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Ann Cotten: Pasquill gegen Drehtüren

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Ann Cotten


Pasquill gegen Drehtüren


Über die Herstellung von Panik durch Verkomplizierung an sich einfacher und gut
funktionierender Vorgänge durch den Filter der Bürokratie unter dem Vorwand der
Ökonomie in der Maske des Systematischen



Wie ein Planetchen vor einem schwarzen Loch eiert und schaukelt die Verf. in einer
Art Panik vor Drehtüren und es kostet sie größere Überwindung, sich in deren Fänge
zu begeben, als eine Hand in einen arbeitenden Müllschlucker zu strecken. Sie ist
davon überzeugt, dass es gute Gründe für ihren Ekel gibt, keine hingegen für die
Aufstellung der Dinger, außer dem, genau diese Panik ·zu bewirken, auf einer tieferen
Ebene des Bewusstseins allerdings, wo sie im Idealfall nicht ausbricht, sondern im
Verborgenen die Schritte, die Babyschritte lenkt.

Drehtüren sind nicht nur Mittel, sondern auch Sinnbild schlechthin des Kapitalismus.
Individuen wird, um am Konsumspiel teilnehmen zu können, zur Bedingung gemacht,
sich in eine sich entweder unaufhaltsam drehende oder von ihnen selbst erst
angeschoben werden müssende Kammer zu begeben, um einen Vorgang zu
absolvieren, der in der gewöhnlichen Version des Öffnens und Schließens einer
sogenannten Anschlagtür zum Zweck des Hindurchgehens oder erst mal im
Türrahmen Verweilens – einer wichtigen Pose, in der Brecht einmal ein
halbfreundlich gemeintes Gedicht schrieb – angenehm und zügig funktioniert.
Stattdessen Paranoia. Klaustrophobie, sich und anderen auf die Fuße Treten.
Drehtüren gehören zur Tradition von Kaufhäusern, Banken, Versicherungsgebäuden
und anderen Stätten hypotropher Wirtschaftsmacht. Sie wurden am Ende des 19.
Jahrhunderts erfunden und eingeführt, als ein Kaufhaus ein Volksspektakel war. Zu
dieser Zeit hätte man das Kaufvolk auch durch stachelige Labyrinthe schicken oder
zur Spende von Körperteilen anhalten können, um eintreten zu dürfen, so begierig
waren sie auf die dort zur Schau gestellte Märchenwelt der Produkte. Man macht
sich daher von Kapitalistenseite gar keine Mühe, den Konsumenten irgendeine
Nützlichkeit oder Ökonomie, beispielsweise in der Ersparnis von Heizkosten,
vorzugaukeln. Stattdessen lebt die Drehtür noch immer von der Annahme, sie würde
als Novität, als Attraktion gar angesehen, ähnlich den „Tanzpalästen“ in  
Vergnügungsparks, in denen Menschen zur Unterhaltung ihrer Freunde durch
Maschinen in Balanceschwierigkeiten und derart zum "Tanzen" gebracht werden.

Dass die Drehtür auch die Arbeiter in Wirtschaftsmächten selbst nervt, belegt deren
Terminologie. Ein "revolving door problem“ (Peter Senge) ist ein Problem, das immer
wiederkehrt. Die Seelen spaltet, ja filetiert die Erfindung in einer anderen
metaphorischen Anwendung, um die Rotation von Positionen in Politik und Wirtschaft
zu bezeichnen, eine Schweinerei, die wir im Deutschen mit variablem
Augenaufschlag als Freunderlwirtschaft, Karussell oder Postenschacher bezeichnen
würden. Komischerweise bedingt die Kammerparanoia, die sich längst durch die
Ritzen der Logik in die Gesamtatmosphäre verflüchtigt hat, dass s ich in den
Kammern mithin eine Art Patriotismus für die Spezifizität ihrer Probleme entwickelt
hat. Je absurder und ausgefeilter die Probleme, desto stolzer kann man auf sie sein.


In Berlin erhielt am 22. Dezember 1881 H. Bockhacker das·Patent DE18349 für eine
Thür ohne Luftzug“. Man kann davon ausgehen, dass er von seinen Vorzügen
überzeugt war, obwohl das Dokument nicht durch Eloquenz besticht. Theophilus Van
Kannel brachte es in Philadelphia etwas weiter, vielleicht dank der größeren
Schubkraft seiner Begeisterung. Er zählt mehrere Vorzüge der Drehtür auf, darunter
Geräuschlosigkeit, das Bannen des Wetters, der Schutz der Angestellten in der Nähe
von Türen vor tödlichen Erkältungskrankheiten sowie die akustische Isolation. Schon   
im Patentmodell musste er jedoch die Konstruktion neutralisieren: er schlug vor, eine
der drei Flügel an Scharnieren zu befestigen, damit auch längere Gegenstände
durch die Tür befördert werden konnten. Damit räumte er im Grunde schon die
Blödsinnigkeit seiner Erfindung ein. Ärgerlich verteidigte er aber sein Patent; dem
Einwand, die „Erfindung“ sei nichts anderes als ein Drehkreuz, wie sie am Ende von
Kuhweiden gebräuchlich sind – um eben den Übergang zu behindern – entgegnete
er, der Vergleich sei wie der eines Teekessels mit dem Kessel einer
Dampflokomotive.
Die erste Drehtür der Welt wurde 1899 in einem New Yorker Restaurant am Times
Square errichtet, zehn Jahre nachdem ihr zweiter Erfinder Van Kannel mit einer
Medaille für Hilfsdienste an der Menschheit ausgezeichnet worden war. Die Medaille
wird jedes Jahr vom Franklininstitut in Philadelphia durch das eminente „Komitee
für die Wissenschaft und die Künste“, das sich in den frühen 1920er Jahren aus den
eminentesten Forschern und Erfindern der USA formierte, an eminente Forscher und   
Erfinder vergeben. Heuer konnte dank der Stiftung eines ehemaligen Mitglieds ein
Neuer Preis für ethische und nachhaltige ökonomische Praxis eingerichtet werden.

