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(Mahmoud Hassanein, Hans Thill:) Deine Angst - Dein Paradies

Rezensionen


Gerrit Wustmann

das geschoss verstarb an reue
Mahmoud Hassanein und Hans Thill bringen syrische Lyrik nach Deutschland


Es gibt eine Vielzahl an Sprachen, aus denen, wenn überhaupt, nur sehr spärlich ins Deutsche übersetzt wird. Arabisch gehört zweifellos dazu. Das muss verwundern. Denn der Krieg in Syrien, die Lage im Irak und den angrenzenden Ländern gehören nicht erst seit 2015 zu den Dauerthemen in der hiesigen Medienlandschaft. Da wäre es nur logisch, dem ständigen Aufregungs- und Empörungsmodus zu begegnen, indem man sich der Literatur aus der Region widmet, um sie besser kennenzulernen – Stichworte Integration, Einbahnstraße und so...

Aber weit gefehlt. Das Gegenteil ist der Fall. Kaum ein Verlag zeigt nennenswertes Interesse an arabischer Literatur. Zu anders, zu unverkäuflich, gegen die Ignoranz der Leser kommt man nicht an. Es ist zum verzweifeln. Soll man das beklagen? Ich meine: Man muss! Denn wenn das Interesse an arabischer Literatur allenfalls nur dann mal aufflammt, wenn es den Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie zupass kommt, entsteht ein zutiefst verzerrtes Bild. Und das „Orient“-Bild, das hierzulande vorherrscht, ist ohnehin schon ein von Ressentiments und Halbwissen geprägtes Trauerspiel.

Auf diese Problematik geht auch Mahmoud Hassanein ein im Nachwort zu seiner gemeinsam mit Hans Thill bei Wunderhorn herausgegebenen zweisprachigen Anthologie „Deine Angst – Dein Paradies. Gedichte aus Syrien“, dem bereits 30. Band der verdienstvollen Reihe „Poesie der Nachbarn“, die zu einem Katalog der Weltlyrik heranwächst, einem Ansatz, der sich viel zu selten findet, allenfalls mal in großen ambitionierten Anthologien wie Enzensbergers „Museum der modernen Poesie“, Hartungs „Luftfracht“ oder dem „Atlas der neuen Poesie“ von Joachim Sartorius, der als Übersetzer auch an dem vorliegenden Werk beteiligt ist.

Die „Poesie der Nachbarn“ ist auch der Versuch, die Komplexität der Lyrikübertragung für den Leser erfahrbar zu machen.

Anhand von Interlinearübersetzungen durch Hassanein haben sechs deutsche DicherInnen eine Auswahl von sechs syrischen DichterInnen übertragen. Dorothea Grünzweig, Brigitte Oleschinski, Christoph Peters, Joachim Sartorius, Julia Trompeter und Jan Wagner widmeten sich bei einer Begegnung in Edenkoben intensiv den Texten von Lina Atfah, Aref Hamza, Mohammad Al-Matroud, Rasha Omran, Lina Tibi und Raed Wahesh, die neben ihrer syrischen Herkunft gemeinsam haben, dass sie heute alle im Exil leben.

Der arabische Originaltext wird teils mehreren deutschen Übertragungen gegenübergestellt, die nicht nur unterschiedliche poetische Ansätze und die Handschrift des jeweiligen Übersetzers tragen, sondern auch aufzeigen, wie sehr Übersetzung aus einer dem Deutschen so unterschiedlichen Sprache wie Arabisch doch immer auch Nachdichtung ist.

Die sechs DichterInnen aus Syrien bieten eine Jahrgangsspanne von 1963 bis 1989, etablierte Stimmen stehen dem Nachwuchs gegenüber, alle haben einen frischen Ton und eine hohe stilistische und inhaltliche Bandbreite präsentiert das Buch. Die Anklänge an Krieg, Flucht und Exil sind zwar vorhanden, stehen aber nicht im Mittelpunkt. Dort wo sie es tun, entfalten sie nicht selten eine schockierende Wirkung wie hier bei Aref Hamza, der mit einem simplen und nicht einmal sonderlich neuen Bild den ganzen Schrecken illustriert, den das Nebeneinander von Krieg und Frieden tagtäglich bedeutet:

Halber Mond

Ein halber Mond hängt nun
über den Städten,
in denen niemand mehr wohnt.
Er schmerzt mich, dieser halbe Mond,
als wäre er dein halbiertes Gesicht.
Unter diesem halben Mond
trugen wir
unsere Kinder
ins Bett,
doch andere ihre
zu Grabe.

(übertragen von Jan Wagner)
                             
Mohammad Al-Matroud nennt einen kleinen Zyklus je nach Übersetzung „Lebenszeichen“ oder „Botschaft“, hier Teil 6, ein Kurzgedicht:

das geschoss, das mich verfehlt hat
und ein loch in die wand schlug
verstarb an reue

(übertragen von Brigitte Oleschinski)
             
Es findet sich viel Düsteres, viel Melancholisches, was für die arabische Lyrik ebenso typisch ist wie die vielfältigen und für deutsche Leser oft nur schwer zu entschlüsselnden Blumen- und Naturmetaphern, die sich oft an Jahrhunderte alten Bildern der klassischen Lyrik orientieren, während aber keiner der Texte im vorliegenden Band sich an den starren klassischen Reimformen orientiert, die von Anbeginn die arabische Lyrik prägten.
 
Rasha Omran erdichtet sich eine ganz neue Ophelia, nähert sich mit Leerer roter Mantel auf humorvolle Weise dem Geschlechterdiskurs, während Lina Tibi fragt, was Angst eigentlich ist und wie sie uns verändert, unsere Wahrnehmung, unsere Sprache, während Newtons Apfel anders fällt als die Äpfelin. Die thematische und stilistische Bandbreite lässt sich hier nur antippen. Lesenswert ist die mit Kenntnis und Fingerspitzengefühl zusammengestellte Auswahl allemal, und Hassaneins Nachwort erweitert die Gedichte um Einblicke in den Übersetzungsprozess und eine kurze Exkursion in die Geschichte der arabischen Lyrik, die interessierten Lesern gleich mehrere Anknüpfungspunkte zum Weiterlesen liefert.


(Mahmoud Hassanein, Hans Thill:) Deine Angst - Dein Paradies. Gedichte aus Syrien. Zweisprachig. Heidelberg (Das Wunderhorn - Poesie der Nachbarn) 2018. 190 Seiten. 24,80 Euro.
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