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André du Bouchet: (... die Lampe verdunkelt)

Münchner Anthologie

André du Bouchet




[…]
… la lampe obscurcit, j‘èteins.

          … parole

analogue à l’homme au travail dans le fosse dont la tête seule
dépasse – puis la pelle, sans un mot, affairé.


     … ce qui, transparent

dans le poème, m’aura été jour par le travers des mots, redevient
point opaque sur lequel, sans voir, j’appuie.                        jour
et sol.                             sol à nouveau dans le jour.

… à détruire ce poème, travailler.


… séparés, comme à un passage du vent s’incorpore la paroi
rêche du figuier.


… montagne – dans une nuit dont elle ne s’est détachée que de
justesse – là, comme l’ouïe.


… hirondelles sur les travées de l’herbe.

… ciel au bord de la bouche.                   mais aucune trace de ciel
dans la bouche.


(1980)

André du Bouchet

Aus: "Rapides - Schnellen"


[…]
… die Lampe verdunkelt nur, ich mache sie aus.

          … Sprache,

ihre Ähnlichkeit mit einem der im Graben neben der Straße arbei-
tet, von dem nur der Kopf herausragt – dann die Schaufel, wortlos,
geschäftig.


  … was mir, durchscheinend

im Gedicht, durch die Worte, Tag war, wird wieder undurchsichtig,
eine Stelle, auf die ich, ohne zu sehen, Druck ausübe, mich stütze.
Tag                    und Boden.                           Boden wieder im Tag.

… am Zerstören dieses Gedichts arbeiten.


… so getrennt, wie beim Hindurchgehen des Windes die rauhe
Wand des Feigenbaumes sich verkörpert.

… Berg – in einer Nacht von der er sich nur eben so abhebt – da,
wie das Gehör.

… Schwalben auf dem Fachwerk der Gräser.

… Himmel am Rand des Mundes.                   aber nicht eine Spur
Himmel im Mund.


(aus:
André du Bouchet: Bruchstücke vom Berg für die Landstraße verwendet. Gedichte und Aufzeichnungen. Ausgewählt und übertragen von Sander Ort. München (Stiftung Lyrik Kabinett) 2002. S. 174/175.)


Karin Fellner

André du Bouchet: „… die Lampe verdunkelt“

Verse wie Kragsteine, sie ragen ins Weiß des Papiers, ziehen Gräben und Berge und Gräser und Himmel auf, fernab vergnüglicher Sprachspielwiesen. Keine ‚Landschaftslyrik‘. Die von „vakanter Glut“¹ überschüttete Erde in André du Bouchets Gedichten ist oft begleitet von Gewittern, begleitet vom Gehen – „toujours contre la même route / sur nos pieds / de corde – immer gegen dieselbe Straße, / auf unsern hanfenen Sohlen“. Diese Verse nehmen mich mit ins Ablandige, ins Fehlen, zu erratischen Blöcken, in eine Sprachexistenz, die „die weit ausschreitende Stille“² mit einschließt, auch das Verbrannte, das Weiterbrennen: „Rien désaltère mon pas – nichts stillt den Durst meines Schrittes“.

Eigentlich unmöglich, ein Teilstück aus dieser poetischen Sinfonie herauszuschneiden. Die hier zitierte Seite aus André du Bouchets Zyklus „Rapides – Schnellen“ (1980) stellt sich mir seit der ersten Lektüre mit Fragen und Erhellungen quer. Warum haben gerade diese Worte die Arbeit an der „Zerstörung des Gedichts“ überlebt? Um an die verworfenen Worte zu erinnern, um in mir, der Leserin, weitere Verwerfungen zu erzeugen?
Die „Lampe“, die „verdunkelt“ – ist sie das Licht der aufklärenden Rede, die alles grell und distinkt herausstellt und durch eben dieses Ausleuchten vergessen macht, wie groß die Löschungen und Dunkelheiten jeder Rede sind? Vielleicht dass durch die Löschung dieser Lampe eine andere Wahrnehmung möglich würde, eine Wahrnehmung nicht nur des verdunkelten Raums, sondern der Bezogenheiten zwischen Hell und Dunkel, zwischen Sprechen und Schweigen.

