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Alban Nikolai Herbst: Aeolia

Rezensionen / Verlage


Timo Brandt

Durchflutetes Zelebrieren


„Dies ist die Befreiung auf Reisen,
wenn man allein ist mit der Erscheinung

und selbst der banalste Satz im Café
Ton wird, bedeutungsfrei Klang,
der Bläue des Meers fast gleich,
das grau ist und nicht als Zitat,
wenn wir sie nennen“

Alban Nikolai Herbsts Langgedicht „Aeolia“, das im Titel als „Gesang“ bezeichnet wird (wohl auch als Referenz an den zehnten Gesang der Odyssee, in dem Odysseus von Aiolos, dem Herrn und Gott der Winde, einen Zauberschlauch mit Winden aus allen Himmelsrichtungen bekommt, außer dem günstigen West, mit dem Odysseus davonfährt, bald darauf Ithaka schon nah, als seine Begleiter den Schlauch öffnen und sie im anschließenden Sturm wieder an Aiolos‘ Strand zurückgeworfen werden), entstand 2007 auf Stromboli, das zu den Äolischen Inseln gehört (die ein Stück oberhalb von Sizilien liegen) und wo ein aktiver Vulkan beheimatet ist.

Gesang ist tatsächlich keine schlechte Beschreibung für die mäandernde und vielfältige Struktur dieses Textes. Das Buch ist im Querformat gehalten und der Text ist jeweils, in verschiedensten Erscheinungsformen, über die Seiten verstreut – es gibt Textblöcke, Fließtext, immer wieder Strophen mit Binnen- und Endreimen, ausufernde freie Rhythmen, dann wieder kargere, an sapphische Fragmente erinnernde Verse (später gibt es sogar ein kleines Intermezzo mit einzeln betitelten Liedern).

„Liegst da, du Igel|seele, und hörtest ihn lange nicht mehr den | Hymnos auf Kraft, die erzeugt und die Welt schafft, die rücksichtenlose, || hungrige, lustvolle Welt, sensationsreich und grausam beglückt“

Der Ton des Ganzen ist ebenfalls nicht einheitlich, hat aber immer wieder etwas Hymnisches und Episches, was Herbst aber nicht daran hindert, beschauliche und profane Nuancen einzuflechten und leichte bis schwerere Brechungen vorzu-nehmen. Besonders das Beschauliche kommt immer wieder durch, wenn Eindrucksbahnen, von landschaftlichen Deduk-tionen bis zu philosophischen Capricen, geschildert oder besser gesagt: dargeboten werden.

Es entsteht aber nicht nur ein Bild der Umgebung, sondern auch das Bild eines Ichs in allen Zügen. Erotische Anwandlungen, Erinnerungen, Regungen, entkörperlichte Erfahrungen, Bezeichnungen, von außen und von innen herangetragen – im Strudel des Textes kommt dies alles zum Vorschein, wird manchmal vertieft, erforscht, und manchmal nicht.

„So lag der Mann allein, lag auf ein Kurzes dösend
unter den dünnen Laken Ein Knäul das Plaid zu groben Füßen
war eine aufgewühlte graue See, die sich erstarrt
in Wolle hatte“

„Aeolia“ ist immer wieder auch ein Minenfeld und ein Mienenspiel. Mal scheint sich der Text zu legen, wie das Ende eines Sturms, aber dann gibt es wieder Böen, Detonationen: olfaktorische, gedankliche, visuelle, die nicht direkt enthemmt, aber doch heftig über die Leser*innen hereinbrechen können. Und eine Geste oder ein Augenblick kann für das lyrische Ich zur Miene einer größeren, fast schon ewigen Idee werden, die ausgewälzt und ausgebreitet wird, unter der Sonne, die morgendlich, hell - oder spätabendlich, auf alles herabzufallen scheint, es durchdringt und transzendiert.

Sprachlich zieht Herbst zwar alle Register, müsste sich aber hier und da sicherlich den Vorwurf des überzogenen Manierismus gefallen lassen, selbst wenn die Kunstfertigkeit seiner Sprache eigentlich immer eine ihr innewohnende Nachhaltigkeit mit sich führt. Am besten gefallen haben mir seine Lautmalereien und seine fast schon wie Eskapaden wirkenden Reime (Binnen- oder End-), wenn sie sich ganz unverhofft einschalten, sodass nicht nur ein großer Atem, sondern zusätzlich noch eine gewisse Verspieltheit diesen großen Gesang dirigiert.

„Wie friedvoll die Küsten
heute nun klätscheln! Als ob sie nicht wüssten“

Die Sehnsucht nach einem Mittelpunkt der Welt, in dem alles klar wird, liegt in diesem Text. Und in gewissem Sinne zeigt er mal wieder, dass der Mittelpunkt der Welt (und des Lebens) überall und nirgendwo ist. Also auch auf einer Insel mit knapp 500 Bewohnern.

Ein Thema, das eher am Rande mitschwingt, ist das Alter. Empedokles wird erwähnt, der der Legende nach (die sich hartnäckig hält) im Alter in den Ätna gesprungen sein soll, und auch die Geschichte eines 61jährigen Touristen aus Berlin, der vor einigen Jahren in den Stromboli-Vulkan fiel oder sprang. Herbsts Text kreist zwar nicht direkt um das Alter, wirft aber Fragen und Ängste auf, die etwas mit dem Alter zu tun haben.

„fragt den Mittag nicht, der im Abend während
um den Vulkan flirrt Wie erfroren die unzerrissne Kulisse
Keines Hand schiebt sie Kein Atem pustet am Pizzo hinein
purpurn in Blau, von Karmesin meliert zu Grau
der Allerheiligste Vorhang aus Rauch,“

Die analysierende Dichte mancher Formulierungen (manchmal nur eines Adjektivs oder Verbs, das eine ganze Strophe mit seiner Anregung durchdringt), das schiere Übermaß an Tiefsinnigkeit und gleichsam der Überfluss an Eindrucksfülle – „Aeolia“ ist ganz gewiss kein leichter Packen, keine leichte Lektüre und hat seine Macken, ebenso seine Vorzüge.

Wen aber das Hymnische reizt, sowohl das breite, als auch das verknappte, fast schon bescheiden Hymnische, dem wird sich wohl hier ein erfreulicher Kosmos öffnen. Der Text schwingt sich immer wieder auf, hat etwas Unbezähmbares, bleibt aber doch, wie bereits erwähnt, beschaulich, überschlägt sich trotz gewagter Sprachlichkeit nur selten. Und bricht nicht zuletzt in kleinen Momenten der Erhabenheit eine Lanze für das unablässig Schöne, Lebendige.

„dass wir das Leben bewahren als das, was es ist –
fließender Austausch, Metamorphose,
selbstschöpferische, die keines Erlösers bedarf,
der es zum ewigen Standbild wie, Schwester,
dich macht voll trockenen Tränen, gemalten, auf Holz“


Alban Nikolai Herbst: Aeolia.Gesang. (Wiener Ausgabe. Lektorat von Elvira M. Gross.) Wuppertal (Arco Verlag) 2018. 90 Seiten. 22,00 Euro.
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