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Ann Cotten: Fast dumm

Rezensionen / Verlage



Jan Kuhlbrodt

Außer der Reihe

zu Ann Cottens Reiseessays.



Schreiben heißt wahrscheinlich zunächst, irgendetwas mit Buchstaben und Wörtern zu machen, also eine mehr oder minder sinnvolle Ordnung herzustellen, der ein Leser auf die eine oder andere Weise folgen kann. Im Nachvollzug dieser Ordnung wird im Leser etwas induziert, wie in einem Magnetfeld, in dem sich ein Leiter bewegt, Strom entsteht. Die Worte in ihrer Ordnung generieren also in mir, dem Leser, ein Empfinden oder eine Erkenntnis. Im besten Fall beides, und was dann zustande kommt, würde ich Schönheit nennen wollen. Eine Schönheit, die vom Guten im moralischen Sinn nicht getrennt ist. In diesem Punkt denke ich vormodern. Generell möchte ich weiter behaupten, dass das Medium dieses Zusammentreffens der Essay ist. Und nur ein Text, der Schönheit, Güte und Erkenntnis verbindet, kann – meiner Meinung nach – die Bezeichnung Essay beanspruchen. Alles andere sind Aufsätze, Abhandlungen, Pamphlete oder dergleichen, die unter dem Namen Essay firmieren, aber letztlich nur Aufsätze, Abhandlungen, Pamphlete oder dergleichen sind.


Ich kann nicht anders, als angesichts von Cottens Texten prinzipiell zu werden.

Und ich hänge die Messlatte hoch. Das mag eben an meiner Hochachtung vor dieser Form liegen, die letztlich über eine Integrationskraft verfügt, die sie verschiedenste andere Formen (Gattungen) in sich aufnehmen lassen kann. Der Essay schafft in sich also einen Raum für Abhandlung, Drama, Gedicht usw., aber er bleibt dabei doch Essay, und er hebt damit die Trennung von Fiction und Nonfiction auf.

Vielleicht, aber in diesem Punkt will ich mich nicht festlegen, gliedert sich die Gattung in sich noch auf, in Reiseessays beispielsweise. Vielleicht.


Schon der im Frühjahr erschienene Engstler-Band von Ann Cotten hatte mich überzeugt und gehört zum Besten, was ich in diesem Jahr gelesen habe. In seiner inneren Formenvielfalt stellte er einiges in den Schatten, was ich bisher kannte, und nebenher gestand ich mir ein, dass Ann Cotten zu einer meiner Lieblingsautorinnen geworden war.

FAST DUMM – Essays von on the road, der Band mit Reiseessays, der gerade im Verlag Starfruit erschienen ist, fällt weniger opulent aus, als das Japanbuch, fokussiert sich mehr auf politische Reflektionen und anstelle von Zeichnungen finden sich hier Fotografien. Aber auch er ist von Gedichten durchschossen. Von Übersetzungen Cottens. Majakowski und Langston Hughes beispielsweise, Dichter die ich seit meiner Schulzeit kenne. Politische Dichter. Kommunistische Dichter.

Und natürlich habe ich der Einfachheit halber und auch, weil das Buch mehr oder weniger unvermittelt in meinem Briefkasten landete, zunächst durch die Fotos geblättert, und diese Fotos haben mich dazu gebracht, das Buch gleich zu lesen, obwohl mein Schreibtisch voll liegt mit ebenfalls verlockenden Lektüren. Sie, die Fotos, changieren zwischen künstlerischer und Dokumentarfotografie, und sie lösten die Lust aus, den Text zu lesen zu beginnen. Das übrigens ist eine Sache, die die Publikationen von Starfruit insgesamt verbindet. Die Gestaltung der Bücher zwingt geradezu zur augenblicklichen Lektüre.

Die Essays dieses Bandes führen nach Moskau, in die USA, nach Mexiko und als Basis gewissermaßen nach Wien. Entsprechend dem je spezifischen Verhältnis der Autorin zu den jeweiligen Orten scheint sich die Erzählhaltung zu ändern, und auch die Orte selbst scheinen jeweils etwas auszustrahlen, das einen spezifischen Blick generiert. Man könnte meinen, das sei immer so, also bei jedem Reisebericht, denn es stößt ja immer ein vorgeprägtes Wissen (oder Scheinwissen) auf eine spezifische Situation. Aber nur in den wirklich grandiosen Reisetexten setzen sich diese beiden Pole in Bewegung und generieren etwas Drittes, das nicht mit Subjekt und Objektivität in Deckung zu bringen ist, eine Veränderung des Blickes beim Sehen.

Das gelingt nämlich immer dann, wenn beim Schreiben die eigene Erkenntnis und Identität zur Disposition gestellt wird. Hier vielleicht ist ein Beispiel angebracht. Es beschreibt eine Situation in Los Angeles:

Und zugleich passt es ins Erklärungsmuster, mit dem sich alle beschwichtigen, die sich an die Idee klammern, dass grundsätzlich alles in Ordnung sei: dass der Kapitalismus kein diffundiertes KZ sei, und auch keine strukturelle Unmöglichkeit, sondern dass jeder, den es darin nicht gut gehe, ein individuelles Problem nicht erfolgreich bekämpfe. Aber gerade, als ich vorbeigehe, spricht eine Ladenbesitzerin vertraut wie eine Freundin mit einer greisen Bettlerin, die vor ihrer Tür im Schatten sitzt: „Therese, you're scratching at your arm again.“


Und es ist die Mischung, die diese Reiseessays so grandios macht. Der vielleicht von Friedrich Engels ererbte Blick auf die sozialen Lagen, das Anthropologische eines Lévi-Strauss, aber auch ein feines Sensorium für Skurrilität. Großartiges Material jedenfalls, für das ich dankbar bin.



Ann Cotten: FAST DUMM. Essays von on the road. Fürth (starfruit publications) 2017. 248 S. 25,00 Euro.

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