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A. W. Schlegel: Poesie

Diskurs / Poetik > Poeterey




POESIE


Der Dichter Simonides soll, als ihn der Herrscher von Syrakus befragte, was die Gottheit sei, sich einen Tag Bedenkzeit ausgebeten haben; nach Verlauf dieser Frist zwei Tage, drei Tage und so fort, und endlich, da jener auf einen wirklichen Bescheid drang, gab er zur Antwort: die Sache scheine ihm um so dunkler, je länger er sie erwäge. Die Frage: was die Poesie sei, würde ich geneigt sein, auf ähnliche Weise zu beantworten und damit sowohl als Simonides in der Tat etwas gesagt zu haben glauben. Er deutete nämlich dadurch an, die Gottheit sei ein schrankenloser Gedanke, eine Idee. Dies gilt nun zwar von der Kunst überhaupt: ihr Zweck, d. h. die Richtung ihres Strebens, kann wohl im allgemeinen angedeutet werden; aber was sie im Laufe der Zeiten realisieren soll und kann, vermag kein Verstandesbegriff zu umfassen, denn es ist unendlich. Bei der Poesie findet es aber in noch höherem Grade statt; denn die übrigen Künste haben doch nach ihren beschränkten Medien oder Mitteln der Darstellung eine bestimmte Sphäre, die sich einigermaßen ausmessen läßt. Das Medium der Poesie aber ist ebendasselbe, wodurch der menschliche Geist überhaupt zur Besinnung gelangt und seine Vorstellungen zu willkürlicher Verknüpfung und Äußerung in die Gewalt bekömmt: die Sprache. Daher ist sie auch nicht an Gegenstände gebunden, sondern sie schafft sich die ihrigen selbst; sie ist die umfassendste aller Künste und gleichsam der in ihnen überall gegenwärtige Universalgeist. Dasjenige in den Darstellungen der übrigen Künste, was uns über die gewöhnliche Wirklichkeit in eine Welt der Phantasie erhebt, nennt man das Poetische in ihnen; Poesie bezeichnet also in diesem Sinne überhaupt die künstlerische Erfindung, den wunderbaren Akt, wodurch dieselbe die Natur bereichert; wie der Name aussagt, eine wahre Schöpfung und Hervorbringung. Jeder äußern materiellen Darstellung geht eine innre in dem Geiste des Künstlers voran, bei welcher die Sprache immer als Vermittlerin des Bewußtseins eintritt, und folglich kann man sagen, daß jene jederzeit aus dem Schoße der Poesie hervorgeht. Die Sprache ist kein Produkt der Natur, sondern ein Abdruck des menschlichen Geistes, der darin die Entstehung und Verwandtschaft seiner Vorstellungen und den ganzen Mechanismus seiner Operationen niederlegt. Es wird also in der Poesie schon Gebildetes wieder gebildet; und die Bildsamkeit ihres Organs ist ebenso grenzenlos als die Fähigkeit des Geistes zur Rückkehr auf sich selbst durch immer höhere potenziertere Reflexionen. Es ist daher nicht zu verwundern, daß die Erscheinung der menschlichen Natur in der Poesie sich mehr vergeistigen und verklären kann als in den übrigen Künsten und daß sie bis in mystische geheimnisvolle Regionen eine Bahn zu finden weiß. Sie hat nicht bloß das körperlich wahrnehmbare Universum vor sich, sondern alle Kunstbildungen, ganz besonders alles, was Dichtung ist, zieht sie wieder in ihre Natur, die dadurch zu einem schönen Chaos wird, aus welchem Liebe und Haß oder, mit andern Worten, Begeisterung, das mächtige beherrschende Gefühl der Sympathien und