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Alina Sarkissian: Zwei Welten unter einem Dach in der Erzählung "Flattergeist"

Prosa
Alina Sarkissian
Zwei Welten unter einem Dach in der Erzählung Flattergeist
 
 

 
Manche Texte begleiten das Lesepublikum ein restliches Leben lang und fallen uns nach Jahren wieder ein. Die 1892 erschienene Kurzerzählung Flattergeist von Anton Tschechow gehört zu diesen Texten.
    Ihre Gewitztheit findet sich besonders in unauffälligen Nuancen von merkwürdigem Verhalten, Formulierungen und der Erzähltechnik.
    Themen wie Unfähigkeit zu ehrlichen, konfliktlösenden Gesprächen und die Wahrnehmung vom Talent eines stillen Menschen brachte der Autor darin in einen Kontrast zwischen der selbstgefälligen Kunstszene und dem fleißigen Medizinmilieu.
    Auffällig sind die Milieukontraste zwischen der Kunstszene, in die sich Olga Ivanovna begibt, begierig um Talentanerkennung und Bekanntschaften mit Berühmtheiten bemüht, und dem Wissenschaftsmilieu, in dem sich ihr Ehemann Osip Stepanyč Dymov als Arzt und Titularrat betätigt. Sein Fleiß wird durch seine Sprechstunden als Stationsarzt und die anschließende Sezierarbeit als Prosektor in einem zweiten Krankenhaus betont. Olga sucht demgegenüber noch ihre Kunstberufung und erprobt sich im Malen, Singen, Theaterspielen und Musizieren. Bei der Begegnung zwischen Dymov und den künstlerischen Gästen, die Olga jeden Mittwoch in ihr Haus einlädt, wirkt Dymov – trotz seiner großen Statur – unauffällig und mit seinem Namen für die Gäste nichtssagend. Um diesen Eindruck zu verstärken, führt der Autor Dymov als einen arbeitsamen, aber gewöhnlichen Arzt ein. Durch diese Erzähltechnik wird Olga und dem Lesepublikum erst am Ende klar, für welches vielversprechende, ungewöhnliche Talent ihn seine Kollegen gehalten hatten. Vorerst zieht sich Dymov in seiner bescheidenen Art aus dem Erzählfokus zurück und kündigt den Gästen bloß um halb Zwölf einen Imbiss im Esszimmer an. Demgegenüber setzt Olga ihren extrovertierten Charakter ein, um Kontakte mit Berühmtheiten zu schließen, was als ihr erfolgreichstes Talent hervorgehoben wird. Damit sind Charme und Kontaktfreude ihre geschliffensten Stärken. Dabei tauscht sie alte Bekanntschaften regelmäßig gegen neue Berühmtheiten und zeigt ihren Stolz auf den errungenen Bekanntenkreis, von dem sie sogar träumt und der für sie scheinbar einen Ersatz für ihren eigenen fehlenden Ruhm bildet. Weil sie 22 Jahre alt ist und Dymov 31, zeigt sich auch in ihrer Charakterreife im Erzählverlauf ein auffälliger Unterschied.
    Ein weiterer Charakterkontrast findet sich zwischen Dymov und Olgas Bekanntem Rjabovskij, der als Maler erfolgreich verkauft und mit dem sie eine Affäre durchlebt. Dymov wird durch den Erzähler als groß und breit, mit schwarzem Haar dargestellt, während Olga sein Gesicht mit einem bengalischen Tiger und seinen Charakter mit der Gutmütigkeit eines Hirsches gleichsetzt. Dymov lernte Olgas Vater als Kollege im gleichen Krankenhaus kennen und stand ihm durchgehend an seinem Krankenbett bei. Dymov erweist sich durch sein Verhalten tatsächlich als gutmütig bis naiv, liebend, arbeitsam und bescheiden.
    Der Erzähler stellt Rjabovskij demgegenüber als blauäugig mit blonden Locken dar und zeigt ihn bei seinen Gedanken und seinem Verhalten als empathielosen Egoisten, der mit einer romantikbeladenen Rede und einer Liebeserklärung Olga während einer Julinacht auf einem Wolgadampfer verführt und sich im September schon von ihr gelangweilt zeigt, ohne die Reife aufzubringen, ihr einen respektvollen Abschied zu geben. Olga befreit sich abschließend aus der Situation, indem sie sich nach Hause zurückzieht. Trotzdem idealisiert sie Rjabovskij, was durch ihre Unreife beeinflusst wird. Auffallend ist die Kunstsprache, die Olga und Rjabovskij miteinander teilen und nur von ihnen verstanden wird. Sein abstrakter Kommentar zu einer ihrer Malereien ist für Olga verständlich, was bedeutet, dass sie mit Rjabovskij einen kreativen Sprachcode teilt, was für Dymov unverständlich bliebe und deshalb scheinbar die Zuneigung zu ihrem Liebhaber verstärkt.