Schon Helene Druskowitz schimpft über den Reform- und Organisierungswahn ihrer
Zeit, der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert. Das Animalisch-Unermessliche an
Maschinen, deren Kraft nicht nur menschliche Maße übersteigt, sondern weit darüber
hinaus erst anfängt, in den Dimensionen eben der Naturkräfte wie Dampf, Feuer,
Wasser, Explosion, die noch im 18. Jahrhundert die Theodizee wie eine Fliege am
Kadaver aussehen ließen, muss, so die Zylinder, durch das ständig wachsame Auf-
und-ab-Gehen der Ratio in Bann gehalten werden. Das stimmt auch. So entstand die
Gewohnheit einer perpetuellen Rechnerei. In ihr findet die Panik eine hochproduktive
Form, welche fortan alles durchleuchtet. Sogar Henry Thoreau, das arme Kind,
verwendet eine Kaufmannsrhetorik, die sich buchhalterisch mit gutem Gewissen in
die Brust wirft, um in seinem Traktat über das Zurückfinden zur Natur letztere
vorzuführen.
Es werden also Quantensprünge in den Dimensionen des Möglichen gemacht, und
die Menschen fangen bibbernd an zu rechnen wie Eichhörnchen schnattern – zu
Recht! Und es ist nicht nur menschenverständlich, sondern ein notwendiger Teil der
Sache, dass der Überblick unauffindbar wird. Es sind real Probleme aufgetaucht, die
bis dahin durch materielle Einschränkung keine waren: Die Entscheidung zwischen
Moderation oder Optimierung. Schränkt die Materialität die Möglichkeiten "natürlich"
ein, kann man immer mit voller Kraft die Maximalisierung anstreben. Werden die
Möglichkeiten plötzlich um Dimensionen erweitert, muss man sich auf einmal fragen,
ob Maximierung überhaupt wünschenswert ist Der Aberglaube ist überwunden, doch
plötzlich werden die Zahlen absurd. Und man fängt an zu rechnen wie eine
Alptraumsandviper, um sich darin einzuüben.
Die zylindrische Form (des Huts, des Wachszylinders, des Zylinders als
Funkenmutter diverser Maschinenenergien, als Übertragungsbeinstrumpf, als
Batterie des Skyscrapers) löst das Konische (von Zaubererhut und Dreispitz
sowie des Kirchturms) ab. An die Stelle des sich angeschmiegt an die Notwendigkeit
Zuspitzenden, buhlend und schmeichelnd, forttretend, und sich vereinigend. tritt
mathematische Egalität, die ausschließt, was aus quantitativen Gründen nicht erfasst
wird.

So vieles wird nicht erfasst vom Zylinder! Er zeigt nirgendwo hin – er funktioniert. Er
funktioniert nicht gut, begeistert nicht. Aber er wurde ausgedacht als System, und
diese Qualität strahlt er aus. Er erweckt Vertrauen: nicht in wirkliches Funktionieren,
aber in die vorläufige Reduktion der Faktoren zu einer Anzahl, mit der man rechnen
kann. Und eine Rechnung muss man seinem Gewissen nun vorlegen, nicht ein
allumfassendes Vertrauen. Zylinder ist ein nicht so sehr vertrauenerweckender,
sondern in seiner Komplizenschaft bei der Verdrängung des Unbehagens des
Unwägbaren leicht verführerischer Zeitgenosse. Was er vorschlägt, ist ermesslich:
ein zwei Mal Augen zudrücken an entscheidenden Stellen der Rechnung. Der
Zylinder hat Schneid; er vertritt sein eigenes System mit genug Verve, um durch die
Anstrengung des Mitkommens die falsche Richtung vergessen zu lassen. Es
funktioniert nicht nur nicht gut – es ist auch noch unterhaltsam: insofern als Sie von
den Füßen gewirbelt, all dessen entblättert werden, was Sie lieben, und sich erst
mehrere Jahrzehnte lang durch die elendsten, verwirrendsten, niederträchtigsten
Schwierigkeiten sich durchkämpfen müssen, um dahin zu kommen, wo man vor dem
Umweg über Optimierung und Moderation, Exazerbation und Zügelung,
Mangelerzeugung und Mangellinderung – vormechanisch in der Laune schon war.

Der letzte Satz ist nur dann anscheinend wertkonservativer Neigung, wenn man ihn
zu allgemein versteht. Er gilt vielleicht auch nur als Provokation, als
Herausforderung, die Grenzen der Bereiche zu erkennen, wo er gilt. Die Erinnerung
an das Paradies ist in realistischer Weltbetrachtung ein Quatsch: es sei denn als die
Frage, in welchen Bereichen die Möglichkeit des Paradieses – der offenen Türen, die
zeigen. dass es Frühling ist, oder die den Winterwind bejahen, da temporär – sehr
wohl existiert, es sei denn man lässt sie sieh durch diese verfluchenswürdigen
Drehtüren wegwatschen.

(Ausschnitte in: Forum der 13, 2007 - sonst unveröffentlicht)

 
 
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