2. Schamrock-Festival der Dichterinnen - Signaturen

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2. Schamrock-Festival der Dichterinnen

Veranstaltungen / antimon



Armin Steigenberger


Impressionen zum 2. Schamrock-Festival in München



Zum zweiten Mal richtet das Schamrock-Festival der Dichterinnen einen weiblichen Blick auf den aktuellen poetischen Kosmos, schreibt Dr. Hans-Georg Küppers, Kulturreferent der Landeshauptstadt München, in seinem Geleitwort. Am vergangenen Wochenende fand das Schamrock-Festival in der Pasinger Fabrik statt. Schon am Montag, 20. Oktober, wurde in Wien mit Friederike Mayröcker der erste Festivalakt im Literaturhaus Wien feierlich begangen. So kam, wie Augusta Laar (Künstlerische Leitung von Salon und Festival) sich selbst ausdrückte, „der Berg zum Propheten“. Friederike Mayröcker ist gleichsam die Mentorin des Projekts. 1 Gedicht das ist so 1 Atemzug : 1 Vögelchen auf der / Spitze des Baumes : kein Gewicht auf der Brust des / Dichters : 1 Gedicht das ist der Tann der mir wächst aus den / Lungen Flügeln – so beginnt ihr Gedicht, das im Begleitheft zu lesen ist. Eigentlicher Auftakt war das Schamrock Filmfest, das bereits Anfang Oktober im Werkstattkino stattfand. Dort wurden an drei Tagen Filme über Dichterinnen und Riot Grrrls gezeigt. An der finanziellen und ideellen Unterstützung des Festivals sind mehr als 30 internationale Kulturinstitute beteiligt, das auch im Zuge des EU-Projekts Gender Mainstreaming von Kulturreferat und Gleichstellungsstelle für Frauen gefördert wird. 2014 konnte das Festival in seiner zweiten Ausgabe wieder viele Besucher anlocken und überzeugte erneut durch sein klares Konzept. Schamrock ist in Anlehnung an das vierblättrige Kleeblatt eine irisch-ironische Anspielung „auf das weibliche Grundgefühl, die Scham, und das weibliche Grundkleidungsstück, den Rock“ (Augusta Laar). Dieser stünde aber auch für Rock’n’Roll.

Der dunkle, atmosphärische Raum der kleinen Bühne mit hellblau und rot erleuchtetem Hintergrund bot ein freundliches, behagliches Ambiente und rahmte so das Podium für die vielfältigen Veranstaltungen im rege frequentierten Kulturzentrum am westlichen Stadtrand Münchens. Schon ein Festivaltag mit seinem abwechslungsreichen, gut 10-stündigen Programm, bei dem sich ein Highlight ans nächste anschloss, stellte hohe Anforderungen an die Aufnahmefähigkeit. Ob Dichtung, Performance, Musiktheater oder Spoken Word, ob Sprechoper oder begleitende Gruppenausstellung: das bunt durchmischte Angebot war in jedem Fall noch vielfältiger als 2012. Mitveranstalter sind wie beim ersten Festival die Kulturvermittlerin und Autorin Sarah-Ines Struck, und im Jahr 2014 der Klangkünstler und Hörspielautor Kalle Aldis Laar, schreibt die künstlerische Leiterin im Editorial des Veranstaltungsflyers. Augusta Laar führte selbst zusammen mit Sarah-Ines Struck abwechselnd durch die drei Festivaltage. Swantje Lichtenstein hielt freitagabends, nach der Begrüßungsrede der Bürgermeisterin Christine Strobl, den Eröffnungsvortrag, der nahtlos in Passagen aus ihrem Essay „Geschlecht“ (edition poeticon, 2013) überging.

Aus der Fülle möchte ich die erste Veranstaltung herausgreifen, die mit drei Münchner und drei auswärtigen Dichterinnen begann. Esther Ackermann las mit angenehmem Schweizer Akzent bildstarke, etwas lakonische Verse. Im Horst auf dem Wagenrad / Über dem Schornstein / Werden die Kleinen / Zum Rand geschubst / Wer weiß ob das Rad / Nachts nicht auch rollt. Karin Fellner aus München trug Texte aus neuen Gedichtzyklen vor, in denen es verschiedene Protagonistinnen gibt, so auch eine „Poetin“. Der Wind stand auf / in den Falten der Nacht, im Gallenraum, und suchte Allmählichkeit, / verneigte und breitete sich / aus im Skalp der Poetin. Sie werden demnächst unter dem Titel Ohne Kosmonautenanzug als Gedichtband erscheinen. Sonja Harter aus Wien präsentierte Texte, die in ihren Wirklichkeiten ohne Personalpronomina auskommen. Dinge geschehen, Menschen werden gehandelt: auch ohne den geringsten plan / schichten sich die versatzstücke / eines geglückten tages akkurat / übereinander. Manchmal enden sie am Kulminationspunkt einer Begebenheit elliptisch und abrupt: Auslassungen stellen durch offene Enden irritierend den Fokus auf den eigentlichen Gegenstand des Gedichts. Alma Larsen, die 2012 das Festival mit veranstalte, las aus der Festival-Anthologie als ich Fisch war, ja als ich Fisch war … (2014, Allitera Verlag 2014) zunächst Texte ihrer beiden Mitstreiterinnen vor. Larsens eigene Gedichte erschaffen einen Resonanzraum für das sensible Wechselspiel von Alltag und Beziehung: sitzen zwei beieinander / tippen schieben sprüche / bilder füllen ihre augen / botschaften aus einer un- / fassbaren weiten welt. Sabina Lorenz aus München gibt in ihren Gedichten Einblicke in das menschliche Miteinander. Ihre Texte haben zugleich immer auch eine politische Komponente. Ein kindliches Ich, oft an ein (imaginäres) Du gerichtet, kommt zur Sprache in bisweilen recht zweisamen Dialogen. Heute sagst du Du zu dir. Ein Test, ob es für freundliches / Zunicken reicht. Ein bisschen / Small-Talk. So was wie: abends wird es / wieder heller. Nebenan hunderte von Status- / meldungen. Anläufe, die Welt zu retten. Birgit Müller-Wieland aus München schreibt u. a. „vertonte Texte“ und wurde dazu von ihrem Mann Jan Müller-Wieland auf dem Kontrabass begleitet – ein Schweben zwischen Zusammenspielen und Konterkarieren: dem All sinkt die Nacht / mit glitzernden Nägeln / heute kein Totentuch / Du streckst dich steckst dir / Leuchtsegel ins Haar suchst / die Wege wo / Niemand jagt.

