Ann Cotten: Verbannt! - Signaturen

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Ann Cotten: Verbannt!

Rezensionen
 



Jan Kuhlbrodt

Von der Wiederkehr des Epos

Zu Ann Cottens Versepos Verbannt!



Eins will ich vorausschicken. Verbannt! ist ein  Lesevergnügen sondergleichen. Es verlangt auch kein abgeschlossenes gesellschaftswissenschaftliches Studium, um mit Genuss und Freude gelesen zu werden; auch wenn es vollgepackt ist mit Referenzen. Es strotzt nur so vor Humor, und eher beiläufig zieht es Bildung heran. Eine Bildung die vorliegt und jedem zugänglich ist. Schließlich reist die Protagonistin mit einem Konversationslexikon von 1914, was ein unsagbarer Ballast sein muss bei über 30 Bänden, und die merkwürdigen Gestalten, die sie auf ihrer Reise ins Hegelland trifft, sind firm im Umgang mit dem Internet.

Wissen heißt wissen, wo es steht; aber Wissen heißt auch, dem Geschriebenen nicht zu vertrauen. Im Grunde, wenn auch versteckt, entwirft Cotten in ihrem rasanten Text neben einer irrwitzigen Handlung eine Poetik des Wissens, aber auch eine Poetik der Wolkenbeobachtung, des Bierbrauens, eine Dramentheorie und bietet einen kurzen Abriss des Tigers im Gedicht, was letztlich gerade für die englischsprachige Tradition naheliegend ist und hier seine Entsprechung im Deutschen sucht,  denn Cottens Tiger ist ein durchaus wildes Tier und kein Zoobewohner, der müden Augs hinter tausend Stäben herumschleicht.

 
 
 

Schlimm ist, wie die Zeit abläuft, sagte ich schon.
            Wie unerbittlich ein Problem ins nächste
sich gießt und nie zurück ins Kästchen hinterm Megaphon
            fließt ein gesagtes Wort, und sei es auch das allerschwächste
           der Argumente, vom Schaumgipfel Scham das Höchste.
Man findet lieber einen komplett irren Reim,
lässt zu, das was passiert – passieren muss – , auch wirklich kein
Schwein mehr verstehen kann, weil es nichts zu verstehen gibt,
sodass der Realismus, niemals irrig, in den Irrsinn kippt.


 
 

Vielleicht wird hier, auf Seite 44 einer der poetologischen Ausgangspunkte des Textes beschrieben, aber es ist auch eine recht realistische Beschreibung unserer sozialen Umgebung.

"Der Roman ist die Epopöe eines Zeitalters, für das die extensive Totalität des Lebens nicht mehr sinnfällig gegeben ist, für das die Lebensimmanenz des Sinnes zum Problem geworden ist, und das dennoch die Gesinnung zur Totalität hat."

Das schreibt Georg Lukács in Anlehnung an Hegel in seiner 1914 erschienenen Theorie des Romans. Der Roman also löst im Zeitalter des Kapitalismus das Epos ab als Ausdruck einer gesellschaftlichen Totalität. Viele Schreibende scheinen sich an dieses Diktum zu halten, egal ob sie Hegel oder Lukács nun kennen, gar gelesen haben, oder nicht.

 
 

Dahinter steht sicherlich ein bürgerliches Subjektivitätskonzept, das die Essenz des Bürgers im Privaten ansiedelt. Romanhafte Stoffe sind dann jene, in denen der Individualisierte Protagonist mit irgendeinem Allgemeinen in Konflikt gerät.

Was aber liegt hier, in Ann Cottens Versepos, vor? Zunächst mal ein Gedicht, das sich auf hundertsechzig Seiten streckt, von den  längeren Texten, die ich in letzter Zeit las, wohl der längste. Und Cotten benutzt zum Gedichtbau die Spenser-Strophe als Baustein. Je neun Verse mit einem vorgegebenen Reimschema. Beliebt in der englischen Romantik. Mir kam sie zuletzt unter in dem langen Klagegedicht Adonais, in dem Shelley den Tod seines Freundes Keats beweint.
In Nachschlagewerken und Verslehren wird behauptet, dass sich diese Strophe im Deutschen aufgrund der wenigen gleichlautenden Worte nicht durchgesetzt habe.

Ann Cotten beweist, dass es dennoch funktioniert, aber nur wenn man sich nicht sklavisch an die Vorgaben hält, denn sie ist Dialektikerin genug, um zu wissen, dass der Regelbruch die Regel nicht abschafft, sondern vielmehr bestätigt. Außerdem hat uns der Rap, wie ich glaube, zu einem entspannteren Verhältnis zum Reim verholfen.
In Verbannt! jedenfalls zeigt Cotten das Potential dieser Strophenform für ein langes Erzählgedicht auf. Und entwirft eben eine gesellschaftliche Totalität in der das Private sich als Illusion erwiesen hat. Somit aber erweist auch die Romanform sich als Episode und keinesfalls als der Literatenweisheit letzter Schluss oder privilegierte Erkenntnismaschine.

Cotten widerlegt letztlich Hegel, indem sie Hegelland beschreibt, nicht ohne vorher auf höchst amüsante Weise, Momente aus dessen Phänomenologie des Geistes zu referieren. Sie installiert das Epos neu und zeigt damit vielleicht, dass das, was Hegel als Produktionspol bürgerlicher Subjektivität erkannte, nämlich die Privatsphäre, längst medial formiert ist, an der Illusionsmaschinerie der Massenmedien sich ausrichtet, denn schließlich ist die Protagonistin des Ganzen Fernsehmoderatorin und wandelbar in ihrer Gestalt wie eine antike mythologische Figur.


Ann Cotten: Verbannt! Versepos. Berlin (edition suhrkamp) 2016. 168 Seiten. 16,00 Euro.

 
 
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