Antipathien, neue harmonische Schöpfungen ausscheidet und hervorruft. Man hat es höchst befremdlich und unverständlich gefunden, daß von Poesie der Poesie¹ gesprochen worden ist; und doch ist es für den, welcher überhaupt von dem innern Organismus des geistigen Daseins einen Begriff hat, sehr einfach, daß dieselbe Tätigkeit, durch welche zuerst etwas Poetisches zustande gebracht wird, sich auf ihr Resultat zurück wendet. Ja man kann ohne Übertreibung und Paradoxie sagen, daß eigentlich alle Poesie, Poesie der Poesie sei; denn sie setzt schon die Sprache voraus, deren Erfindung doch der poetischen Anlage angehört, die selbst ein immer werdendes, sich verwandelndes, nie vollendetes Gedicht des gesamten Menschengeschlechtes ist. Noch mehr: in den früheren Epochen der Bildung gebiert sich in und aus der Sprache, aber ebenso notwendig und unabsichtlich als sie, eine dichterische Weltansicht, d. h. eine solche, worin die Phantasie herrscht. Das ist die Mythologie. Diese ist gleichsam die höhere Potenz der ersten durch die Sprache bewerkstelligten Naturdarstellung; und die freie selbstbewußte Poesie, welche darauf fortbaut, für welche der Mythus wieder Stoff wird, den sie dichterisch behandelt, poetisiert, steht folglich noch um eine Stufe höher. So kann es nun weiter fortgehen, denn die Poesie verläßt den Menschen in keiner Epoche seiner Ausbildung (welche wirklich diesen Namen verdient und nicht bloß Einseitigkeit und Ertötung gewisser Anlagen ist) ganz; und wie sie das Ursprünglichste ist, die Ur- und Mutterkunst aller übrigen, so ist sie auch die letzte Vollendung der Menschheit, der Ozean, in den alles wieder zurückfließt, wie sehr es sich auch in mancherlei Gestalten von ihm entfernt haben mag. Sie beseelt schon das erste Lallen des Kindes und läßt noch jenseits der höchsten Spekulation des Philosophen Seherblicke tun, welche den Geist ebenda, wo er, um sich selbst anzuschauen, allem Leben entsagt hatte, wieder in die Mitte des Lebens zurückzaubern. So ist sie der Gipfel der Wissenschaft, die Deuterin, Dolmetscherin jener himmlischen Offenbarung, wie die Alten sie mit Recht genannt haben, eine Sprache der Götter.
Eben weil die Poesie das Allgegenwärtigste, das Alldurchdringendste ist, begreifen wir sie schwerer, so wie wir die Luft, in welcher wir atmen und leben, nicht insbesondre wahrnehmen. Eine Nation, ein Zeitalter, bei welcher sie vom ersten Ursprunge an sich ohne Störung entwickelt hat, wird im vollkommnen Besitze derselben am wenigsten über ihr Wesen im klaren sein: dies war wirklich der Fall der Griechen, die zu glücklich, zu begünstigt waren, um ihre eigne Poesie ganz zu verstehen. Wir, deren Bildung sich nicht aus einfacher Natur stetig entfaltet, sondern aus verworrner Barbarei ruckweise losgerissen hat und daher in aller ihrer Ausdehnung noch isoliert und disharmonisch ist, können mit der Spekulation über diesen Gegenstand weit tiefer gehn, so wie die poetischen Intentionen selbst weit spekulativer geworden sind, wie sich's bei der Untersuchung über romantische Poesie zeigen wird: welche wir jetzt, da sie von neuem auflebt, wiederum tiefer durchschauen können, als es in ihrer großen Epoche den Meistern und Urhebern derselben möglich war.
