Direkt zum Seiteninhalt

(Klaus Siblewski, Hans-Josef Ortheil:) Die ideale Lesung

Rezensionen


Konstantin Ames

Haltung und Unterhaltung – «Die ideale Lesung» als weitgehend verpasste Chance


Am Anfang dieser Herausgabe stand die Neugierde Klaus Siblewskis, des langjährigen Lektors von Ernst Jandl. Er fand im Archiv der Österreichischen Nationalbibliothek unverhofft ein Dokument des lautpoetischen Vortragskünstlers betreffend eine detaillierte Schilderung der Begleitumstände für eine gelingende Lesung. Gedacht war das Schriftstück für die Veranstalter von Jandls Gedichtvorträgen. Es ist fraglich, ob ›Lesung‹ dafür überhaupt die richtige Bezeichnung ist. Jandl selbst verwendet diese Bezeichnung ganz selbstverständlich.

Angenehm an der vorliegenden Auswahl ist bereits, dass ihre beiden Herausgeber von dumpfbackiger Elitesse nichts halten, die viele Anthologien jüngeren Datums auszeichnet. Beiden ist klar, dass sie Neuland betreten, denn das Thema spielt außerhalb der akademischen Sphäre kaum eine nennenswerte Rolle. Was einigermaßen erstaunt, weil die Darbietung von Sprachkunst schon vor einigen Jahren einmal prominent gesetzt war, nämlich beim Prosanova-Festival in Hildesheim. Auf einem ehemaligen Kasernengelände lasen 2011 jung- und nicht mehr ganz so jungschriftstellernde Menschen auf Wiesen wacker gegen ihre Pollenallergie an; Elke Erb und Christian Filips verlegten ihre Wohnküche aus dem Wedding in eine einstmalige Panzerfahrer-Kantine und Mara Genschel überforderte die verkaterten oder noch nicht wieder nüchternen Adepten der Literatur mit Play* vollends. Einer der beiden Herausgeber der vorliegenden Blütenlese las dazumal synchron zur kraftstrotzenden Darbietung eines Bodybuilders. Bedeutung inklusive.

Es ist eine gute Idee, Vortragende nach ihrem Ethos und abgründigen Erfahrungen zu fragen. Anlass und Rahmen könnten vielversprechender nicht sein. Und manche Romanciers und Lyrikerinnen sollen ja auch gute Essays schreiben können. Und viele Kulturansager glauben ja noch immer dem Gerücht: Wer verkäufliche Bücher schreibt, kann auch gut daraus vortragen. Hierin liegt aber, um es vorweg zu nehmen, das Hauptproblem dieser Sammlung: Keine/r der ausgewählten Autorinnen und Autoren ist in irgendeiner Weise durch eine markante Vortragskunst in Erscheinung getreten. Es geht hier nicht darum, Jandl als Maß der Dinge anzulegen. Auch ohne die Vergleichsgröße ergibt die Auswahl weniger Sinn als zunächst vermutet. Das liegt an der leidigen Idee mutmaßlicher Vermittelbarkeit von Literatur, der einzig und allein im Beitrag von Friederike Mayröcker (schlicht mit «Die Lesung» betitelt), bis in die Interpunktion und in die Konzinnität der Satzgrammatik hinein, eine lange Nase gedreht wird:

«[A]ber am Anfang steht das Lampenfieber ehe ich eine Lesung, pochenden Herzens, ich mache vor lauter Aufregung Leseversionen, heiszt, ich verändere den Text um ihn zu korrigieren, kürze den Text ab um meine Hörerschaft nicht zu überfordern, was zu den liebevollen Ausrufen: ›es war wieder zu kurz! viel zu kurz‹ führt, usw.»

Die Idee, dass eine Lesung möglicherweise nicht im Dienst der Leserschaft steht, sondern in den Dienst der Sprachkunst zu stellen ist, darauf kommen nicht einmal die ärgsten Verächter des Formats Lesung. Viele Beiträge sind von einer erschreckenden Dienstleistungsmentalität und dem Willen zur überlebensgroßen Glosse gekennzeichnet. Wo bleibt da die Glossolalie? Als hätte es August Stramm, Elsa von Freytag-Lohringhoven und die Phonetische Poesie nie gegeben.

