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(Adrian Kasnitz, Wassiliki Knithaki:) Kleine Tiere zum Schlachten

Rezensionen


Gerrit Wustmann

Keine Haut zum Wechseln
 
Kasnitz und Knithaki bringen griechische Lyrik nach Deutschland

 
Griechenland gehört zu jenen Ländern, die, spätestens seit der Finanzkrise, dann wieder in der Flüchtlingskrise, ein mediales Dauerthema in Deutschland sind. Mit allen Oberflächlichkeiten, die so dazu gehören. Gibt es einen besseren Grund, die griechischen Dichter zu fragen, wie sie die Angelegenheit sehen? Und dennoch findet sich auf dem hiesigen Buchmarkt so gut wie keine Lyrik aus Griechenland. Eine der wenigen Ausnahmen ist die von Dirk Uwe Hansen bei Reinecke & Voß herausgegebene Reihe.
 
Die Herausgeber Adrian Kasnitz und Wassiliki Knithaki setzen dazu an, das zu ändern, und es bleibt zu hoffen, dass ihre gerade in der Parasitenpresse erschienene Anthologie „Kleine Tiere zum Schlachten. Neue Gedichte aus Griechenland“ Nachahmer findet. Die Auswahl von 29 zeitgenössischen Dichterinnen und Dichtern, die mit jeweils zwei Texten vorgestellt werden, gibt einen kleinen Einblick in die Bandbreite lyrischen Schaffens mehrerer Generationen, eine Vielzahl an Stilen und inhaltlich-formalen Ansätzen, die neue Perspektiven eröffnen. Und auch wenn das gehäuft auftaucht, sind die wirtschaftliche und soziale Lage sowie die Situation der Geflüchteten längst nicht die einzigen Themen, die einem hier begegnen. Also keine Angst: Die Herausgeber haben nicht den Fehler gemacht, den Schwerpunkt auf tagesaktuelle Bezüge zu legen. Im Gegenteil. Das Buch ist eine Sammlung ohne rasches Verfallsdatum.

Und auch jene Texte mit diesen heutigen Bezügen sind ausgesprochen stark, wie beispielsweise Lenia Safiropoulous Langgedicht, das verstörend intensiv das Elend der Geflüchteten mit der konsumsatten europäischen Gesellschaft kreuzt, die lieber an ihren Stränden ungestört bliebe: „Wenn du ihnen ähneln willst / verbirg dich zärtlich wie eine Perle in dem Sand.“ Und Jazra Khaleed, der syrische Wurzeln hat, schreibt: „Wenn sie mich schon umbringen, dann lieber in einer Fremdsprache. (…) Auf dem Weg von Damaskus nach Berlin traf ich einen alten Soldaten aus Dara'a, der seine Albträume nicht mehr tragen konnte. Ich rollte sie ein und steckte sie in meinen Koffer. Am Flughafen zahlte ich die Gebühr für zusätzliches Gepäck.“

Was fasziniert, ist die reiche Bildersprache, die auch in der Übersetzung, an der elf Übersetzer mitgewirkt haben, durchscheint. Herausgehoben sei ein Gedicht von Patricia Kolaiti:

Männerarbeit
Sie leben unter Felsen
verwandeln sich zu Stein
Werden Wasser
damit Regen sie nicht antippen kann
Denn sie
haben keine andere Haut zum Wechseln
außer der
die sie innen tragen

Unterbrochen werden die Gedichte von Schwarz-Weiß-Fotografien der Herausgeber. Sie zeigen Straßenszenen, Wände voller Graffiti, Tags, graue Hauswände. Sie spiegeln die Trostlosigkeit, die sich in vielen der Texte findet, aber eben auch den Widerstand, das Nicht-Abfindenwollen mit einer Situation, die prekär, aber keineswegs hoffnungslos ist. „WAR!“ steht an einer Wand, „Ich werde gequält“ an einer anderen. Stumme Hilferufe, daneben ein Fisch mit offenem Maul, anderswo ein Kind, das schläft oder ein Kind, das tot ist, je nach Blickwinkel.

Was ist das für ein Land, wenn man dort lebt, wenn man es Heimat nennt? Vielleicht helfen die Worte von Thodoris Rakopoulos weiter:

Kurzfilm
Mein Heimatland ist ein Billigflug, es lebt davon, Küsten aufzuzehren, wie Ziegen auf Postkarten Salz lecken. Ein Rettungsdarlehen schleppt es mit, alle Arten von Seilzügen heben seine Extremitäten, mit Scharfschützen an den Ecken, die die Prozession absichern. Eine einzige Version nehme ich davon und erkenne es an seiner Anleihe-Struktur. Ein Investment mit einem Zeithorizont, todsicher; androgyn bestätige ich es, wie ein Drehbuch. Ich trage eine Second-Hand-Brille, damit es seine eigene Spiegelung sehen kann, und lade zu Mastixlikör ein, den ich extra geklaut habe. Es macht sich eine Fluppe an und schaut, noch einmal durch meine Brille, meinen Kurzfilm über ein Heimatland an, mit Preisen wird er auf ausländischen Festivals behäuft.

Mehrfach begegnet dem Leser der Vogel als Symbol: Ein Vogel, der fliegen will aber nicht kann, der eingesperrt ist oder ein Vogel ohne Beine. Bei Phoebe Giannisi ist er „gefangen bei geöffnetem Fenster“, das Fliegen will ihm nicht gelingen, immer wieder knallt er gegen die Decke. Anderswo wird Ted Hughes zitiert, Sylvia Plath verabschiedet, und natürlich tauchen Akteure der griechischen Mythologie auf – aber anders, als man es erwartet.

Kasnitz und Knithaki ist eine vielschichtige Anthologie gelungen, und bei manchen der enthaltenen Dichter wünscht man sich mehr. Vielleicht folgen ja irgendwann auch Einzelbände. Oder weitere Anthologien. Es wäre ein Gewinn. Für die Literatur wie die Leser.

(Adrian Kasnitz, Wassiliki Knithaki: Kleine Tiere zum Schlachten. Neue Gedichte aus Griechenland. Köln (parasitenpresse) 2017. 116 Seiten. 15,00 Euro.
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