Man sieht aus dem Bisherigen, welch ein unfruchtbares und armseliges Verfahren es ist, gleich vornherein mit einer Worterklärung der Poesie anzufangen und aus dieser alles herausspinnen zu wollen. Manche Analytiker haben sogar an einer herausgerissenen Stelle, an irgendeiner Phrase eines Dichters, das Wesen der Poesie im Gegensatz mit der Prosa entwickeln zu können geglaubt. Das ist gerade so, als ob man einen Stein aus einem Tempel und einen andern aus einem gemeinen Wohnhause herumwiese und dadurch den Unterschied dieser beiden Gebäude anschaulich machen wollte. [Der Scholastiker des Hierokles.] Man ist denn auch auf diesem Wege auf so unvergleichliche allgemeine Merkmale gestoßen, die eine wahre wächserne Nase der Theorie sind; z. B. poetisch sei alles, was die Lebhaftigkeit der Vorstellungen befördert. Begreift man denn nicht, daß, da die Poesie ursprünglich in der Sprache daheim ist, diese nie so gänzlich depoetisiert werden kann, daß sich nicht überall in ihr eine Menge zerstreute poetische Elemente finden sollten, auch bei dem willkürlichsten und kältesten Verstandesgebrauch der Sprachzeichen, wieviel mehr im gemeinen Leben, in der raschen, unmittelbaren, oft leidenschaftlichen Sprache des Umgangs. Viele Wendungen, Redensarten, Bilder und Gleichnisse, die, sogar im plebejesten Tone, vorkommen, sind unverändert auch für die würdige und ernste Poesie brauchbar; und unstreitig ließe sich bei einem Gezänk von Hökerweibern die Lebhaftigkeit der Vorstellungen ebensogut als Prinzip demonstrieren wie bei jenen ausgehobnen Dichterstellen. Der bürgerliche Edelmann des Meliere ist sehr befremdet, da er erfährt, daß er sein ganzes Leben Prosa gesprochen habe, weil er diese Kunst doch niemals gelernt; er würde noch weit erstaunter gewesen sein zu hören, daß er auch Poesie zu reden verstehe, welches sich ihm doch ohne Zweifel ebensoleicht hätte zeigen lassen. - Ebenso wie das Geschmückte, Bildliehe im einzelnen Ausdruck keineswegs hinreicht, die wirkliche Gegenwart der Poesie in der ganzen Zusammensetzung zu beweisen (auch der Redner darf sich ja dessen bedienen, und wie wird man dem wesentlichen Unterschiede der schönen Prosa und Poesie auf den Grund kommen, wenn man an solchen Äußerlichkeiten kleben bleibt?): beweist auf der andern Seite der Mangel daran in einzelnen Stellen, ebensowenig die Abwesenheit des poetischen Prinzips. Man hat ehedem häufig gefordert, wenn man in einer poetischen Stelle den Vers durch Umstellung der Worte auflöse, müsse sich dann noch das über die gewöhnliche Rede Erhöhte, die Glieder des auseinandergeworfnen Dichters, wie Horaz² sagt, erkennen lassen; und diese alberne Probe wird immer noch. dann und wann von irgendeinem Einfaltspinsel wiederholt und daraus argumentiert. Als ob nicht grade die Folge und Anordnung der Wörter nebst dem Rhythmus, welches beides auf solche Art zerstört wird, dasjenige sein könnte, worin der poetische Charakter liegt? Man versteht also gar nichts von der Organisation der Rede, wenn man alles auf die einzelnen Bestandteile legt, die doch durch die jedesmalige Zusammenfügung durchaus verschieden bestimmt werden. Dieses Merkmal trifft bei einigen Gattungen zu, allein man erfährt hieraus nichts, sondern muß vielmehr die Notwendigkeit einer solchen Diktion erst aus dem Wesen derselben ableiten.
