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Alexander Graeff: Kebehsenuf

Rezensionen



Jayne-Ann Igel

„Ich suche das Sein“

Anmerkungen zu Alexander Graeff: Kebehsenuf


In der Erzählung „Ein kleines Tonstück mit Fernando und Heinrich in Griechenland“ werden wir Zeugen der fiktiven Begegnung eines Schriftstellers mit dem Geist eines Schriftstellerkollegen im Jahre 1939. Man muß nicht lange rätseln, um herauszufinden, daß sich hinter diesen Figuren, die als Heinrich und Fernando eingeführt werden, Heinrich Mann und Fernando Pessoa verbergen. Dieses Stück erscheint als brillantes Spiel mit den zivilisatorischen Insignien einer auf sich selbst zurückgeworfenen Menschheit. Die sich nicht weit genug entfernt hat von ihren tierischen Ursprüngen; von Tiermenschen und einer Tierhochzeit ist in diesem Stück wiederholt die Rede, und vom Unaufgehobensein. Heinrich Mann fristete zu dieser Zeit längst schon die überaus fragile Existenz eines Emigrantenlebens, und wer nur etwas politisches Gespür aufbrachte, konnte die bevorstehende Katastrophe erahnen. Fernando Pessoa wiederum war zu diesem Zeitpunkt bereits tot. Am Beispiel dieser hintersinnigen Zwiesprache des Heinrich mit einer Art Zeitgeist, in der es nicht zuletzt um die Sinnhaftigkeit der menschlichen Existenz geht, wird deutlich, dass Alexander Graeff mit Erzähltechniken wie Sujets an verschüttete literarische Traditionen der Vorkriegs-Moderne anknüpft, und das nicht nur, indem er sich etwa auf historisch verbürgte Personen bezieht oder Jahreszahlen einfließen läßt, die per se schon mit Bedeutung aufgeladen sind. Graeffs Texte sind auch als Reaktion auf laufende gesellschaftliche Diskurse zu lesen, als Reaktion auf eine Gegenwart, in der Gewißheiten im Schwinden begriffen, gesellschaftliche Übereinkünfte erodieren, sich viele fragen, welchen Sinn ihr Leben hat oder ob überhaupt einen, und in der es andernseits viel zu viele Dinge gibt, die Sinn machen. In der Abhörskandale, Manipulationen der Öffentlichkeit und Versuche, im Namen der Terrorbekämpfung errungene bürgerliche Freiheiten zu beschneiden, an der Tagesordnung sind. Das alles muß mitgedacht, im Hinterkopf behalten werden, wenn man sich auf Graeffs Geschichten einläßt. Dabei eignet ihm so gar nichts von einem Autor, der sich den Lesern gegenüber im Vorteil wähnt, sich einbildet, ihnen irgendetwas voraus zu haben. Wie souverän er mit den Mitteln umgeht, läßt sich in jeder der Erzählungen beobachten.

So kolportiert und ironisiert Graeff gleichzeitig die Rolle des auktorialen Erzählers, indem er immer wieder aus ihr heraustritt, sie durchbricht, wie etwa in „In Prag“, wo er sich unvermittelt in einem sehr poetisch gehaltenen Zusatz zum Text als lyrisches Subjekt des Textes geriert, in der Ich-Form spricht. Und man kann zudem den Eindruck gewinnen, in diesem Augenblick Zeuge der Demaskierung oder besser Dekonstruktion des Fiktionalen selbst zu werden. Aber auch in der Titelerzählung schafft der Autor unvermittelt eine (selbst-) ironische Distanz zum Stoff, katapultiert er uns für einige Zeilen aus der Geschichte, dieser Illusion von Gegenwart und Unmittelbarkeit, wie sie der erzählerische Gestus zu erzeugen vermag. Diese Brüche gehören neben einer inneren Verunsicherung der Figuren oder des erzählerischen Ich zum Grundton dieser Texte.


Die Erzählungen wirken in einer gewissen Weise reduziert, sie „beschreiben“ nicht, es ist, als habe man bruchstückhaft überlieferte Texte vor sich, die aber aus der Reduktion heraus Intensität und Kraft entwickeln. Die Figuren erscheinen zu Charakteren komprimiert, die mal mit weisem, mal mit fragendem Blick die Wirklichkeit reflektieren.