Einzig der Lyriker Norbert Hummelt setzt einen ernstgemeinten Referenzrahmen. Sein Essay ist persönlich im Ton und glaubwürdig situiert. Er vergleicht ein sehr gelungenes mit einem Leseereignis, das er als ausgesprochen misslungen empfand. Sein Revanchebedürfnis gegenüber den Veranstaltern eines Gellert-Jubiläums und einem dort musikalisch-übergriffig in Erscheinung getretenen Gitarren-Slacker («Irrwisch») lässt sich nur allzu gut nachvollziehen. Norbert Hummelts ideale Lesung war eine Darbietung der «Winterreise», die der Lyriker mit Gedichten aus eigener Produktion, wie er es formuliert, «bereichern» durfte. Auf eine hübsch mäandernde Weise sucht Hummelt Nachbarschaftliches zwischen Musik und Poesie und kommt dabei unversehens auf das Trennende von Musik und Lyrik zu sprechen: «[D]ie ideale Lesung fand […] in einer gefährlichen Nähe zur Musik statt, deren Rauschwert und sinnliche Kraft für den vortragenden Dichter immer eine Sehnsucht und Versuchung darstellt: Zum einen muß er sie in sich und seinen Gedichten entfesseln und im Vortrag zur Geltung bringen, zum anderen soll sie den Geist, der zu gleich mit dem Wort am Klang hängt, nicht ganz und gar ertränken.»

Leider wird allzu oft ein kulturpessimistisches Parlando angestimmt; und die auf Friedrich Nietzsches Tragödienschrift anspielende Betrachtung «Die Geburt der Lesung aus dem Geist der Musik» versinkt einige Gedanken zu früh in melancholischer Romantikfrömmigkeit. Es entsteht immerhin eine echte Reibungsfläche. Jüngere Lyrikschaffende wagen diese poetologische Apodiktik nicht, sondern begnügen sich mit Checklisten, atmosphärischen Skizzen und gefallen sich in Koketterie:

«Eine gut ausgesteuerte Mikrofonanlage erwies sich in der Vergangenheit schon oft als hilfreich.» (Nadja Küchenmeister)

«da sei Hall, auf dem Skeptiker sei Hall/ und das Mikrophon» (Ron Winkler)
 
«Lauschen Sie also jetzt meinen Gedichten» (Nadja Küchenmeister)


Fand hier eine ideale Lösung statt?
 

Wirklich herausragende Performerinnen und Performer, die der Lesung – wohlgemerkt unter Verzicht auf ein kompensatorisch kunstreligiöses Autoritätskonstrukt – neue Konturen geben und neue Facetten abgewinnen wollen, lässt die vorliegende Auswahl schmerzlich vermissen. Es fehlen reflektierte Stimmen der Vortragskunst wie Tom Bresemann, Ann Cotten, Crauss, Christian Filips, Mara Genschel,  Jürg Halter, Thomas Havlik, Martina Hefter (und das Kollektiv «PIK7»), Maren Kames, Simone Kornappel, Norbert Lange, Michael Lentz, Zé do Rock, Valeri Scherstjanoi, Ulrike Almut Sandig, Walter Fabian Schmid, Julia Trompeter, Anja Utler, Andrascz Jaromir Weigoni, um nur die erzpoetischen unter den gewieft ideenreichen Impulsgeberinnen und Impulsgebern zu nennen, die die Dichterlesung intermedial wie interdisziplinär mit anderen Künsten in Verbindung bringen, ohne dabei Stimme oder Schrift jeweils als ein Primat zu konstruieren.
 
Die überwiegende Mehrheit der Beiträge ist gewiss humorvoll gemeint, aber humoristisch geraten. Natürlich kann man eine ideale Lesung ex negativo bestimmen. Liste machen. Und ebenso nahe liegt es, mit der Frage nach der Idealität spielend, die Folie der idealistischen Philosophie (Hegelästhetik und Kantkritik) auf Beobachtungen zur (semi-)privaten Schwundform der heutigen ›Salonlesung‹ zu legen; oder Erinnerungen an Vorlesepersönlichkeiten aus der eigenen Kindheit zu beschwören; oder gleich Doppelgänger auftreten zu lassen; oder idyllische Totengespräche mit höchstpersönlichen Dichterheroen in bukolischer Landschaft zu imaginieren. Narzisstischer geht’s dann wirklich nimmer! Immerhin einmal blitzt ein schöner Wahnsinn auf, wenn Max Goldt seine eigene Stimme mit derjenigen Jandls vergleicht und zu dem Schluss kommt: «Meine Stimme ist nicht froschartig und glücklicherweise, bei allem Respekt, viel besser als die von Jandl, der es an Wärme und Geschmeidigkeit mangelte – sie klang nach krankem Magen und eiserner Arbeit.» – Blöd bloß, dass diese ulkige Selbsteinschätzung weder als Argument taugt, noch in irgendeiner Weise interessant ist. Die Vielfalt an Stimmen und neuen Konzepten ist größer als es «Die ideale Lesung» auch nur erahnen lässt.