Die verwirklichte Sprache – „parole“, nicht „langue“ – ist als Arbeiterin im Graben nie zur Gänze wahrnehmbar, mal Menschenkopf, mal Automatismus einer Schaufel: Das scheint mir sehr einleuchtend. Wenn ich das Bild dann greifen will, lässt es sich nicht wirklich fixieren. Was ist Kopf, was Schaufel – unsere Sprechbewegung zwischen bewussten Wortsetzungen und dem Mechanismus der Grammatik? Eine Art Zwangsarbeit? Wie zahlreiche andere Bilder du Bouchets will auch dieses seine Doppelgesichtigkeit erhalten, ausstellen. Wenn ich das „Fachwerk“ der Gräser mit der Grammatik gleichsetze und die darauf sitzenden „Schwalben“ mit den Worten im Gedicht – bereit, aufzufliegen? –, merke ich, dass auch das Rücklesen der Bilder auf die Sprachbewegung selbst zu kurz greift, um den Versen gerecht zu werden.

Mithilfe seiner Analogien und Paradoxa stellt André de Bouchet die Ambiguität der Sprache aus, ihre Transparenz und Undurchsichtigkeit: „jour et sol – Tag und Boden“ in jähem Kippen. Seine Verse sind kompakt und diaphan, einfach und komplex. Diese Doppelgesichtigkeit durchzieht die Bildräume, in denen es oft um Schwellen geht, um etwas, das knapp außerhalb des Zugriffs liegt – der dunkle Teil eines Raums, die Arbeiterin im Graben, der Berg in der Nacht, der Himmel am Rand des Munds. Aktivitäten wie das Löschen, das Aufstützen, das Zerstören spannen sich in Richtung der ausgesperrten Bereiche, schärfen die Feinhörigkeit für sie. Bewegung trifft Struktur, meist wird dabei die vorhandene Matrix unterwandert – etwa in einer Klangspur von „travers“ über „travailler“ bis zu „travées“ oder von „parole“ zu „paroi“. Dadurch wird etwas offengehalten, unaufdringlich, mit Nachdruck. Selbst in den elliptischen Versen ist Bewegung vorhanden, als Ruheenergie, die sich blitzend in die Lesenden entlädt. So etwa im „Berg“ und seinem Nahezu-Verschmelzen mit der Nacht.

Gerade in seinem Fast-Verschwinden wird der „Berg“ plötzlich besonders präsent, er ist da wie das „Gehör“, das existiert, auch wenn nichts zu hören ist. Eine fast mystische Präsenz, ohne Erlösungsverheißung. Ähnlich der „Himmel am Rand des Mundes“: ein Möglichkeitsraum knapp außerhalb des sichernden Zugriffs. Wie bei allen Dingen in André du Bouchets Gedichten schließt das Gegenständliche das Überschreiten des Gegenständlichen ein. Überall bleibt ein Ausgespanntsein über Schwellen und Leerstellen hinweg, über die Worte hinaus, eine Hoffnung vielleicht: „… montagne qui, reportée au-delà de la langue, éclairera en retour une face. – … der Berg, über die Sprache getragen, wird, von dort her, ein Gesicht erhellen.“
³

André du Bouchets Verse machen etwas Seltenes und Seltsames mit mir. Unentwegt bremsen sie mich aus, mit jedem auf der weißen Seite verbliebenen Wort (und seinen Schatten und Verwerfungen) kann ich Stunden verbringen. Hoch ist die Konzentration dieser Sprache, ihr Durchglühtsein von etwas nie direkt Benanntem, eine Intensität, die selten geworden ist und die – gibt man der Begegnung Zeit – sich hellauf überträgt.


¹  Du Bouchets Band „Dans la chaleur vacante“ wurde von Paul Celan ins Deutsche übersetzt und erschien 1968 unter dem Titel „Vakante Glut“.

²  Passage aus Paul Celans Gedicht „Steinschlag“.
³  Ebenfalls aus André du Bouchets Zyklus „Rapides – Schnellen“.

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