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(Anonym:) Dieses Buch trägt diesen Titel

Rezensionen

Jan Kuhlbrodt

Zu "Dieses Buch trägt diesen Titel" (roughbook 044)


1982 erschien im Leipziger Reclam Verlag ein Buch des Lyrikers und Gründers des deutschen Literaturinstitutes Georg Maurer mit Aufsätzen, Reden und Essays. Der Titel dieser Sammlung war: Was vermag Lyrik? Diese Frage zielte wohl auf die gesamte Gattung und nicht so sehr auf das einzelne Gedicht. Der Leipziger Literaturwissenschaftler Walfried Hartinger schreibt dazu (und meint wohl auch zugleich Maurers gesamtes Werk): :„… es enthält zentrale Fragen zu Wesen und Formen der sozialen Zusammenhänge, zur Stellung des Subjekts in der welthistorischen Auseinandersetzung, zum Verhältnis des Menschen zur Natur und zum wissenschaftlichen Progreß; es provoziert die Diskussion über Determination und Freiheit menschlicher Existenz.“

Nun sind seitdem fast vierzig Jahre ins Land gegangen, und auch der Geschichtsoptimismus, den sowohl Maurer als auch Hartinger teilten, beide aus verschiedenen Gründen, der eine aus christlicher Position, der andere aus einer eher marxistischen, Bloch‘scher Prägung, hat sich in Unwohlgefallen aufgelöst. Aber diese Auflösung hatte den Effekt, dass der Lyrik eine gewisse Verantwortungslast, zumindest theoretisch, von den Schultern genommen wurde.

Schnallt man sich dieses Gedicht auf den Rücken,
strahlt es eine angenehme Wärme aus. Nach etwa
einer viertel Stunde lösen sich dann zwölf behaarte

Würmchen aus dem Gedicht, die jeweils ein genau
definiertes Ziel haben. Diese Ziele variieren jedoch
von Anwendung zu Anwendung, daher sind weitere

Informationen nur per Selbstversuch zu haben.
               

Und natürlich trägt dieses roughbook keinen Titel, als wolle es Barthes‘ These vom Tod des Autors, den es nach den Umschlagangaben nämlich auch nicht hat, radikalisieren. Kein Autor, kein Titel, aber ein Text, der letztlich auf das Konto eines anonymen Beobachters geht, der Gedichte beobachtet, deren Kern jeweils darin besteht, die ihm angedichtete Textform zu verlassen. Eine geradezu selbstzerstörerische Bewegung:

Es ist nicht möglich, dieses Gedicht in einen
Handschuh zu stecken. Es ist kaum möglich, es
nicht trotzdem zu versuchen. Schon der Ansatz

eines Versuches führt dazu, dass sich dieses Gedicht
in fünf Sekunden selbst vernichtet.

Es kommt leichtfüßig daher, dieses Buch, aber der Text hat es in sich, oder besser, die Texte, deren jeweiliges Subjekt ein Gedicht ist. Ein Gedicht also als Protagonist in einem Gedicht. Der Leser wird zum Beobachter der jeweiligen Gefühlslage dessen, was philologischer Miss-interpretation zu Folge Gefühle zuallererst zum Ausdruck bringt. Wessen Gefühle – die des Autors? Keiner weiß besser, dass das nicht der Fall ist, gar nicht der Fall sein kann – als das Gedicht selbst. So kämpft das Buch (oder das Gedicht) gewissermaßen seit dem Einzug der Postmoderne an mindestens zwei Fronten der Zuschreibung (gegen Gefühligkeit und politische Instrumentalisierung) und hat sich dabei selbst etwas aus den Augen verloren. Ist in einem permanenten Selbstfindungsprozess. Das vorliegende roughbook begleitet das Gedicht in seinem notwendigen Scheitern. (Und hier rettet sich Dialektik: Ein Scheitern, das eine Befreiung ist. Eine Befreiung nicht für, aber zum Text.

Um zu Maurers Eingangsfrage zurückzukehren, was Lyrik vermag:
    Zumindest diese Lyrik lässt die Gedanken des Lesers (in diesem Fall meine) weit über ihre ungesteckten Ziele hinausgehen, und das unterhält ungemein.

PS: Der Rezensent kennt den Namen des Autors, den es nicht gibt, und der sich bester Gesundheit erfreut.


(Anonym:) Dieses Buch trägt diesen Titel. Herausgegeben von sich selbst. Wuppertal, Berlin, Schupfart (Urs Engeler - roughbook 044) 2017. 80 Seiten. 15,00 Euro.
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