    Im Altersunterschied liegt wahrscheinlich ein Faktor, dessentwegen sich Olga im Vergleich zu Dymov als unreif erweist, indem sie statt aufrichtiger Freundschaft lieber neue Berühmtheiten zu ihren Kontakten hinzufügen will. Ihr Kommentar vor ihren Bekannten, dass sie sich erst nach Dymovs Heiratsantrag in ihn verliebt habe, zeigt ihre pragmatische Einstellung zu sozialen Beziehungen. Als Olgas Ziele werden Ruhm, Erfolg und der Wunsch nach Bewunderung erwähnt, was ihre unreifen Prioritäten bestätigt.
    Der Raumkontrast im Haus des Ehepaars ist besonders kennzeichnend für die Beziehungsdynamik. Während Dymov sich mit seinem Arbeitszimmer begnügt, überlässt er Olga die Einrichtung der übrigen Räume. Dazu füllt sie den Salon mit eigenen und fremden Malereien, einem Klavierflügel und vielen, darunter chinesischen Dekorationen, stattet das Esszimmer in einem russischen Stil und das Schlafzimmer mit Decken- und Wanddrapierungen und venezianischen Laternen aus. Indem Dymov von Olga nichts fordert, nimmt sie sich wie selbstverständlich die Räumlichkeiten, um sie nach ihrem Geschmack zu füllen, wobei sein begrenzter und ihr ausgeweiteter Raum nur kurz in die Aufmerksamkeit des Lesepublikums rücken, was durch einen Absatz vom Lob ihrer Gäste für ihr angenehmes Heim abgelöst wird. Wenn sich Olga nicht zu Hause betätigt, verbringt sie ihren Alltag im Kunstmilieu, wo sie mit ihrer Kleidung gerne zu Gesprächen anregt, wofür Dymov nachts noch Übersetzungen anfertigt, um diese bezahlen zu können. Obwohl er sich für  Kunst und Aufmachung nicht interessiert, zeigt er keine Skepsis, sondern eine offene Einstellung: „Ich verstehe nichts davon, aber nicht verstehen heißt noch nicht ablehnen“. So wie die Milieus der beiden getrennt sind, so auch ihre Räume im Haus.
    Der Verständigungskontrast bei den Charakteren liegt an ihren unterschiedlichen Persönlichkeiten. Das zeigt Dymovs Besuch im Landhaus, wo sich Olga zu Pfingsten ohne ihn, umgeben von Künstlern, aufhält. Nach zwei Wochen tritt er aus Sehnsucht nach ihr eine Zugreise an, von der er hungrig und müde ankommt, aber auf ihren Empfang warten muss. Olga erklärt ihm, dass ihr für eine am nächsten Morgen angesetzte Hochzeit die passende Bekleidung fehlen würde und er zurückfahren müsse, um aus ihrer Garderobe ein rosa Kleid mit Blumenschmuck zu holen und Handschuhe zu kaufen. Statt dass der von Hunger und Müdigkeit geplagte Dymov darauf besteht, dass Olga, wenn sie sich zum Ankleiden vorbereiten will, selbst mit dem Zug in ihr Stadthaus fahren soll, begnügt er sich mit einem hastig eingenommenen Tee und einem Kringel als Proviant, um den nächsten Zug zu erwischen. Das wäre für ihn eine ideale Situation gewesen, um seine von Olga als selbstverständlich wahrgenommenen Gutmütigkeit zu konterkarieren und ihre geistige Reife durch eine Verweigerung zu beschleunigen. Rücksichtnahme einzufordern erweist sich für Dymov aber als beschwerlich, und er will lieber Harmonie bewahren, statt eigene Bedürfnisse zu äußern.
    Im Kontrast zu ihm nimmt Olga bei der Dampferfahrt Rjabovskij als Genie und Auserwählten wahr, wodurch sie diesen idealisiert, ohne dessen Arroganz, dessen Gleichgültigkeit gegenüber dem Ehebruch und dessen Ausnutzung ihrer Kreativität zu bemerken. Seine wahren Gedanken zeigen seine Überheblichkeit gegenüber einer Welt, die er nur als dumm wahrnimmt, während er sich im Selbsthass eingesteht, kein Talent und sich längst verausgabt zu haben. In Laufe der Erzählung erwähnt er oft seine Müdigkeit, für die es keine offensichtliche Quelle gibt. Zuerst siezt er Olga höflich, aber nach einiger Zeit gelangweilt, duzt er sie und macht ihr damit indirekt seinen Respektmangel deutlich. Der Erzähler nennt sie mit Vor- und Nachnamen. Ihrem Liebhaber gibt sie den Spitznamen Rjabuša und lobt ihn bis zum Abschied, bei dem er sie zu Hause küsst, um sie nicht vor dem Dampfer öffentlich küssen zu müssen.
