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A.W. Schlegel: Allgemeine Übersicht

Diskurs / Poetik > Poeterey





ALLGEMEINE ÜBERSICHT DES GEGENWÄRTIGEN ZUSTANDES DER DEUTSCHEN LITERATUR
(
Auszug)



Wenn man das weitschichtige äußere Gerüste unsrer sogenannten Literatur betrachtet, die großen Anstalten und die geringe und unerquickliche Ausbeute für den Geist, so muß einen wahrlich Ekel und Unmut anwandeln. Alljährlich zweimal wirft die große Buchhändlermeßflut (die kleineren monatlichen Fluten ungerechnet, womit die Journale angespült werden) aus dem großen Ozean schriftstellerischer Seichtigkeit und Plattheit die neuen Geburten in großen Ballen ans Land. Diese werden dann von dem großen Haufen der Lesewelt mit krankhaftem Heißhunger verschlungen, aber ohne ihnen die mindeste Nahrung zu gewähren, sogleich wieder vergessen, gehen sie in den Schmutz der Lesebibliotheken über, und mit der nächsten Messe fängt derselbe Kreislauf wieder an. Man lobt den jetzt allgemeiner verbreiteten Geschmack am Lesen, aber hilf Himmel! welch eine Leserei ist das! Sie verdammt sich selbst schon dadurch. daß sie so rastlos nach dem Neuen greift, was doch kein wirklich Neues ist. Denn wem es nicht bloß um den Taumel wirblichter Zerstreuung zu tun ist, ein besonnenes, wahrhaft lebendiges Leben in sich fühlt, der wird, wenn er zur freien Aufheiterung Geistes liest, solche Bücher suchen und wählen, die lebenslänglich vorhalten, die man bei vertrauterer, Bekanntschaft immer lieber gewinnt und sie nie zu Ende liest. Und was sind die Gegenstände der vorzüglichsten Liebhaberei? Romane, dann Schauspiele, Taschenbücher, Journale und für etwas gelehrtere Leser literarische Zeitungen. Die beiden ersten Namen bezeichnen freilich die wichtigsten Gattungen der romantischen Poesie, aber diese ist hier gänzlich abwesend. Nur die leidigste Passivität kann zu dieser Liebhaberei führen, die weder denken noch handeln mag; ja nicht einmal ordentlich zu träumen müssen solche Menschen verstehn, denn sonst würden sie sich weit etwas Besseres imaginieren können, als in ihren Romanen steht. Ihr eignes Leben ist unbedeutend und leer; das wollen sie entweder, gen au so wie es ist, vorgestellt sehen, weil es 'ihnen denn doch schwarz auf weiß besser gefällt. Oder es soll ein bißchen besser und bequemer darin zugehen wie in der Wirklichkeit, um ihrem Hange zum Müßiggang zu schmeicheln; mit der Neugier, womit man einer Stadtgeschichte nachspürt, verfolgen sie eine durch Bände ausgesponnene gehaltlose Liebelei und wollen nur in der Schaukel endlos wiederholter Begebenheiten ohne Mühe auf und ab gewiegt sein. Einen einzigen vortrefflichen Roman zu schreiben, dazu gehört nicht weniger als ein umfassender Dichtergeist, von einem interessanten Leben befruchtet; ein großer Verstand, der jedoch den kühnsten Kombinationen der Phantasie keinen Eintrag tut; eine unendlich gebildete Kunst, um die Geheimnisse seiner Welt, seines Gemüts in anmutigen, immer klaren und immer rätselhaften Sinnbildern auszusprechen. Unsern Lieblingsschriftstellern schießen die Romane unter den Händen wie Pilze empor. Der eine hat ein gewisses Talent, die Heftigkeit charakterloser Affekte zu schildern, was bei seinem ersten Auftreten mehr erwarten ließ; er ist nachher ganz in die Breite gegangen, eine gutmütige Teilnahme an den Schicksalen seiner erdichteten Personen, ist das eins und alles seiner Begeisterung; ohne Verstand, eigentlich auch ohne Phantasie, weiß er zu nichts seine Zuflucht zu nehmen als zu dem hergebrachten wohltätigen Edelmut, zu Liebschaften, die aus früher Gewöhnung in der Kindheit entstanden sein sollen, dann Trennung und allerlei Leiden erfahren und endlich, damit es nicht zu traurig endige, dem Ziele der Vereinigung entgegengeführt werden. Ein andrer hat eine krankhafte Empfindsamkeit, eine fast gichterische Reizbarkeit der Einbildungskraft, einen kapriziösen Humor zur Mitgabe empfangen; unbekannt mit der Welt, auf den Horizont eines kleinen Städtchens eingeschränkt, schreibt er Romane, die eher Selbstgespräche zu nennen wären, und erteilt ihnen als unbewußter Sonderling einen gewissen einsiedlerischen Reiz. Man liest ihn und glaubt tiefere Beziehungen zwischen Ernst und Scherz in seinen Kompositionen zu finden als an die er selbst gedacht hat. Er wird gelobt, hervorgezogen, kommt in größere Städte, in bessere, wenigstens weitlauftigere Gesellschaften, wird von den Frauen geschmeichelt, lernt Männer kennen, die mit künstlerischen Absichten bei ihren Schriften zu Werke gehn, und will es ihnen gleichtun, da er bei aller Belesenheit in Scharteken die großen Meisterwerke nicht kennt und nicht fähig ist, sie in ihrer Reinheit zu fassen. Alles dies zerstört ohne Ersatz seine ursprüngliche Naivetät: er schreibt nun prätentiöse Werke, die doch bloß ein matter Nachklang seiner ersten sind. Noch ein andrer will moralische Erzählungen liefern, verleidet sie einem aber durch unselige Peinlichkeit, indem er die Sittlichkeit nur durch das Medium der Reue darzustellen weiß und anzunehmen scheint, daß durch einen einmal begangnen Fehltritt die Seelen grade wie die Körper gebrandmarkt werden. Noch einer mag einmal die Schalkhaftigkeit eines Dienstmädchens erprobt haben, er glaubt, darin große Aufschlüsse zu finden und fühlt sich berufen, die Schalkhaftigkeit des ganzen weiblichen Geschlechts zu schildern, welches er jedoch, als ein sparsames Gewürz anbringt und sich übrigens der fadesten Leerheit befleißigt. Wann, möchte man fragen, werden die Leser denn endlich merken, daß ihnen immer wieder dasselbe aufgetischt wird? Aber es kann nicht anders sein, sie müssen eine Liebe zum baren Nichts haben.

