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Alexandru Bulucz: Am kritischen Faden der Seide

Diskurs / Poetik > Diskurse



Alexandru Bulucz


Am kritischen Faden der Seide



Auch wenn Tristan Marquardts praktischen Schlüssen in weiten Teilen zuzustimmen ist, ist ihm dort entschieden zu widersprechen, von wo aus er sie zieht. Gefördert soll ihm zufolge eine Kritik werden, die sich „als anspruchsvolle Dienstleistung im Wortsinn“ und als „Dienst an der Leser*innenschaft“ versteht. Was „im Wortsinn“ wirklich heißt, sei dahingestellt. Es geht um den Dienstleistungsgedanken in der Literatur und ihrem Betrieb, einen Gedanken, der spätestens seit 1624, dem Erscheinungsjahr des Buchs von der deutschen Poetery von Martin Opitz, kursiert. Zugespitzt gesagt: Mit dem Aufkommen der Regelpoetiken fing der Schriftsteller an, sich an ihnen zu orientieren und nach ihnen oder in Abgrenzung zu ihnen zu schreiben. Er stand mehr oder weniger in deren Dienst. Die Orientierung des Schriftstellers an Regelpoetiken kulminierte im Verfassen erster Literaturgeschichten im 19. Jahrhundert. Die verbindlichen Regelpoetiken waren der Anlass dazu, sie erleichterten die Epocheneinteilungen. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts nimmt die Orientierung des Schriftstellers an Regelpoetiken ab, diese werden immer rarer und die Epocheneinteilungen immer schwieriger. (Eine latente Tendenz, sich als Schriftsteller an maßgeblichen Kritikern zu orientieren, besteht weiterhin.)

    Marquardt kehrt dieses Verhältnis um und vervollständigt die Dialektik des Dienstleistungsgedankens: Stand der Schriftsteller noch im Dienst des Poetologen (des Kritikers), steht dieser jetzt im Dienst von jenem (und des Lesenden). Es überrascht nicht, dass dieser uralte Dienstleistungsgedanke wiederauftaucht, wenn die Karriere näher betrachtet wird, die er gemacht hat. Ihm ist aber in jeder Hinsicht und Abstufung entgegenzutreten.

    Der Ausgang des Kritikers ist sein mitgebrachtes Literaturverständnis. Einzig und allein das. Sein Literaturverständnis macht die Maßstäbe seiner Kritik aus. Das ist die Selbstermächtigung des Kritikers. Er macht sich selbst zum Maßstab der Literatur und ist in diesem Sinne ein Despot. (Von den despotischen Zügen des Kritikers zeugt nicht zuletzt die nicht mehr so kritische Gefolgschaft eines Karl Kraus.) Aber in jeder Kritik, die er schreibt, stellt er seine mitgebrachten Maßstäbe aufs Spiel, denn er erprobt sie an dem, was ihm als Literatur vorliegt. Die zu kritisierende Literatur hat für ihn eine regulative Funktion. Dabei geht es ihm einzig und allein um sich selber. Er ist ein Egomane, der auf Erkenntnis und (existenziell gesprochen) Selbsterkenntnis aus ist. Aber sein Horizont, sein literaturkritisches Bewusstsein, ist in einer ständigen Modifikation und Erweiterung begriffen. Das hat mit Dienstleistung nichts zu tun. Wenn der Kritikleser damit etwas anfangen kann, ist das selbstverständlich erfreulich.

    Die erkenntnisbedingte Selbstzentriertheit des Kritikers sprengt Marquardts Argumente gegen die von den zu rezensierenden Schriftstellern nicht unabhängige Rezensentengruppe. Er verklärt Kritik zu einem Daumenhoch-Daumenrunter-Komplex. Der Kritiker ist allein der Dienstleister seiner selbst. Er will verstehen, formal wie inhaltlich, was ihm vorliegt. Er hält seine literaturkritischen Maßstäbe in dieses neue Verständnis hinein, das auf sie eine kathartische Wirkung hat: Seine Maßstäbe werden geschärft. Wenn der Kritiker das tut, dann ist es vollkommen egal, wen er rezensiert, denn es geht ihm nicht um ein Daumenhoch oder Daumenrunter. Wer dieses einfache Verständnis von Kritik hat und dabei einen befreundeten Schriftsteller rezensiert, möchte dem Freund natürlich kein Daumenrunter erteilen. Das wäre ein Freundschaftsdienst. Für die Kritik als Erkenntnis dagegen sind die Däumlinge ein Nachtrag, den sie nicht nötig hat.

    Der Rezensent ist der kritische Faden zwischen Literatur und Literaturerkenntnis und, wenn man so will, zwischen Schöpfung des Werks und Erlösung des Werks durch seine Erkenntnis: Das ist der ganze Gedanke in Benjamins „Aufgabe des Übersetzers“. Der Kritiker ist der Übersetzer. Er übersetzt ein Werk, weil es weltweit nur eine Kopie dieses Werks gibt und er es an den Autor zurückgeben muss. Die „Gefahr aller Übersetzung: daß die Tore einer so erweiterten und durchwalteten Sprache zufallen und den Übersetzer ins Schweigen schließen. Die Sophokles-Übersetzungen waren Hölderlins letztes Werk. In ihnen stürzt der Sinn von Abgrund zu Abgrund, bis er droht in bodenlosen Sprachtiefen sich zu verlieren.“ Wenn selbst dem Übersetzer droht, durch seine Übersetzung ins Schweigen zu stürzen, ist er nicht einmal Dienstleister seiner selbst. Aber diese übersetzende Kritik wäre das Ziel. „Denn kein Gedicht gilt dem Leser, kein Bild dem Beschauer, keine Symphonie der Hörerschaft“ und niemandem außer dem Kritiker selbst die Kritik.

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