 












Birgit Müller-Wieland

 


Die beiden Slammerinnen und aktiven Feministinnen Carmen Wegge und Theresa Hahl, beide hauptsächlich in der deutschsprachigen Spoken-Word-Szene aktiv, stellten politisch akzentuierte Texte vor. Nora Gomringer, die bereits beim Wiener Festivaltag auftrat, hatte zusammen mit einer „Kurz-Klasse“ an der Wiener Schule für Dichtung tagsüber eine Partitur geschrieben, die noch am gleichen Abend dort uraufgeführt wurde. Moderiert von Dr. Pia-Elisabeth Leuschner, trat sie am Freitagabend auch in München auf.

Das Schamrock-Festival 2014 richtete noch mehr den Fokus auf internationale Zusammenarbeit hinsichtlich Übersetzung, Autorinnenaustausch und grenzübergreifende Projekte. So gab es Dichterinnen aus 13 Ländern und drei Schwerpunkten: Türkei, Irland und Finnland, betreut von den Festival-Kuratorinnen Tamara Ralis und Karin Fellner (Irland), Dorothea Grünzweig (Finnland) und Barbara Yurdtas (Türkei).

Beim Irlandschwerpunkt wurden von Tamara Ralis und Karin Fellner die beiden von ihnen übersetzten Irinnen Ann Egan und Cliona O’Connell vorgestellt. Sie warteten mit ganz unterschiedlichen Lesungen auf. Ann Egans eher traditionell ausgerichtete Gedichte kreisen um Landschaft, Natur und religiöse Themen. When noise rises like wind / blowing across the bog, / cartwheels turn stones / back to their beginnings. Sie nehmen in einem Zyklus modernen Bezug auf den heiligen St. Patrick. Egan beleuchtete im Gespräch ihre Gedichte vor dem Hintergrund der landeseigenen Geschichte und Mythologie. Cliona O’Connells vielschichtige Gedichte reiben sich auch an der Umweltzerstörung des Ozeans. Turning as if turning / by wind curl or the Coriolis effect / are physical and fictitious forces: the Great Pacific Garbage patch. Sie zeigt in diesem Text, dass die Größe der im Meer befindlichen pelagic plastics, polymer roots die Größe von Texas habe. Im nachfolgenden Gespräch beschrieb sie das Gedicht, das zwischen Autorin und Leser hin und hergeht, als wildes Tier.

 







Karin Fellner (li.), im Gespräch mit Cliona O'Connell

 


Peter-Huchel-Preisträgerin Brigitte Oleschinski - bekannt u. a. für ihren 1997 erschienenen Band mit dem Titel „Your Passport is Not Guilty“ (ein für 1997 überraschend innovativer Titel aufgrund seiner politischen Brisanz der "falschen Freunde" guilty und gültig) - füllte bei ihrer Performance die Bühne mit Bewegung und Sprechen aus. Improvisiert wirkende und fest arrangierte Teile gingen fließend ineinander über. Dauernd bin ich Gerüchten auf der Spur, oder mein Gedächtnis hält für Gerüchte, was ich doch schon erlebt habe, anwesend, oder wenigstens nachgeschlagen, dauernd aber verschwindet das Erlebte, das Gewusste, als wäre es mir entgangen. Einem Gerücht nach das Kreuz des Südens gesehen; in welcher sternklaren Nacht denn. Blaugrün. Grünblau.

Bemerkenswert war der Auftritt einer Autorin Sainkho Namchylak, „Honored Artist of the Republic of Tuva“, die interdisziplinär tätig ist und sich zudem mit bildender Kunst beschäftigt. In ihrer expressiven Gesangs- und Sprechperformance verband sie traditionelle sibirische Musik mit westlichem Jazz und Pop. Sie wurde von Brigitte Meyer am Cello begleitet. Angeblich ist sie in der Lage, den Tonumfang von sieben Oktaven auszufüllen. Spontan hat sie zur samstagsabendlichen Session von Patti Trimble aus den USA (Spoken-Word-Improvisationen) und Kalle Laar (Gitarre) Obertongesang beigetragen.

 







Sainkho Namchylak

Fotos: Christel Steigenberger

 


Auf das 3. Schamrock-Festivals 2016 kann man gespannt sein: wie es weiter wächst, wer alles teilnehmen wird und aus welchen Ländern Dichterinnen kommen werden.

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