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Andreas Altmann: Die lichten Lieder der Bäume liegen im Gras und scheinen nur so

Rezensionen
 



Jayne-Ann Igel

Produktive Irritationen


Anmerkungen zu Andreas Altmann: Die lichten Lieder der Bäume liegen im Gras und scheinen nur so.



Allenthalben stößt man in Andreas Altmanns neuem Band, der sich in neun Kapitel untergliedert, wobei die Kapitelüberschriften selbst schon poetische Miniaturen darstellen, auf verlassene Stätten. Das dichterische Ich streift durch Landschaften und Waldgebiete, die ruderal, düster wirken, öfters geprägt von einer winterlichen Gestimmtheit. In diesen fragmentierten Landschafts- und Geschichtsräumen, Grenz- und Küstenregionen, wo Überreste von Einfriedungen und Gebäuden unter dem wuchernden Pflanzenwuchs kaum noch sichtbar, ist das dichterische Ich nicht zuletzt der eigenen Herkunft auf der Spur, von der im Text „der vater der heizer das kind“ in berührender Weise die Rede ist.

In Altmanns Gedichten gewinnt alles Naturgegebene Subjekthaftigkeit, durchlebt Metamorphosen, verwandelt sich an. Der Wind, die Nebel, das Licht sind die Subjekte der Veränderung: ein schwerer nebel schält die wasserhaut von den steinköpfen heißt es im Gedicht „küsteninneres“. Darin spricht sich eine Lust am Beobachten der Wandlungsfähigkeit von Dingen und Erscheinungen. So etwa, wenn in „den wölfen voraus“ erst von blütenschnee die Rede ist, der in den grünen himmel steigt, und im weiteren Verlauf von weißen lauten, in die der Schall gesungener Lieder zersprungen. Laute, die dem Blütenschnee verwandt, in der Erscheinung an ihn erinnern. Das leistet auch synästhetischer Wahrnehmung Vorschub, wie z.B. in „grenzweg“ auf Seite 10: schatten kriechen auf der verkrusteten haut an dunklen stellen die hänge hinab und kommen in einer anderen sprache zum vorschein. Eingewirkt in dieses Gewebe glimmt wie beiläufig die Erinnerung an die jüngere Geschichte auf ...

Es ist schwierig, das spezifische poetische Verfahren, das Altmann anwendet, in adäquater Weise zu würdigen, und unklar bleibt mitunter auch, auf was diese steten Perspektivverschiebungen eigentlich zielen. Wenn er vom abhanden gekommenen Schattenarm eines Baumes schreibt, so ist das eine Optik, die auf die Folgerungen eines Geschehens fokussiert, dessen subjektiven Bedeutungshorizont (dieses Astes, der Schatten spendete ...). Der Band läßt sich für mich kaum auf einen Begriff bringen, ein Grundthema, es sei denn das der permanenten Veränderlichkeit und Erneuerung von Wirklichkeit, das der Autor konsequent durchspielt.

In fast jedem der Texte sind diese überraschenden Wechsel von Perspektive oder Charakter einer Sache, Erscheinung wahrnehmbar: regen fächert bäume auf heißt es auf Seite 47, nicht etwa die Bäume oder der Wind den Regen. Das Objekt wird immer wieder zum Subjekt eines Geschehens, zudem werden wir Zeugen eines Spiels mit optischen Täuschungen bzw. spiegelt der Text selbst sie uns vor ... Es ist, als legte der Autor Bildfolien übereinander, so daß man dann die wellen im blättermeer rauschen hören resp. dies auch sehen kann. Dabei gibt ein Wort das andere, entsteht ein prozessuales Gebilde, was in todesurteil sehr gut nachzuvollziehen ist:

 
 
 

todesurteil

an den toten wird das land gerichtet.
das fallbeil ist ans blut gefroren.

das harte holz hat einen schnitt,
der rot gezogen ist, erzählt.

der schrecken der getrennten zeit
ist jedes mal am schrei erstickt.

später schoß die mörderhand
dem mörder unerwartet ins genick.

der eine starb, der andre mußte leben.
die briefe, die er stunden vor dem ende

schrieb, wurden gelesen. erst dann
kamen sie an. die schrift der hand

blieb am vollstrecker haften, ist verjährt,
mit bloßem auge nicht zu sehen.


 
 
 

Altmann nutzt den Raum auch, sein Verhältnis zur Sprache zu reflektieren, das Gedicht „farben und geräusche“ (S. 45) kann als eine Art Sprach- und Sprechbiographie, als poetisches Statement gelesen werden.

Alles wirkt in merkwürdiger Art verzaubert, die Bilder erscheinen bizarr, worauf schon der Titel des Gedichtbandes in seiner Mehrdeutigkeit einstimmt. Man mag diesen Stil magisch nennen oder auch surreal, mag von magischer Poesie sprechen, gar einem Altmann-Sound, und von letzterem mit einiger Berechtigung, denn Vergleichbares dürfte sich in der zeitgenössischen deutschsprachigen Dichtung kaum finden lassen. Manchmal wird mir allerdings bange angesichts der metaphorischen Verwindungen und Verschränkungen, die der Autor stiftet, und frage mich, ob das jeweilige Bild noch stimmig, innerer Logik geschuldet ist, wie z.B. diese Sequenz aus „küsteninneres“:


bäume brechen dem steil
hang seine gelenke aus. ein schwanenkönig liegt


auseinandergerissen auf dem harten fell.
sein federflaum nestelt den wind.


Andreas Altmann schafft in dieser Weise gewagte, zuweilen waghalsige Verknüpfungen von Bildebenen, kippende Perspektiven – jedesmal, wenn ich den Band zur Hand nehme, entdecken sich mir neue Elemente einer durchweg produktiven Irritation: erfrorene magnolienblüten brechen das licht ab. (S. 53)


Dresden, den 20. März 2014



Andreas Altmann: Die lichten Lieder der Bäume liegen im Gras und scheinen nur so. Gedichte. Leipzig (Poetenladen) 2014. 104 S., 17,80 Euro.


 
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