Auf echte Dichterwerke, da sie natürlich über den gewöhnlichen Kreis hinausgehen und den Geist mit höherer Gewalt ansprechen, ist das große Publikum gar nicht vorbereitet: sie werden höchstens so mitgelesen, erregen aber keine enthusiastische Sensation, hinterlassen keinen bleibenden Eindruck und werden nicht selten bei ihrer Existenz noch ignoriert. Ja die Dumpfheit geht so weit, daß sie das Originelle und Selbständige, was sie aus der ersten Hand verschmähen, sich aus der zweiten und dritten gar wohl gefallen lassen, wenn sie es in entstellender Nachahmung, in erborgten, übel verknüpften Bruchstücken mit den gewohnten Anlockungen zusammengeheftet finden. Hier berühre ich eine in unsrer Literatur immerfort epidemische Seuche: die übertreibende, zu genialischen Sprüngen sich verzerrende Nachäfferei. Kaum wird eine neue Bahn eröffnet, so stellt sich auch gleich der zahllose Troß der Nachtreter ein. Welche Überschwemmung von empfindsamen Romanen haben nicht Werthers Leiden erzeugt! Und noch immer kann man sagen, daß Werthers Schatten in vielen Romanen herumspukt. So ist eigentlich Götz von Berlichingen die Wurzel aller nachherigen Ritterschauspiele und Romane, die bis zur abenteuerlichsten Roheit ausgeartet  sind, und ich glaube, Goethe hat im W. Meister dies durch eine scherzhafte Allegorie¹ andeuten wollen. Ja die einzige Szene vom heimlichen Gericht, die in den alten Femgerichten ihren historischen Grund hat, ist Veranlassung zu einer Menge von Schauspielen und Romanen im Ritterkostüm mit dergleichen Verbrüderungen und geheimen Orden geworden, die schon ,durch ihre abgeschmackten Titel Schrecken einzuflößen suchen. Auf ebendem Wege sind so manche Undinge von artistischen Romanen zum Vorschein gekommen, von Autoren, die nicht den entferntesten Begriff von Werken der bildenden Kunst haben und sich auf gut Glück allerlei Fratzen darüber ausspekulieren. Jedes Wort, was eine große heilige Idee bezeichnet, wird von diesen Herren zur Mode gemacht und, indem sie es in einem nichtswürdigen Sinne nehmen, ganz heruntergesetzt. Dadurch wird denen, die der Idee wahrhaft Meister sind, da sie sich doch keiner andern Chiffren bedienen können, der Handel in gewissem Grade erschwert; so daß man versucht ist zu wünschen, es könnte der Gebrauch solcher Worte den originalsüchtigen Nachahmern untersagt werden, so wie auch das fremde Kostüm und die italienischen Benennungen der Personen. Mit dieser einzigen Einschränkung wäre wohl der ganze Rinaldo Rinaldini² in die Brüche gegangen. [Rugantino.]

Bei allem Respekt, den im vor den Massen von Abgeschmacktheit habe, die auch unter andern Nationen, besonders in den neuesten Zeiten, ans Licht gefördert worden sind, glaube ich doch, daß man nach reiflicher Erwägung den Deutschen darin den Preis zuerkennen muß. Besonders scheinen sie mir die Erfinder der exzentrischen Dummheit zu sein, einer Sache, die deswegen einen so erhabnen Eindruck macht, weil sie widersprechend und unmöglich scheint, und die von ihnen recht ins Große organisiert worden ist.

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¹ Wilhelm Meister, 2. Buch, 10. Kapitel.
²  Rinaldo Rinaldini. Räuberroman von Christian August Vulpius (Goethes Schwager).

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