Ernst Jandl selbst sprach übrigens von einer «gelungene[n] und erfolgreiche[n] Lesung». Er hatte kein Ideal vor Augen, sondern pragmatische Handreichungen, die übrigens auch zeigen, dass er voll angekommen war im Literaturbetrieb. Aus anarchokünstlerischer Sicht sind seine Dikta durchaus dazu angetan, mit Jandl nachträglich etwas Mitleid zu empfinden; aber auch mit den reagierenden Beiträgern, die die Anzahl ihrer Lesungen («um die tausend») und ihrer «Dienstjahre» verkünden. Unversehens denkt man an das Lied von Klaus Lage. Hat Jandl den Zauber der Improvisation und das aleatorische Moment von Auftritten wirklich so gering geschätzt? Nicht wenige Reaktionen schäumen vor unverhohlenem und voreiligem Hohn.


Fanden hier ideale Lesungen statt?
 

Der im Vorwort erwähnte steinige Anfang Jandls als Autor hat offenbar einen Tort verursacht, und soll ein Erklärungsmuster für den Tonfall und Forderungskatalog abgeben, aus dem wiederum ein Furor in Bezug auf das Format Lesung spräche: «Um das zu verstehen, blende ich in die späten 1950er Jahre zurück. Ernst Jandl hatte damals die ersten seiner radikaleren Gedichte veröffentlicht – mit einem sehr zwiespältigen Ergebnis. […] Während er niemanden fand, der seine Texte drucken wollte, konnte er doch während seiner Lesungen Einblick in sein Schreiben geben. Lesungen konnten Buchpublikationen zwar nicht ersetzen, sie durchbrachen aber die Isolation, in der sich der Autor damals befand, und halfen ihm so, an sich als Autor zu glauben.»

Es keimte mit einsetzendem Dichterruhm gerade nicht so etwas wie ein Distinktionsbedürfnis auf, sondern die Publikumsaffinität blieb eine Konstante auch in Jandls später Schaffensphase: «Für Ernst Jandl zählte in den späten Jahren etwas anderes. Lesungen waren für ihn schon lange nicht mehr der einzige Ort, an dem seine Texte ein Publikum fanden. Sie führten ihn aber aus der im Alter wachsenden Isolation an seinem Schreibtisch heraus und demonstrierten ihm ganz konkret, dass seine Gedichte auf Resonanz stießen.»

Der zuweilen cäsarenhafte Ton der «Hinweise für eine Veranstaltung mit Ernst Jandl» verrät ein starkes Bedürfnis nach Selbstermächtigung: «Beachten Sie, dass die vorgetragenen Texte vom Flüstern, Hauchen bis zum Schreien variieren. […] Sein Auftritt wird ca. 70-80 Minuten dauern. Drei bis fünf Zugaben sind die Regel. Danach ist Ernst Jandl – nach einer Zigarettenpause – zum Signieren seiner Bücher bereit […] Videoaufnahmen sind nicht gestattet. Tonaufzeichnungen […] sind vorher anzumelden. […] Das Honorar ist spätestens am Folgetag der Lesung einzuzahlen.»

Provokanter als dieser barsche Tonfall ist indes die hedonistische Genüsslichkeit, die mit dem altdeutschen Sonderweg (Spitzweg) und der ‹Lyrik als Beruf› (frei nach Max Weber) schwer vereinbar scheint: «Nach der Veranstaltung ist Ernst Jandl einem geselligen Beisammensein in kleinem Kreis sehr aufgeschlossen. Eine Tischreservierung in einem gutbürgerlichen Lokal ist dem Autor willkommen. Bitte fragen Sie aber vorher nach, wann die Küche schließt, da Sie unter Umständen erst gegen 23 Uhr im Lokal sein werden.»