Eine uralte, schlichte und bürgerliche Meinung ist die, alles in Versen Geschriebne für Poesie zu halten. Ein solch empirisches Merkmal ist in der Kindheit der Kunst verzeihlich, wo es auch nichts weiter prätendiert als sinnliche Zusammenfassung der Masse. Uns hat aber leider eine millionenfache Erfahrung belehrt, daß sich ganz prosaische Verse machen lassen, und man darf das unselige, so außerordentlich kultivierte Handwerk der Versemacherei nicht noch durch schöne Titel begünstigen. Schon bei den Griechen war selbst in der schönsten blühendsten Periode ihrer Poesie, als nicht leimt jemand ohne natürliche Eingebung dichtete, ehe noch gelehrte Eitelkeit ihre Unschuld zerstört und sie mit willkürlicher Künstelei behandelt hatte, diese populäre Meinung nicht ganz richtig, und Aristoteles bestreitet sie deswegen auch. Denn es gab lokale, nur für ein gewisses Zeitalter gültige Anlässe, manches in Versen abzufassen, was zwar eben durch diese Entstehungsart einen von der Prosa verschiednen Charakter im ganzen Vortrage beibehielt, aber doch seinem Inhalte nach nicht eigentlich dem dichtenden Vermögen angehörte. Allein für uns wäre der Satz nicht einmal mehr richtig, wenn er auch folgendergestalt abgeändert würde: nur das ist Poesie, was in Versen abgefaßt werden soll; wiewohl man alsdann nichts daraus erführe, denn nun würde sich erst fragen: was soll denn in Versen abgefaßt werden? Es hat sich nämlich in der romantischen Poesie eine Gattung aufgetan, welche nicht nur ohne Verse bestehen kann, sondern in vielen Fällen die Versifikation gänzlich verwirft: dies ist der Roman. Wir werden uns wohl hüten, Theorien ohne historisches Fundament in die Luft zu bauen, denen zulieb nachher das unübersehliche Gebiet der echten Poesie willkürlich verengt werden muß.
Mit Worterklärungen und zufällig aufgehaschten Merkmalen ist demnach nichts ausgerichtet. Um dem Wesen der Poesie analytisch näherzukommen, müßte man wenigstens ein poetisches Ganzes als Beispiel vornehmen und es zu konstruieren, seinem innern Baue nach zu erforschen und als notwendig darzutun suchen. Aber ein solches wird unfehlbar einer gewissen Gattung angehören, und man wird also immer im Blinden darüber tappen, was dieser Gattung und was der Poesie überhaupt wesentlich ist. Der synthetische Gang ist folglich der einzige wahre: man muß die Dichtarten aus der allgemeinen Poesie und die einzelnen Gedichte und ihre Teile aus ihrer Dichtart begreiflich machen. Dazu ist es aber erforderlich, die Sache an einem höheren Punkte zu fassen.
Wir wollen versuchen, die Poesie genetisch zu erklären und sie auf den verschiednen Stufen, welche sie von der ersten Regung des Instinktes an bis zur vollendeten Künstlerabsicht, bis zum Werk, durchzugehen hat, begleiten. Wir handeln also zuvörderst von der Naturpoesie, dann der Kunstpoesie. Erst bei der letzten tritt die Scheidung in Gattungen ein, oder vielmehr diese Scheidung bezeichnet eben den Anfangspunkt derselben. Wir werden ihre Entwicklung alsdann historisch verfolgen, indem in ihrer Zeitfolge wirklich ihre Rangordnung vom Einfachsten und Reinsten bis zum Zusammengesetztesten und Gemischtesten liegt. Auch was ich über Naturpoesie zu sagen habe, wird historischer Art sein, jedoch nicht in dem Sinne, daß es ausdrücklich bezeugte Fakta, zu bestimmten Zeiten, an bestimmten örtern vorgefallen, beträfe. Historische Nachrichten reichen nicht bis dahinauf; wir haben