Graeffs Figuren befinden sich auf Sinnsuche, versuchen sich neu zu begründen, weil die überkommenen Sicherheiten perdue. Da, wo die Familie kaum noch Schutz- oder Rückzugsraum ist, Kommunikation zumeist anderswo statthat – ich spreche hier bewußt von Kommunikation, im Sinne von sich etwas mitzuteilen, denn Gespräche, die ungeteilte Aufmerksamkeit zur Grundvoraussetzung haben, sind heute beinahe schon eine Ausnahmeerscheinung. Die Sehnsucht nach Sinnhaftigkeit, Selbstvergewisserung, nach einem Anker im Gegenwärtigen, Zukünftigen oder Vergangenen treibt Graeffs Figuren an. Die Suche danach geht mit dem Verlust von Gewißheiten einher, setzt die Aufgabe überkommener Sicherheiten voraus. Ganz gleich, ob wir Lili in der Eingangserzählung beobachten, im Versuch zu ergründen, was das Leben des toten Bruders bestimmte, wobei sie nicht nur keinerlei Unterstützung seitens der Familie erfährt, sondern sich mit deren schweigender Übereinkunft konfrontiert sieht. Oder ob wir Adriana nach Prag folgen (schon der Stadtname, der ein Übermaß an kultureller Überlieferung assoziiert), wo sie bestrebt, sich neu zu verorten, zu finden und in sinnfälliger Weise Bekanntschaft mit einem gewissen Herrn Lehmann schließt, der aus einer weit zurückliegenden Zeit zu stammen scheint. Wer denkt da nicht an den ersten Menschen aus der biblichen Schöpfungsgeschichte oder jenes alchemistische Lehmgeschöpf aus der Literatur, das sich verselbständigte und die Stadt unsicher machte. Wobei der Name dieses Wesens tatsächlich in der Erzählung auftaucht, nur daß, wie uns der Autor aus dem Mund des Herrn Lehmann wissen läßt, in der jüdischen Überlieferung als Golem eine Frau bezeichnet wird, die noch kein Kind empfangen hat, als unfertig gilt. Und es ist überaus lohnend, diesem Diskurs zwischen der sehr selbstbewußten Protagonistin und jenem Herrn zu folgen.

Die Leere, die der Welt, der Dinge wie die eigene, die Sinnentleerung, und antithetisch dazu die Fülle bilden ein zentrales Motiv in Graeffs Erzählungen. Das wird mal lebensphilosophisch und indirekt verhandelt („In Prag“), mal bestimmt es vorrangig das Lebensgefühl („Urlauber“). Immer in Gesellschaft anderer zu sein, leert die Sinne. Und nicht nur die Sinne, es leert die Welt, zeigt, dass die Dinge nur scheinen, nicht sind notiert sich der im Grunde einzelgängerische Urlaubs-Tagebuchschreiber (S. 72). Und am Tage der Abreise vom Urlaubsort resümiert er: Trugbilder der Fülle bei gleichzeitiger Entleerung der Dinge. Mittelbar scheint das Motiv auch in der Erzählung „Schlaf mich weg“ auf – einer Absage an eine übersättigte, an der Banalität wie Crux des Wachstums-Mythos orientierten und sich klammernden Welt. Denn da, wo Fülle oder Übersättigung herrschen, harrt im Grunde oft auch nur wieder Leere ...

Die erste und die letzte Erzählung bilden eine Klammer, und das nicht nur, weil sie den Anfang und das Ende dieses dramaturgisch hervorragend komponierten Bandes markieren. Sondern auch hinsichtlich des Personals – rätselhaft finden wir in der ersten Erzählung einen gewissen Dr. Johannes Putlitz zitiert, im letzten Text trägt der Hund einer der Figuren diesen Namen. Und in beiden Texten ist z.B. von Adam die Rede, von jenem, der sich in der Titelerzählung das Leben genommen und verschiedentlich als Vater, Sohn, Bruder, Gott oder Narr tituliert wird. Es ist, als würde im „Dialog in einem Zug nach Warschau“ der Faden vom Anfang wieder aufgenommen, das Ganze ins rechte Licht gerückt bzw. neu verhandelt. Und möglicherweise handelt es sich bei der Person am Abteilfenster vielleicht doch um jene Lili, die im Eingangstext als Adressatin der nachgelassenen Briefe des Bruders fungiert, für den sie den besseren Teil der Welt vorstellte. Lili = Lilith (jener erste und von Gott verworfene weibliche Lehmgestalt)? Überhaupt wirken Personnage wie Sujet mancher der Texte in eigenartiger Weise archaisch, das trifft beispielsweise auf „Kebehsenuf“ wie „In Prag“ gleichermaßen zu.

Ich suche das Sein, für’s Werden hab’ ich keine Zeit
(S. 96) läßt der Autor den Schriftsteller Heinrich sagen, das könnte ein Motto sein für das, was in diesen Erzählungen auf subtile Art zum Vorschein kommt, und zudem charakterisiert es fabelhaft die Verhältnisse in unserer Zeit.


Dresden, Juni 2014

Alexander Graeff: Kebehsenuf. Erzählungen. Berlin (Verlagshaus J. Frank) 2014. 120 Seiten. 13,90 Euro.

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