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„Prä|Position“ und „Sinn und Form, Heft 2/2019“

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Zeitschrift des Monats

„Prä|Position“ und „Sinn und Form“

»Wenn jemand schreckliche Dinge sagt«: Die Kunst des Gesprächs


Mit der Gründung von Literaturzeitschriften ist immer auch ein Akt der Selbsterhöhung verbunden – in prominent gewordenen Fällen auch ein Manifest des ästhetischen Größenwahns. Als sich vor zweihundert Jahren die Brüder Schlegel daran machten, mit dem „Athenäum“ ein streitlustiges Periodikum mit dem Anspruch auf intellektuelle Hegemonie zu entwerfen, waren die Erwartungen sehr hoch gesteckt. Man wolle sich, so schrieb Friedrich Schlegel im Oktober 1797 an seinen Bruder August Wilhelm, als eine „große Autorität in der Kritik“ einen Namen machen, um „nach 5-10 Jahren kritische Dictatoren Deutschlands zu seyn“. Das „Athenäum“ brachte es zwar nur auf sechs Hefte in zwei Jahren, aber sein Nachhall blieb gewaltig. Zweihundert Jahre nach den Schlegel-Brüdern geizen nun auch Holm-Uwe Burgemann und Konstantin Schönfelder, die beiden jungen Herausgeber des kulturphilosophischen Magazins „Prä|Position“, nicht mit stolzen Ankündigungen und hegemonialen Ansprüchen. Ihr Online-Magazin, so verheißen es die beiden Mittzwanziger nicht ohne Chuzpe, entwerfe „Texturen der Gegenwart“ und zugleich ein „Sinnbild für eine Gesellschaftskritik, die sich durch das ganze Spektrum literarischer Formen realisiert“. Wer sich auf der sehr elegant aufbereiteten „Prä|Position“-Seite einen Überblick verschafft, stößt recht schnell auf zwei opulent und nicht ganz uneitel inszenierte Gespräche mit der Literaturkritikerin Insa Wilke und dem Philosophen und Heidegger-Exegeten Peter Trawny, die gespickt sind mit schlagfertigen Dialogen und aufregenden Thesen zum Literaturbetrieb einerseits und zur Lage der Philosophie andererseits – zwei Gespräche, die große Aufmerksamkeit verdienen. Den akribisch redigierten Gesprächen sind als intellektuelle Trailer kürzere und längere Videos mit Gesprächsausschnitten beigefügt, die zwar nicht ganz frei sind vom narzisstischen Posing der Herausgeber, aber auch reichlich intellektuelle Provokationen im besten Sinne enthalten. Insa Wilke, die auf vielen Bühnen als leidenschaftliche Literaturvermittlerin, Jurorin und Kritikerin agiert, beruft sich hier auf ein schönes Wort des Verlegers Samuel Fischer, das sie auch als Aufgabe für die Literaturkritik geltend macht: „Das Publikum von Werten zu überzeugen, die es nicht will, ist die schönste und wichtigste Mission des Verlegers.“ Und zur Kardinaltugend der Literaturkritik erhebt sie eine in Vergessenheit geratene Geisteshaltung: „Demut“ statt Hochmut.


In der Person des Philosophen Peter Trawny wird zudem ein unabhängiger Denker vorgestellt, der 2012 an der Bergischen Universität Wuppertal das Martin-Heidegger-Institut gründete und dann ab 2015 mit Veröffentlichung der „Schwarzen Hefte“ Heideggers die Philosophie-Szene zuverlässig aufwühlte. Denn in den „Schwarzen Heften“, die Trawny ebenso umfangreich wie kühl kommentiert hat, tat sich beim Blick auf die Philosophie des Meisterdenkers aus der Schwarzwaldhütte in Todtnauberg ein neuer Abgrund auf. 1933 hatte Heidegger als Rektor der Universität Freiburg die Machtergreifung der Nationalsozialisten als „Revolution“ bejubelt. Neben dieser bekannten Forschungs-Tatsache hatte die Veröffentlichung der „Schwarzen Hefte“ eine weitere Facette der Geisteswelt Heideggers offenbart: seinen rabiaten Antisemitismus, der den innersten Kern seiner Philosophie kontaminiert hat. Das Beharren auf der Veröffentlichung der „Schwarzen Hefte“ und ihrer unnachsichtigen Kommentierung hat zu absurden Verdächtigungen gegen ihren Editor Trawny geführt, bis hin zur Unterstellung einer politischen Nähe zur Bewegung der Identitären. Im äußerst lehrreichen Gespräch mit „Prä|Position“ geißelt Trawny die geistige Immobilität der intellektuellen Debatte: „Philosophen haben immer schreckliche Dinge gesagt: Platon, Nietzsche, Heidegger. Aber sie haben sich selbst widersprochen, die andere Möglichkeit mitaufscheinen lassen. Das ist Philosophie: auch hinhören, wenn jemand schreckliche Dinge sagt.“  

Als Ergänzung zu Trawnys Ausführungen über Heidegger sind die konzisen Anmerkungen des Heidegger-Biographen Rüdiger Safranski zu empfehlen, die er im aktuellen Heft (H. 2/2019) von „Sinn und Form“ ausbreitet. Safranski versucht hier den elementaren Schock zu verarbeiten, denn die „Schwarzen Hefte“ auch für dankbare Heidegger-Exegeten bedeuteten. Und wie ein Interview an die geistigen Fundamente eines Autors oder einer Autorin rühren kann – eben wie in „Prä|Position“ die Gespräche mit Insa Wilke und Peter Trawny – , demonstriert in vorbildlicher Weise im gleichen „Sinn und Form“-Heft der ehemalige Rundfunk-redakteur Ralph Schock in seinem im Jahr 2015 aufgezeichneten Gespräch mit dem im Dezember 2018 verstorbenen Wilhelm Genazino. Hier verrät Genazino eher beiläufig die tieferen Motive der „Grundinstabilität“ und „Lebensverzweiflung“ seiner Romanfiguren.

Drei Jahre vor seinem Tod verweist er auf ein Thema, das er bis dahin literarisch nicht zu fassen vermochte: den eigenen Alterungsprozess und die Furcht vor einer Demenzerkrankung. Am Ende äußert Ralph Schock lapidar: „Jetzt kannst Du eigentlich wie wir alle nur noch sterben.“ Und Genazino antwortet mit dem ihm eigenen Humor: „Man muß irgendwie anfangen, darüber nachzudenken, ohne zu wissen, wie es geht…Das ist wie beim Romanschreiben. Wie soll man denn bitte über seinen Tod nachdenken? Das ist eine Frage, die ich gern beantwortet haben möchte. Und es ist keiner da außer mir.“


Prä|Position (www.praeposition.com)

Sinn und Form, Heft 2/2019, Redaktion: Postfach 21 02 50, 10502 Berlin. 140 Seiten, 11 Euro (www.sinn-und-form.de)
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