nur ewige und notwendige Tatsachen anzugeben, die aus der menschlichen Natur herfließen und sich eigentlich immer bei der Entwickelung des Individuums wie bei der des ganzen Menschengeschlechts wiederholen. Es ist im vorhergehenden einmal beiläufig die Möglichkeit einer Naturgeschichte der Kunst erwähnt worden. Naturgeschichte der Kunst ist eine Darlegung ihres notwendigen Ursprunges und ihrer ersten Fortschritte aus den allgemeinen menschlichen Anlagen und den Umständen, welche beim Erwachen des frühesten Menschengeschlechtes zu einiger geistigen Bildung eintreten mußten. Sie kann folglich nur bei solchen Künsten stattfinden, deren Medium oder Werkzeug der Darstellung ein dem Menschen natürliches ist; alle Künste, deren Werkzeug ein künstliches ist, setzen Beobachtung der Natur und Akte der Willkür zur Benutzung derselben voraus, welche nur historisch gegeben, nicht philosophisch abgeleitet werden können. Die natürlichen Medien der Kunst sind Handlungen, wodurch der Mensch sein Innres äußerlich offenbart, und dergleichen gibt es keine andre als Worte, Töne und Gebärden. Diese sind denn auch die Wurzel und Grundlage der Poesie, Musik und Tanzkunst. Wie die Tanzkunst gewissermaßen wieder als der erste Keim der bildenden Kunst betrachtet werden könne, haben wir bei der Übersicht der Künste gezeigt . Es sind im Verlauf dieser Vorträge schon verschiedne zur Naturgeschichte der Kunst gehörige Sätze vorgekommen. Z. B. daß die drei obengenannten Künste zugleich und in unzertrennlicher Einheit entstanden seien; ferner die Entstehung des Rhythmus als der allen dreien gemeinschaftlichen Form. Was wir darüber behaupteten, war nicht aus der Erfahrung geschöpft, aber wir konnten es einigermaßen mit Beobachtung roher Völker, bei denen die Künste in einer ihrem Ursprunge näheren Gestalt verharret sind, belegen, und so wird es sich auch mit dem verhalten, was wir von der Naturgeschichte der Poesie noch hinzufügen werden.
Bei dem jetzigen Zustande unsrer Kultur, wo die Poesie als eine sehr schwierige Kunst betrachtet wird, zu welcher nur wenige ausgezeichnete Individuen die Fähigkeit besitzen, die sie noch dazu nur mit vielem Nachdenken und geflissener Vorbereitung ausüben, sind wir geneigt, ehe wir besser belehrt werden, sie für eine späte Frucht der Verfeinerung, für eine dem müßigen Ergötzen dienende Erfindung, mit einem Wort, für einen bloßen Luxus des Geistes zu halten. Dies widerlegt zwar schon die Erfahrung, die uns sowohl in den ältesten schriftlichen Urkunden als unter den ungebildetsten Völkern selbst in den ungünstigsten Klimaten Anfänge der Poesie aufweist. Wo diese gänzlich fehlen, wie etwa bei den Feuerländern und vielleicht den Eskimos, ist sicher ein unnatürlicher Zustand vorhanden, ein Rückfall in vollkommne Stupidität, den vermutlich plötzliche Verdrängung aus milderen Gegenden durch andre Nationen verursacht hat. Davon indessen kann uns die bloße Erfahrung nicht belehren, was sich doch evident dartun läßt, daß Poesie das Unentbehrlichste, Erste, Ursprünglichste in allem menschlichen Tun und Treiben ist. Ich möchte sagen, wenn dieser Ausdruck nicht dem Mißverstande ausgesetzt wäre: die Poesie sei zugleich mit der Welt erschaffen worden. Der Mensch schafft sich aber seine Welt immer selbst, und da der Anfang der Poesie mit der ersten Regung des menschlichen Daseins zusammenfällt, so ist auch jenes, philosophisch verstanden, buchstäblich wahr.