    Für die Affäre schämt sie sich so, dass sie trotz ihrer extrovertierten Art Dymov nichts eingestehen kann. Bis zur Wintermitte hat Dymov den Vorfall verstanden, kann aber seine Ehefrau weder damit konfrontieren, noch ihren Blick erwidern. Olga bekommt den Eindruck, beide Männer verloren zu haben, weshalb sie anfängt, Rjabovskij zu verfolgen und ihm einen Erpressungsbrief schreibt, der ihn zu einem Mittagessen bei ihr zwingt. Bei diesem Essen wird durch seine Kommentare und seinen Respektmangel den Gastgebern gegenüber Dymov und dem anwesenden Kollegen Korostelëv die Affäre klar. In ihrem Verhalten zeigen Rjabovskij und Olga ihre toxischen Charaktere: Er nutzt ihre Beratung aus, um - ohne Dank oder auch nur Erwähnung ihrer Unterstützung - mit seinen neuen Arbeiten, die er für eine Ausstellung vorbereitet, im Atelier anzugeben. Sie aber hält ihren Einfluss für so wichtig, dass sie vermutet, er brauche sie dringend zur Kreativität. Egoismus, Arroganz und Ausnutzerei verbindet der Autor unaufdringlich mit dem Kunstmilieu.
    Dymov tröstet Olga nach dem unangenehmen Mittagessen, indem er zum ersten Mal die Situation anspricht, ohne deutlich zu werden: „Darüber muss man schweigen … Man muss sich nichts anmerken lassen …“ Mit seinem tröstenden und würdevollen Verhalten beweist er seine charakterliche Größe. Olga fühlt sich aber aufgrund ihres belasteten Gewissens von Dymovs Duldsamkeit in die Enge getrieben. Seitdem zieht er sich mit noch fleißigerer Arbeit zurück, schläft weniger und bekommt Kopfschmerzen. Währenddessen bringt Olga eine neue Studie zu Rjabovskijs Atelier, um seine Meinung – als Vorwand für ein Treffen – einzuholen, bei dem sie aber seine neue Affäre bemerkt, beim Versuch sich genau dort zu verstecken, wo Olga sich vorher versteckt hatte. Sich eingestehen zu müssen, ersetzt worden zu sein, schmerzt Olga diese Demütigung und Geringschätzung. Verstärkt wird dies durch seine passiv-aggressive Beleidigung, dass sie keine Malerin, sondern eine Musikerin sei. Als er seinem Diener aufträgt, Tee herzurichten, läuft sie davon und fühlt sich von ihm befreit, was ihr toxisches Verhältnis betont.
    Dabei weiß sie nicht, dass sie die letzte Möglichkeit zur Eherettung versäumt hat. Als Dymov ihr im Frack erklärt, seine Dissertation erfolgreich verteidigt und eine Privatdozentur für allgemeine Pathologie als Berufsaussicht zu haben, versteht sie diese Nachrichten nicht und schweigt, was in Dymov eine Distanz zu Olga hervorruft, obwohl er ihr alles verziehen hätte, hätte sie seinen Erfolg wertgeschätzt. Stattdessen bereitet sie sich für eine Theatervorstellung vor, während er belastet lächelt und hinausgeht. Das Versagen von Kommunikation scheint in dieser Situation bei beiden zu liegen: Olga versteht seine Position nicht, hätte aber nachfragen und zumindest ihre Anerkennung für seine Leistung ausdrücken können. Dymov hätte ihr die Wichtigkeit seines Erfolgs verdeutlichen und sie zu einem feierlichen Abend zu zweit einladen können, statt sie ins Theater zu entlassen. Sein Harmoniebedürfnis überlagert seine Gesprächsfähigkeit, sodass er seine Gefühle, die ihn insgeheim bedrücken, aufgestaut belässt, statt sich durch ein ehrliches Gespräch zu entlasten. Bedürfnisse oder Unbehagen klar anzusprechen, wirkt für beide wie eine Bürde, und darin gleichen sie sich.
    Dymov benutzt aber als Ausdruck einen gefährlichen Ersatz: Manchmal infiziert er sich bei seiner Arbeit im Krankenhaus. Das erste Mal mit Rose, weshalb er sein Haar abschneiden und sechs Tage im Bett bleiben muss. Drei Tage nach seinem Arbeitsbeginn schneidet er sich beim Sezieren in die Finger. Abschließend infiziert er sich mit Diphtherie, weil er von einem Jungen dessen Diphtheriebelag mit einem Röhrchen absaugt. Erst mit der Erklärung von Dymovs Kollegen Korostelëv, der Olga verachtet, was für ein außergewöhnliches, von seiner Kollegschaft bewundertes Talent Dymov sei, versteht Olga ihre Fehleinschätzung und läuft in sein Krankenzimmer, wo er, obwohl er schon im Sterben liegt, lächelt, was eine merkwürdige Eigenschaft von ihm ist, auch unter schweren Bürden zu lächeln. Ihren Abstieg kann sie nach Dymovs Tod nicht verhindern, derweil im Salon Korostelëv einer Hausangestellten die Anweisung gibt, nachzufragen, wo die Armenhäuslerinnen wohnen, was Olgas Zukunft klärt. Ob Dymov nur unvorsichtig gearbeitet oder sich mit Absicht angesteckt hat, bleibt verdächtig offen.
    Schließlich liegt das Ungesagte zwischen Olga und Dymov verloren im Textraum, mit dem sich das Lesepublikum aber weniger als Olga Ivanovna quälen wird.


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