schmerzlich und nachdenklich, eine Vorführung, die die Lesenden auf sich selbst zurückwirft. Durch die Auflösung ist es eine Erzählung ohne doppelten Boden. Ganz ähnlich geht es mir bei dem Gedicht „Umsteigen“, das einen interessanten Anfang und ein nichtssagendes Ende hat.

„Wenn du nicht mehr
weiter kannst
schau halt wo du
bleiben kannst
wenn du nicht mehr
gehen kannst
schau halt wo du
stehen kannst
[…]
wenn du nicht mehr
liegen kannst
schau doch ob du
reiten kannst
such dir einen
Reitersmann der
dich herrlich
tragen kann!?“


Warum immer dieser Zug zur Auflösung (auch bei Hornauer war er mir schon aufgefallen)? Ich verstehe, dass Anna Breitenbach ihren Leser*innen mit ihren Gedichten etwas an die Hand geben will. Aber Gedichte eignen sich nicht zur Lösungspolitik. Es hat schon seine Gründe, warum die beste Gebrauchslyrik bei Fried, Kästner, Brecht oder Kaléko eben nicht durch ihre Weisung besticht, sondern durch ihre Fragilität, ihre Offenheit, ihre Zerrissenheit. Abraham Lincoln sagte einmal, dass man den Menschen keinen Gefallen tue, wenn man etwas für sie tue, was sie selbst tun können. Er muss also selbst den Weg finden, den ein Gedicht weist, öffnet, versperrt. Und muss selbst in die Dunkelheit leuchten.

„Wissen, dass da was zu finden ist, dass die Welt
eine große, runde Fundstelle ist und glauben
wollen: kein Ende, Abbruch, Kante in Sicht.“


Einige der Gedichte sind anders: dort bewegt man sich wie in einem kleinen Film, einer Kamerafahrt, losgelöst von klaren Intentionen. Während die Diktionen durchaus allerliebst sein können und das Nachsinnen der lyrischen Protagonistin dann und wann einen wiedererkennbaren Moment stiftet, sind diese losgelösten Gedichte meiner Meinung nach die besten des Bandes.

Zum Beispiel jenes über den alten Mann, der am Tag noch ganz in Ruhe die Gehwege mit Salz bestreut und am folgenden frühen Morgen, im Zwielicht, blinkt von seinem Haus die Sirene des Notarztwagens herüber, und man sieht wie er, „mehr tot als lebendig“ herausgetragen wird.

Dem Beschriebenen gerecht zu werden, was eine der Intentionen ist, die hinter fast jedem Gedicht steht, gelingt hier, weil die Beschreibung aus sich selbst wirken darf, zart illuminiert und nicht mit Leuchtschrift beworben.


„Die Autos fahren
herum wie Zahnbürsten
dick wie Zahnpasta
auf dem Dach –
an der Ampel halt ich
etwas knapp, da
rutscht mir die Pasta
vom Astradach“


Ich glaube, dass die Gebrauchsgedichte von Anna Breitenbach durchaus ein größeres Publikum erreichen könnten, die sich in den alltäglichen, profanen und lockerleicht präsentierten Poemen schnell zurechtfinden und sie dar ob vermutlich loben würden. Aber geht es darum bei Gedichten, sollen wir sie schlicht, in unserer Weltsicht unangetastet oder sogar darin bestätigt, konsumieren als kleine Bilder, einfache Erlebniswiederholungen?  

Das ist etwas polemisch gesprochen, und es gibt, da will ich nicht missverstanden werden, eine klare Berechtigung für diese Art von Gedichten – und ihre Wirkung kann man auch nicht so einheitlich herunterbrechen. Ich kann mich aber im Angesicht von Anna Breitenbachs Gedichten nicht wirklich von einigen Bedenken trennen – viel lieber würde ich mich (und das fasst meinen Zweifel ganz gut zusammen) in ihnen mit diesen Bedenken konfrontiert sehen und nicht vor ihnen.

In einem seiner Essays zitiert Jorge Luis Borges einen (vermutlich erfundenen) Dichter namens Ignacio Durán Gonzalez mit den Worten:


„Gedichte sind der Ausruf des Umarmten, der begreift, dass er umarmt wurde. Wir schreien, weil wir leben, aber der Schrei des Gedichts ist der Schrei, der sagt: wir lebten und leben noch. Es erschafft eine überzeitliche Dimension der Dinge.“


Diese überzeitliche Dimension der Dinge, nach ihr suchen auch manche Gedichte von Anna Breitenbach. Dort, wo sie versuchen, in die direkte Konfrontation zu gehen, können sie nur verlieren – dort bleibt das Gedicht, meiner Ansicht nach, hinter dem Leben zurück; ist ein Abklatsch, eine Nachahmung (was ja bereits Platon der Kunst vorwarf). Das Übergreifende gelingt ihr fast wie nebenbei, wenn Sie ihrem Schreiben etwas mehr Freiheit, einen noch nicht festgelegten Raum zur Verfügung stellt. Dann entsteht, hier und da, eindrückliche Lyrik.


Anna Breitenbach: Haus und Hof, Sachen, Leute. Brauchbare Gedichte. Tübingen (Klöpfer & Meyer) 2016. 176 Seiten. 18,00 Euro.

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