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Albert Ostermaier: Außer mir

Rezensionen



Mario Osterland


Alles beim Alten

Albert Ostermaiers neuer Gedichtband „Außer mir“



Es sind fast zehn Jahre vergangen, seit dem ich die Bände Heartcore und Autokino von Albert Ostermaier gelesen habe. Neulich habe ich sie wieder einmal durchgeblättert und festgestellt, dass sie im Grunde wie eine Lieblingsband aus Jugendjahren sind. Man weiß genau, warum man sie früher mochte, kann sich aber heute nicht mehr damit identifizieren. Die Lyrik des Münchners ist unverkennbar. Die meist einstrophige Textform wurde seit den ersten Bänden kaum verändert, durch die lässige Coolness der Sprache wahlweise zur Perfektion oder zur kalkulierten Routine gebracht. Es gibt einen Ostermaier-Sound, das ist nicht die Frage. Die Frage lautet: Was gibt der Ostermaier-Sound noch her?

Außer mir heißt der neue Gedichtband des Autors, der mit acht Kapiteln auf knapp 200 Seiten sein bisher umfangreichster sein dürfte. Und beinahe hätte es auch der abwechslungsreichste sein können. Doch Ostermaier wagt in diesem Band gewohnt wenig. Überdeutlich wird das vor allem im ersten Kapitel oder Zyklus mit dem Titel Außer dir, der leider so wirkt, als stünden Ostermaiers Uhren seit Jahren still. Inhaltlich dreht sich alles um sein Lieblingsthema Liebe, das aufgrund der Wortwahl des Autors manchmal auch als Herzschmerz bezeichnet werden kann. Einzelne überzeugende Bilder wie „steck mir die rote/ starthilfeklemme aufs herz“ oder „als/ er mich das erste mal berührte/ fielen seine fingerspitzen wie/ wachs auf meine brüste“ gehen viel zu leicht unter zwischen Versen, deren Alliterationen und Binnenreime bisweilen an ungelenken Freestyle-Rap erinnern. „scheinheilig in meinen teufels/ namen pappt mit pattex pinke/ latexflügelspitzen dir auf den/ engelsrücken über sieben brücken/ muss ich gehen“

Bedeutend ansprechender werden Ostermaiers Verse, wenn aufgrund wechselnder Thematiken auch der gewohnte Ton variiert wird. So geschehen in dem Gedicht Sexus, aus dem Kapitel Kerosin, in dem unter anderem Filmklassiker reflektiert werden. „es muss ein donnerstagabend/ gewesen sein die ubahnen liefen/ leer durch die schächte flogen/ vorbei an schreienden/ plakatwänden ein zerbeultes/ saxophon auf den fliesen/ liegengelassen“. Zwar tritt hier das Spielerische der Sprache hinter einen eher prosaischen Ton zurück, doch wirkt der kühle Sound des Jazzage hier sehr überzeugend.

Noch auffälliger ist der Wechsel der Tonlage im Kapitel Ein Pfund Fleisch, das sich mit Shakespeares Der Kaufman von Venedig auseinandersetzt. Hier gelingt eine Verdichtung, die Ostermaier leider viel zu selten anstrebt, wodurch seine Gedichte allzu oft in einen coolen, aber belanglosen Plauderton verfallen. Nicht so im Gedicht federgewicht (portia):

mein wort drauf mein
schmächtiger körper ist
dieser gewaltigen welt
überdrüssig sie schneidet
mir ins fleisch ich lache
aber die nadel in meinem
haar gibt den gedanken
einen stich unter meiner
kopfhaut in der du nicht
stecken möchtest wenn
du mich lieben willst zwei
brüste habe ich aber drei
kästchen drücken darunter
wer mein herz will muss
es finden will ers vergolden
oder versilbern oder ist es
mir gleich schwer wie blei
weil gerade ein pfund
fleisch mir dort fehlt wo
nicht als ein abgrund
wartet in den du dich
stürtzen wirst mit deinem


So richtig dringlich, so vollends überzeugend wird es dann aber doch nur einmal, wenn Ostermaier im Kapitel Unter uns, ein Familienalbum zu Tennessee Williams‘ Die Katze auf dem heißen Blechdach, Big Daddy, das sterbende Oberhaupt der Familie Pollitt, zu Wort kommen lässt: „jetzt mache ich die fäuste auf/ und das blut schiesst zurück in/ die finger ich fasse die dinge mit/ leichter hand an ihr drückt mir/ nicht die augen zu“

Es ist nicht nur Stolz, sondern auch eine gehörige Portion Trotz, die aus diesen Zeilen spricht. Es wäre zu einfach, sie direkt auf den Autor zu projizieren. Dennoch lässt sich darüber, wie über den gesamten Band, sagen: Es ist ein echter Ostermaier. Wer ihn mag, wird seine Freude daran haben. Wer der Abgeklärtheit des Münchners schon immer misstraute, wird durch Außer mir jedoch auch nicht mehr zum Fan.



Albert Ostermaier: Außer mir. Gedichte. Berlin (Suhrkamp) 2014. 198 Seiten. 21,95 Euro.

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