Besonders aber die Honorarhöhe Jandls gibt in zahlreichen Beiträgen den Fond ab zu wohlfeiler Süffisanz. Eine Dekonstruktion der gefühlten oder tatsächlichen Anmaßung, die aus Jandls Anweisungen (euphemistisch «Hinweise» genannt) an die Veranstalter hervorkommt, ist nur der aus Karl-Marx-Stadt gebürtigen Autorin Kerstin Hensel rundum gelungen. Sie macht prägnante Etappen ihrer Autorinnensozialisation episodenhaft transparent. Jandls eigener Passionsweg bleibt latent und Hensels Schlussvolte (wird nicht verraten) ist anzumerken, dass sie ihre Geschichte gegen diejenige erzählt, die Jandls Handout unausgesprochen grundiert. Kerstin Hensel entlarvt dabei Jandls Anweisungen als das, was sie sind, nämlich als Summe von erlittenen Zurücksetzungen, von Lookismus, machtgeiler Indolenz (der ihn ausgeschlossen habenden Literaturcliquen) und blindwütigem Konkurrenzdenken, die sie selbst, aber eben auf andere Weise, erfahren hat, und nun schwarzhumorig skizziert. Das Schmunzeln gefriert einem mehr als einmal um den Mund herum.

«Vom Hocker gefallen

Als während der Leipziger Buchmesse noch jedes Kabüffchen in der Leipziger Innenstadt mit einer Autorenlesung bedacht wurde, wies man mir eine Cocktailbar zu. Die Leute saßen auf Barhockern oder standen am Tresen. Ich las aus einer Erzählung, in der es um morbide, einstürzende Häuser und kaputte Existenzen ging – da krachte es plötzlich. Ein Mann war ohnmächtig (tot?) vom Hocker gefallen, die Lesung mit dem Eintreffen des Rettungswagens zu Ende.»

Über die Lesung – und gar eine ideale Lesung – verraten die versammelten Beiträge ansonsten nur sehr wenig, dafür sind auch die zum Beitrag Gebetenen viel zu sehr moderate Bühnenpersönlichkeiten. Sagt wer Jandl («lauter leise leute»), sagen sie Rilke. Ernst Jandl war nicht nur ein Perfektionist, wie im Vorwort versichert wird, sondern er war eben auch expressiv und extrem. Die Essays zu Jandls «Kunst der Erschöpfung» des Wiener Germanisten Helmut Neundlinger geben diesbezüglich einen guten Einblick und zeigen dabei ergiebige Parallelen zwischen Jandls Vortrag und bestimmten Musikstilen auf: «Dem Jazz blieb Jandl buchstäblich bis zum Umfallen treu – wenngleich er sich ‹auf seine alten Tage› einen äußerst jungen und attraktiven Geliebten hielt: den HipHop bzw. Rap […]»

Verblüffend ist in «Die ideale Lesung» das Fehlen von Statements aus der Spoken-Word-Szene (v.a. von Bas Böttcher und Lydia Daher) sowie von Vertreterinnen und Vertretern der Lautpoesie und der Konkreten Poesie. Zu denken ist an Gerhard Rühm und Franz Mon, die Jandl an Vortragstalent und poetischer Findigkeit in nichts nachstehen. So wird nolens volens der Eindruck erweckt, Jandl sei ein Unikum gewesen, wo er doch Teil einer Tradition ist, deren Fortbestehen vom Feuilleton und den Publikumsverlagen heutzutage ostentativ ignoriert wird.

Die von Klaus Siblewski und Hanns-Josef Ortheil herausgegebene Sammlung hat unzweifelhaft das Verdienst, die Bedeutsamkeit von Lesungen und Literatur-Performances – schon allein durch die Aufnahme zugkräftiger Namen – in ein helles öffentliches Licht gerückt zu haben. «Die ideale Lesung» erstickt leider ein wenig am Zuviel einer koketten Gediegenheit. Ein an avancierter Literatur und ihrem kongenialen Vortrag interessiertes Publikum wird von der Lektüre dieses hübsch gestalteten, schmalen Bändchens leicht enttäuscht sein. Zu schnell ermüdet die Legion vorwiegend harmlos witzelnder Reaktionen auf Jandls provozierende Dikta, wie überhaupt die zum Ausdruck kommende defensive und von tiefem Misstrauen geprägte Einstellung gegenüber einem nicht konsumorientierten Publikum: Wer Fragen stellt, gilt offenbar als Besserwisser und Störenfried. Neben Jandls Spleen ist die Lektüre des Buchs allein schon der Beiträge von Hensel, Hummelt und Mayröcker wegen lohnenswert. Die Anthologie empfiehlt sich als ein hilfreicher Fingerzeig für künftige Herausgaben zu diesem von Praktiker*innen bisher wenig betretenen Terrain.


Die ideale Lesung. Hrsg. von Klaus Siblewski und Hans-Josef Ortheil. Mainz (Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung) 2017. 143 Seiten. 15,00 Euro.
Zurück zum Seiteninhalt