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Anja Kampmann: Proben von Stein und Licht

Rezensionen



Dirk Uwe Hansen

largo con poco moto

Zu Anja Kampmann: Proben von Stein und Licht



globus

und keiner weiß wie tief der see ist
über den du schwimmst pyramiden
aus wissen und weit oben verschieben
die sterne leise ihre antworten aber
am ufer steht einer und wartet
mit einem einfachen tuch in dem das gras
noch haftet dieser tag
er hat im dunkeln die farbe von
eurer haut aber in diesen himmeln
werden raketen wieder von wärme gelenkt aber
das mit der kalten see geht niemand
was an. die grenzen fast lautlos
lecken ihre wunden im sand
aber im dunkeln steht jemand
und wartet bis du kommst.


Von den Gedichten Anja Kampmanns geht ein Sog aus, den ich nur schwer beschreiben, noch schwerer erklären kann. So werde ich mich an eine Besprechung ihres Debutbandes anschleichen müssen, indem ich wenigstens die Komponenten aufzähle, die diesen Sog ausmachen.
Da ist zunächst einmal eine Art von Kampmann-Tempo, das diese Texte von ihren Lesern fordern; man muss sie langsam lesen, am besten sogar noch etwas langsamer, um sich in den Rhythmus zu finden, den Kampmann sorgfältig mit ganz einfachen Mitteln herzustellen weiß. Dieses Tempo zu finden, machen die Gedichte uns leicht, dennoch nutzt Kampmann bisweilen extra große Spatien, um den Lesefluss noch weiter zu verlangsamen:

...
das land schlug wellen

als würde es       noch immer
an etwas schlucken
mit seinem richtungslosen hals
...,


oder sie unterbricht diesen Fluss gar mit einem unverhofften Punkt:

... tausende
graben und ziehen Linien aus Draht in die
vereiste Luft in. Die Wälder sind tief
keiner geht darin
ohne Grund
...

Überhaupt haben Punkte kaum eine syntaktische Funktion in diesen Texten (meist schließt nur ein Punkt ein Gedicht ab), Kommas fehlen ganz, und Kampmann wechselt zwischen regelgemäßer Groß- und Kleinschreibung und durchgehender Kleinschreibung hin und her. Dabei entsteht nun aber nicht der Eindruck von Willkür, vielmehr werden die gedruckten Texte, indem sie dem Auge ein langsames Fließen oder aber eine in einzelne Phrasen zerlegte Bewegung vorgeben, zu Partituren für den Leser — so sehr, dass (am stärksten ist dieser Effekt bei den Gedichten im Kapitel „Kalk”) ich sie beim Lesen am liebsten leise vor mich hin singen möchte.
Vielleicht hilft der Vergleich mit musikalischen Werken unserer Beschreibung noch weiter. Denn immer wieder finden sich erste Verse, die wie Eingangsphrasen einen Ton vorgeben und den Leser unmittelbar anziehen: „Dieser Zug wird nicht halten / wo die Sperber ihre Linien ziehen”; „wir tragen das geräusch der mäuse”; „wenn du ein frisches blaues auge hast”; „dann gibt es häuser im hinteren licht”; „die sonne kann dem mond / den rücken nicht wärmen.” Auch immer wieder zu beobachtende Wiederholungen, sei es einzelner Wörter in einem Gedicht oder einzelner Leitmotive (es findet sich zum Beispiel kaum ein Gedicht in dem Band, das nicht an irgendeiner Stelle unseren Blick zum Himmel lenkt, Wasser, Bäume tauchen immer wieder auf) lassen sich am besten als Elemente einer Gesamtkomposition verstehen, wie auch die oben zitierte Bearbeitung des Motivs von Sonne und Mond, die nicht zueinander kommen können, wirkt wie eine bearbeitete Volksliedphrase.

Natürlich braucht der Leser für diesen Band Geduld (wer die nicht hat, kann allerdings mit Gewinn immer mal wieder das eine oder andere Gedicht als Einzelstück lesen). Wenn wir diese Geduld aufbringen, können wir den Band zur Belohnung als eine Gesamtkomposition verstehen und genießen; die fünf Kapitel spielen dabei das Hauptmotiv von Mensch und Landschaft in verschiedenen Tonlagen durch — von der fremdartigen, bisweilen unwirklichen Beleuchtung in „glas” über den liebesliedartigen Ton von „kalk”, den Blick von der näheren Umgebung in „eis” zur weiteren in „salz” bis hin zu den fast klassischen Naturgedichten von „sand” —, wobei sie immer wieder auf die Tonlagen der anderen Kapitel voraus- und zurückverweisen.
Kampmann beschreibt Natur dabei weder als Idylle noch als Sehnsuchtsort. Es ist ihr vielmehr um das Verhältnis von Natur und den in ihr zu findenden Menschenspuren zu tun, und ihre Beschreibungen sind keine vor dem Motiv entstandenen Landschaftsgemälde, sie zeigen, was sie zeigen, vielmehr im Modus des Zurückblickens, der immer auch die Schichten von Geschichte (sei es eine politische, sei es eine private) sichtbar bleiben lässt.
Aber genug der unbeholfenen Beschreibung, lieber noch eines meiner liebsten Gedichte des Bandes als Beispiel:


die leeren felder
werden dampfend geschoren
es gibt keine tiere die sich noch
aus ihren verstecken wagen
nur federn nur krallen im anschlag
dann werden felder zu wüsten
übungen über dem waldsaum
ein anderer rand erdachte grenzen
das abseilen zielen ein paar springen
in gebiete die noch ohne namen sind
weiße karten die leeren felder
sind ohne tiere die kiefern
im umriss kauzige gnome
prophezeiungen von der jagd
vom ende der schonzeit
die kelle des kochs
hinterm baum hat sich
mit nadeln und erdreich gefüllt
sie war bloß liegengeblieben
in allen sprachen vergessen
feldküchen mit ihrem brodelnden
zurück hinter dem nächsten dem
nächsten waldsaum wo
die kiefern flache wurzeln
schlagen über all dem
vergesslichen sand.


Anja Kampmann: Proben von Stein und Licht. Gedichte. München (Edition Lyrik Kabinett bei Hanser) 96 Seiten. 15,90 Euro.

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