Wir müssen also bis auf die älteste Geschichte der Menschheit zurückgehen, um die Wurzel der Poesie aufzufinden. Beim Heranwachsen der Naturpoesie können wir folgende drei Stufen oder Bildungsepochen unterscheiden: 1) Elementarpoesie in der Gestalt der Ursprache; 2) Absonderung der poetischen Sukzessionen in unserm Innern von anderweitigen Zuständen durch ein äußeres Gesetz der Form, nämlich den Rhythmus; 3) Bindung und Zusammenfassung der poetischen Elemente zu einer Ansicht des Weltganzen, Mythologie. Diese setze ich nach dem Rhythmus, nicht als ob sich über die Zeitfolge ihrer Entstehung etwas ausmachen ließe, wiewohl man die Beobachtung des Zeitmaßes bei Nationen antrifft, bei denen nur erst dürftige Anfänge von Mythen aufzufinden sein möchten; sondern deswegen, weil der Rhythmus nur überhaupt die Bedingung aller selbständigen Existenz für die Poesie ist; Mythologie scheint hingegen eine höhere Potenz der poetischen Anlage in der Ursprache, eine zweite Symbolik des Universums über jener ersten in der Sprachbezeichnung enthaltenen zu sein, welche, mit Freiheit behandelt, sogleich in wahrhafe poetische Werke übergehen kann.
Wir werden also nun von Sprache, Silbenmaß und Mythologie handeln und uns dabei nicht bloß auf das beschränken, was der eigentlichen Kunstpoesie vorangeht, sondern gleich alles zusammenfassen, was über diese Gegenstände zu sagen ist, und sie also auch in ihrer mannigfaltigsten und schönsten Ausbildung betrachten. Die Sprache ist von ihrer Entstehung an der Urstoff der Poesie; das Silbenmaß (im weitesten Sinne) die Form ihrer Realität, das äußerliche Gesetz, unter welchem sie in die Welt der Erscheinungen eintritt; die Mythologie endlich ist gleichsam eine Organisation, welche sich der poetische Geist aus der elementarischen Welt anbildet und durch dessen Medium, mit dessen Organen er nun alle übrigen. Gegenstände anschaut und ergreift. - Mit diesen drei Stücken wäre also die allgemeine Poetik beendigt, welche dasjenige in sich faßt, was ohne Beziehung auf Gattungen ausgemacht werden kann.
Die in den gewöhnlichen Poetiken hergebrachte Methode ist eine ganz andre. Da wird von der Diktion und dem Versbau, als dem letzten der Ausführung, erst am Schlusse gehandelt. Man nimmt an, sowohl die geforderte Bildlichkeit des Ausdrucks als der Wohlklang der Verse sei ein bloßer Zierat, ein Raffinement der müßigen und nach Genuß lüsternen Phantasie oder Sinnlichkeit; beides wird der schon fertigen Poesie wie eine fremde Äußerlichkeit umgehängt, wodurch sie denn unausbleiblich zu einem bloß grammatischen und rhetorischen Exerzitium herabgewürdigt wird, wie man sie auch in der Wirklichkeit leider so oft ausübt. Durch unsre genetische Erklärung hingegen werden wir zu der Einsicht gelangen, wie der Gebrauch dieser Mittel aus dem Wesen der Poesie von innen hervorgeht und dadurch mit Notwendigkeit bestimmt wird. –
Die Mythologie kommt meistens unter der Rubrik des Wunderbaren beim epischen Gedicht nur sehr unvollständig und ohne rechte Bedeutung vor, da sie doch so äußerst wichtige Aufschlüsse zu geben vermag.


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¹ u.a. Athenäums Fragment 238.
²  Horaz: Satire 1, 4, 62.
59 - 62: Posterius facias praeponens ultima primis,   
Non, ut si solvas 'postquam discordia taetra
Belli ferratos postis portasque refregit',
Invenias etiam disiecti membra poetae.





Wenn du zum spätren es machst, vorstellend dem ersten das letzte:
Nicht, als löstest du auf: "Nach dem die verworrene Zwietracht
Aufgesprenget des Kriegs schwereiserne Pforten und Tore", -
Findest du leicht noch heraus die zerstückelten Glieder des Dichters.

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